Weltklasse-Musikerinnen in einem 1200-Seelen-Ort: Für Markt Einersheim am Rand des Steigerwaldes bedeutet die Teilnahme am Mozartfest Würzburg vor allem eines: gemeinschaftlichen Aufbruch. Am Samstag, 27. Juni, wird die Matthäuskirche zum Konzertsaal von internationalem Rang. 

Als die Nachricht aus Würzburg kam, war die Freude in Markt Einersheim groß: Die kleine Gemeinde am Rand des Steigerwaldes sollte tatsächlich Austragungsort eines Konzerts im Rahmen des internationalen Mozartfest Würzburg werden. Keine Außenbühne in einer Großstadt, kein renommierter Konzertsaal – sondern die Matthäuskirche mitten im Ort.

Am Samstag, 27. Juni, wird dort ein Streichertrio von internationalem Rang auftreten: mit der Geigerin Tianwa Yang, der diesjährigen "artiste étoile" des Mozartfests, dazu Lily Francis an der Viola und Valentino Wortlitzsch  am Violoncello. Gespielt werden Werke von Mozart und Beethoven ebenso wie zeitgenössische Kompositionen. Für Markt Einersheim ist das weit mehr als nur ein Konzertabend. Es ist ein kulturelles Ausrufezeichen – und ein Projekt, das die gesamte Gemeinde in Bewegung gesetzt hat.

"Stars bei uns" als Chance

Möglich wurde das durch das Format "Stars bei uns", das das Mozartfest 2024 erstmals ins Leben gerufen hat. Die Idee dahinter beschreibt Festivalintendantin Evelyn Meining mit bemerkenswerter Klarheit: "Dieses Konzertformat widerlegt alle überbrachten Klischees von Klassik: Es ist nicht elitär, sondern nah an den Menschen." Genau darum gehe es: klassische Musik dorthin zu bringen, "wo Gemeinschaft stattfindet", und damit den Zusammenhalt in ländlichen Orten zu stärken.

Für Meining ist "Stars bei uns" weit mehr als ein Gastspielformat. Die Konzerte sollen Menschen motivieren, selbst aktiv zu werden. Sie sollen zeigen, "wie sehr die Kraft der Musik uns Menschen guttut". Und sie sollen die Orte selbst sichtbar machen – mit ihren Besonderheiten, ihrer Geschichte und ihrer kulturellen Identität. Gerade deshalb sei Markt Einersheim eine ideale Wahl gewesen.

"Die Gemeinde hat sich absolut überzeugend präsentiert", sagt Meining. Überzeugt habe nicht nur die historische Kulisse mit ihren architektonisch sehenswerten Gebäuden und der Kirche St. Matthäus mit ihrem gotischen Chorturm als idealem Konzertort. Entscheidend sei vor allem die Leidenschaft gewesen, mit der sich der Ort kulturell engagiere.

Lebendige Kulturgemeinde

Tatsächlich begann die Geschichte lange vor der Bewerbung beim Mozartfest. Seit Jahren organisiert der Arbeitskreis "Kultur im Rathaus" Konzerte und Veranstaltungen im Ort. Nachdem das Rathaus saniert worden war und ein neuer Veranstaltungssaal zur Verfügung stand, entstand dort eine feste kulturelle Reihe. "Elf Jahre lang haben wir im Rathaus zweimal im Jahr Aufführungen mit Musik organisiert", erzählt Winfried Laug. Kulturinteressierte aus dem Ort schlossen sich zusammen, planten Veranstaltungen und bauten Schritt für Schritt ein kleines, aber ambitioniertes Kulturprogramm auf.

Zu den prägenden Köpfen gehörte auch der inzwischen verstorbene Rolf Lupold. Gemeinsam mit Hiltrud Böhm brachte er schließlich die Bewerbung für das Mozartfest auf den Weg. "Beim ersten Mal hat es noch nicht ganz gereicht", erinnert sich Laug. Doch der Arbeitskreis ließ nicht locker. Für die zweite Bewerbung entstand eine aufwendig gestaltete Präsentation, in der nicht nur das Konzertprojekt beschrieben wurde, sondern die gesamte Gemeinde vorgestellt wurde – ihre Geschichte, ihre Vereine, ihre kulturellen Aktivitäten.

Vor allem Hiltrud Böhm investierte viel Arbeit in diese Unterlagen. Sie verfasste ein umfassendes Portrait des Ortes und machte deutlich, dass Markt Einersheim nicht nur Veranstaltungsort, sondern aktiver Mitgestalter sein wollte. Offenbar genau das, wonach das Mozartfest gesucht hatte.

Denn für Evelyn Meining spielt der Gedanke der Nachhaltigkeit bei "Stars bei uns" eine zentrale Rolle. Die Einnahmen eines solchen Konzertabends sollen nicht einfach versickern, sondern neue kulturelle Projekte ermöglichen. "Wenn am Schluss ein schöner Betrag durch Kartenverkäufe und Catering erwirtschaftet wurde, kann im Ort damit in Nachhaltiges investiert werden", sagt sie.

Musicalprojekt soll folgen

In Markt Einersheim war genau das der entscheidende Punkt. Denn die Gemeinde hatte bereits eine konkrete Idee entwickelt: Aus den Erlösen soll ein großes Musicalprojekt entstehen, das im kommenden Jahr den gesamten Ort einbindet. Für die Mozartfest-Jury war das offenbar ein wichtiges Argument. "Das entspricht genau unserem Anliegen: Wir bewegen was, um andere zu bewegen", sagt Meining. Dass in Markt Einersheim gleich fünf Chöre gemeinsam ein generationsübergreifendes Musical auf die Bühne bringen wollen, habe perfekt zur Idee des Formats gepasst.

Kerstin Meidel, die sich um die Organisation des Projekts kümmern möchte, denkt bereits intensiv darüber nach, wie dieses Musical aussehen könnte. Noch seien viele Fragen offen, doch die Grundidee stehe fest: Niemand soll außen vor bleiben. "Es soll ein Gemeinschaftsprojekt sein, das alle Chöre verbindet", sagt sie.

Und diese Vielfalt ist in Markt Einersheim tatsächlich bemerkenswert: Posaunenchor, Kirchenchor, Kinderchor, Männerchor und Girls Choir sollen gemeinsam beteiligt werden. Hinzu kommen Vereine und weitere Gruppen aus dem Ort. Jede Formation soll ihren Platz finden und ihre eigenen musikalischen Möglichkeiten einbringen können. "Der Posaunenchor hat natürlich andere Repertoiremöglichkeiten als der Kinderchor", sagt Meidel. Gerade darin liege aber der Reiz.

Dass eine Gemeinde dieser Größe überhaupt auf ein solches kulturelles Fundament zurückgreifen kann, beeindruckte auch das Mozartfest. Denn Markt Einersheim zeigt beispielhaft, wie stark Kultur im ländlichen Raum verwurzelt sein kann – wenn Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.

Die Vorbereitungen für das Konzert laufen deshalb längst auf Hochtouren. Das Mozartfest selbst begleitet die Organisation eng. Die Intendantin und Mitarbeiter des Festivals waren bereits vor Ort, um Abläufe zu besprechen und die Gemeinde zu unterstützen. Vieles wird professionell vom Festival organisiert, gleichzeitig bleibt das Konzert sichtbar ein Projekt des Ortes selbst.

Kirche als organisatorisches Zentrum

Besonders wichtig ist dabei die Rolle der Kirchengemeinde. Dekanatskantorin Marianne Schmidt betont, wie selbstverständlich sich die Matthäuskirche als kultureller Ort verstehe. Die Kirche wird nicht nur Konzertsaal, sondern organisatorisches Zentrum des gesamten Abends. Neben dem Kirchraum werden auch Gemeindehäuser und Räume der Diakonie genutzt – etwa für Garderoben, Vorbereitungen oder die Bewirtung der Künstlerinnen.

Auch Bürgermeister Herbert Volkamer signalisiert die volle Unterstützung der politischen Gemeinde. Denn allen Beteiligten ist bewusst, welche Bedeutung ein solches Ereignis für Markt Einersheim hat. Der Ort wird Teil eines international renommierten Festivals – und präsentiert sich gleichzeitig als lebendige Gemeinde mit starkem Zusammenhalt.

Moderne bildende Kunst zu sehen

Dass der Abend weit über ein gewöhnliches Konzert hinausgehen soll, zeigt auch das zusätzliche Kunstprogramm. Die Würzburger Bildhauerin Angelika Summa stellt mehrere Skulpturen zur Verfügung, die rund um die Kirche und im Innenraum präsentiert werden. Zwei große Kugelskulpturen sollen im Außenbereich installiert werden, weitere Arbeiten im Kirchenraum und im hinteren Bereich der Kirche. Für Winfried Laug verleiht das dem Konzert "eine besondere Note". Musik und bildende Kunst treten miteinander in Dialog – eingebettet in die historische Atmosphäre des Ortes.

Und vielleicht liegt gerade darin die besondere Stärke dieses Projekts. Markt Einersheim versteht sich nicht als bloßer Gastgeber prominenter Musiker. Der Ort nutzt die Gelegenheit, um sich selbst kulturell weiterzuentwickeln. Das Konzert wird zum Ausgangspunkt neuer Ideen und neuer gemeinschaftlicher Projekte.

Oder wie Evelyn Meining es formuliert: "Es gibt die Chance, eigene Stärken zu zeigen – mit den Schönheiten des Heimatortes, der Lebendigkeit des Vereinslebens und mit dem eigenen Verständnis für die positive verbindende Wirkung von Kultur." Für Markt Einersheim dürfte genau das schon jetzt gelungen sein.