Herr Lanckau, wenn wir über Hans Böhm sprechen, der vor 550 Jahren als ungebildeter Hirte Massen bewegte, ziehen Sie einen überraschenden Vergleich zur heutigen Medienwelt. Sie erwähnen Benjamin Berndt, bekannt als Ben vom Podcast "Ungeskriptet". Was verbindet einen mittelalterlichen Laienprediger mit einem modernen Social-Media-Influencer?

Jörg Lanckau: Das Phänomen ist tatsächlich vergleichbar. Wir leben heute in einem Zeitalter, in dem es offizielle Kanäle gibt, aber daneben die Möglichkeit für Einzelne, sich persönlich auszudrücken, ohne Profis im klassischen Sinne zu sein. Wenn jemand wie Ben ein Interview mit Björn Höcke führt und damit fünf Millionen Menschen erreicht – so viele wie die Tagesschau –, dann zeigt das eine enorme Reichweite abseits etablierter journalistischer Standards. Die Menschen suchen dort etwas, das sie bei den Profis für Politik und Religion nicht mehr finden. Im Mittelalter war es ähnlich: Es gab eine hochgradig institutionalisierte Kirche, aber der "Pfeiferhannes" bot als enthusiastischer Laie eine Alternative an, die die Defizite des Offiziellen abdeckte. Er war kein Profi, aber er war für die Menschen interessant, weil er eine unmittelbare Sprache sprach.

Wie müssen wir uns die Welt vorstellen, in die Hans Böhm hineinpredigte? Sie beschreiben das 15. Jahrhundert als eine Zeit der "Götterdämmerung".

Das Spätmittelalter war eine Zeit tiefer Beunruhigung. Das etablierte System von Papsttum und Kaiserreich kam ins Wanken. Denken Sie an den Fall von Konstantinopel 1453, der christlichen Hauptstadt – das war ein Schock für die westliche Welt. Hinzu kam die ständige Bedrohung durch die Osmanen, die im 16. Jahrhundert sogar vor Wien standen. Es herrschte eine regelrechte Krisenstimmung mit apokalyptischen Zügen, die man auch in der Kunst, etwa bei Albrecht Dürers apokalyptischen Reitern, wiederfindet. In dieser Atmosphäre, in der das alte Weltbild zerbrach, suchten die Menschen nach neuen Antworten.

Zu dieser Krisenstimmung kamen noch ganz reale, existenzielle Bedrohungen durch Krankheiten hinzu. Wie wirkte sich das auf die Spiritualität der Menschen aus?

Wir müssen bedenken, dass die Menschen damals in einer fast 200-jährigen Pandemiezeit lebten. Die Pest kam in Wellen immer wieder zurück. In den eng bebauten Städten verbreiteten sich Krankheiten und Brände rasend schnell, und die Medizin hatte kaum Antworten. Die Kirche bot zwar rituelle Gottesdienste an, aber viele Menschen fragten sich: "Was nehme ich da eigentlich mit?". Wenn dann jemand wie Böhm auftrat, der von realen religiösen Erfahrungen wie Marienerscheinungen sprach, traf das auf einen extrem fruchtbaren Boden. Die Menschen sehnten sich nach einer spirituellen Kraft, die über das rein Institutionelle hinausging.

Sie schildern Hans Böhm als eine faszinierende, charismatische Gestalt. Wie konnte dieser junge Mann, ein "Waisenkind und Hirte", eine solche Wirkung entfalten?

Er war etwa 18 oder 19 Jahre alt, ungebildet und kam aus einfachsten Verhältnissen. Aber er predigte enthusiastisch. Seine spirituelle Kraft war vielleicht gar nicht das Entscheidende, sondern sein Charisma und die Tatsache, dass die Themen bereits "in der Luft lagen". Er versprach den Menschen Dinge, die die Kirche nur gegen Bezahlung oder mühsame Wallfahrten anbot, wie etwa den Ablass für Sünden. Wenn so ein junger Bursche kommt und sagt: "Ich erzähle euch, was ich vom lieben Gott mitbekommen habe", dann ist das eine enorme Provokation für das System, aber ein Magnet für die Massen.

Jörg Lanckau

Jörg Lanckau (55) ist Professor für Biblische Theologie und Kirchengeschichte an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, wo er seit 2013 lehrt. Er studierte Theologie in Halle, Basel und Leipzig und lebt in Castiel (Graubünden) und Nürnberg.

Böhm war jedoch nicht der Erste, der die Korruption der Kirche angriff. Welche anderen Vorläufer oder Bewegungen der Vorreformation nennen Sie in diesem Zusammenhang?

Es gab eine lange Tradition von Gegenbewegungen. Ich nenne da oft die Katharer in Südfrankreich oder den Kaufmann Petrus Waldes aus Lyon, auf den die Waldenser zurückgehen, die als "Netzwerk-Kirche" bis heute existieren. Auch Jan Hus ist eine zentrale Figur; auf dem berühmten Reformationsbild steht er sogar in der ersten Reihe, noch vor Luther. All diese Bewegungen kritisierten die Verweltlichung und die Gier der Kirche. Ein prominentes Beispiel für die damalige Korruption ist Albrecht von Mainz, der sein Bischofsamt schlicht durch Ämterkauf (Simonie) erwarb. Böhm reiht sich in diese Kritik ein, wenn er predigt, dass Gott die Eitelkeit und Gier der Bischöfe verurteilen werde.

Ein zentraler Punkt in Böhms Wirken waren seine Marienerscheinungen. Warum wurden ihm gerade diese zum Verhängnis?

Durch die Berufung auf die Jungfrau Maria nahm Böhm eine eigene Autorität in Anspruch, die außerhalb des kirchlichen Systems stand. Er brauchte keine offizielle Ausbildung oder die Weihe durch einen Bischof; er hatte den direkten Draht nach "oben". Das ist zutiefst antiinstitutionell. Die Kirche konnte das nicht kontrollieren. Deshalb lautete die Begründung für sein Urteil später auch, er habe die Erscheinungen mit Hilfe des Teufels nur vorgetäuscht. Man bestritt nicht, dass es Erscheinungen geben könne, aber man musste ihm die Legitimität absprechen, um die eigene Ordnung zu schützen.

Hans Böhm wurde sehr schnell verhaftet und hingerichtet. Wie reagierte die Obrigkeit auf seinen Erfolg?

Der Würzburger Fürstbischof ließ ihn verhaften und relativ schnell zum Tode verurteilen und verbrennen. Die Obrigkeit nahm ihn extrem ernst, weil seine Anhängerschaft – man sprach von bis zu 70.000 Menschen – die öffentliche Ordnung gefährdete. Wenn die einfachen Leute ihren täglichen Pflichten und der Fronarbeit nicht mehr nachgingen, sondern einem Prediger hinterherliefen, geriet das soziale Gefüge ins Wanken. Er war ein Dorn im Auge der Institution, und man wollte ihn so schnell wie möglich loswerden.

Inwieweit sehen Sie eine Verbindung zwischen Hans Böhm und späteren Ereignissen der Reformation, wie den "Memminger Artikeln" oder Martin Luther?

Es gibt inhaltlich klare Parallelen. Böhm predigte, dass alle Menschen gleich seien – eine Forderung, die wir auch bei Jan Hus und in der sozialen Dimension der Reformation wiederfinden. Auch die Kritik am Ablasswesen und der Gier der Geistlichkeit verbindet ihn direkt mit Luther. In Wittenberg wurde später durchaus diskutiert, dass man durch Böhms schnellen Tod gewarnt war, wie gefährlich es ist, sich gegen die Institution zu stellen. Böhm hat sozusagen den geistigen Nährboden bereitet, auf dem die späteren Forderungen der Bauernbewegung und der Reformatoren wachsen konnten.

Sie sprachen die Gleichheit aller Menschen an. Hatte Böhms Predigt also auch eine starke soziale Sprengkraft?

Absolut. Die mittelalterliche Gesellschaft war unter eine enorme Spannung geraten. Die Forderung, dass alle aus einem Kelch trinken dürfen oder dass soziale Systeme aus den Erträgen der Klöster aufgebaut werden sollten, war revolutionär. Die spirituelle Kraft des Christentums wurde hier als Befreiungsbewegung genutzt. Luther selbst war später zwiegespalten: Er suchte den Schutz der Fürsten, was die Reformation zwar rettete, aber gleichzeitig wieder zu einer neuen Institutionalisierung führte, die radikalere soziale Bewegungen oft unterdrückte.

Denken wir an die Mariendarstellungen, etwa in St. Sebald oder auf der Nürnberger Burg. Wie hängen dieser Kult und Hans Böhm zusammen?

Die Marienfrömmigkeit war damals ungeheuer stark, was man an den unzähligen Darstellungen der Marienkrönung sieht. Maria wird dort fast in den Stand der Göttlichkeit gehoben, als eine Gestalt mit direktem Zugang zu Gott. In den Kirchen, auch heute noch, sind dort, wo die Marienbilder stehen, oft die "Herzen der Leute" und die Kerzen. Wer sich wie Böhm diese enorme spirituelle Kraft zunutze macht – und das ohne Kaiser und Kirche –, der gewinnt eine Macht, die ihn für die Institution zum gefährlichen Feind macht. Er hat die Sehnsüchte und Projektionen der Menschen an einem Punkt abgeholt, den die offizielle Kirche nicht mehr erreichte.

Das "Pfeiferhannes"-Denkmal in Helmstadt bei Würzburg.
Das "Pfeiferhannes"-Denkmal in Helmstadt bei Würzburg.