Ein Hund, der beim Vorlesen hilft. Eine Katze, die Trost spendet. Ein Wellensittich, dessen Tod Tränen auslöst wie der Verlust eines Familienmitglieds. Für viele Menschen sind Haustiere weit mehr als Tiere. Sie begleiten durchs Leben, schenken Nähe, hören zu, wenn niemand sonst zuhört, und sind oft die ersten, die merken, wenn es ihrem Menschen nicht gut geht.

Genau diese besondere Verbindung möchte Vikar Gregor Wierciochin sichtbar machen. Am 23. August lädt die evangelische Pfarrei im Neustadter Kessel im Rahmen der Sommerkirche um 10 Uhr zu einem Gottesdienst für Mensch und Haustier auf den Stufen vor St. Georg in Neustadt bei Coburg ein. Eingeladen sind Menschen mit ihren Tieren, aber ausdrücklich auch diejenigen, deren Haustier zu Hause bleibt oder die nur mit einem Kuscheltier kommen möchten. Denn im Mittelpunkt stehen nicht Hund oder Katze, sondern die Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Aus Liebe zum eigenen Hund

Die Idee entstand nicht am Schreibtisch, sondern mitten im Alltag. Wierciochin lebt selbst mit einer französischen Bulldogge namens Gustav zusammen. Schon während seiner Zeit bei den Johannitern begleitete ihn der Hund regelmäßig zur Arbeit. Gustav absolvierte sogar eine Ausbildung zum Lesehund.

"Der Hund musste gar nichts Besonderes machen", erzählt der Vikar. "Er lag meistens einfach nur da." Trotzdem veränderte sich die Atmosphäre. Menschen wurden ruhiger, entspannter und kamen leichter miteinander ins Gespräch.

Diese Erfahrung kennt Wierciochin auch von Spaziergängen. Unter Hundehaltern entstehen Gespräche oft ganz beiläufig. Aus einem kurzen Austausch über Leine oder Hunderasse entwickeln sich nicht selten Gespräche über Krankheit, Einsamkeit oder persönliche Krisen. Tiere öffnen Türen, die sonst verschlossen bleiben.

Lob und Dank für die ganze Schöpfung

Für Wierciochin ist der Gottesdienst zuallererst Ausdruck von Lob und Dank für Gottes gute Schöpfung, in der alle Lebewesen ihren Platz haben und unter Gottes Segen stehen. "Gott ist für mich ein Liebhaber des Lebens", sagt er. Nicht nur des menschlichen Lebens, sondern allen Lebens.

Diese Überzeugung liest Wierciochin auch aus der Bibel heraus. Tiere begegnen dort auf nahezu jeder Seite: als Teil der Schöpfung, als Begleiter des Menschen, manchmal als Sinnbilder für Hoffnung, manchmal für Angst oder Versuchung. Entscheidend sei dabei: Mensch und Tier leben nicht nebeneinander, sondern miteinander in derselben von Gott geschaffenen Welt. Genau daraus zieht der Vikar seine Überzeugung, dass Kirche Menschen dort begegnen muss, wo sie leben – und für viele ist das eben ganz konkret an der Seite ihres Haustiers. Die Liebe zum Haustier sei unmittelbar erfahrbar, während Religion heute oft abstrakt wirke. In dieser Beziehung steckten Gefühle wie Dankbarkeit, Verantwortung, Vertrauen und bedingungslose Annahme – und genau dort beginne für viele bereits Spiritualität.

Gesegnet wird die Beziehung

Anders als viele vermuten, sollen beim Gottesdienst nicht in erster Linie die Tiere gesegnet werden. Im Mittelpunkt stehen die Menschen.

Gesegnet wird ihre Beziehung zum Tier. Eine Beziehung, die den Alltag prägt, Verantwortung bedeutet und vielen Halt gibt. Der Segen soll sichtbar machen, dass all das nicht belanglos ist, sondern Teil der guten Schöpfung Gottes. Wer möchte, kann diesen Segen im Gottesdienst auch in einer Einzelsegnung persönlich empfangen. Und wenn dabei auch ein Hund oder eine Katze ein wenig Segen abbekommt, habe er selbstverständlich nichts dagegen, sagt Wierciochin mit einem Lächeln.

Rücksicht statt Regeln

Damit sich alle wohlfühlen – Menschen wie Tiere –, setzt der Vikar weniger auf Vorschriften als auf Eigenverantwortung. "Wichtig ist, dass die mitgebrachten Haustiere verträglich sind und nicht gestresst werden, wenn sie mit anderen Tieren in Kontakt kommen", sagt Wierciochin. Mitgebrachte Boxen oder Liegeplätze könnten helfen, dass sich die Tiere während der rund einstündigen Veranstaltung wohlfühlen. Da der Gottesdienst unter freiem Himmel stattfindet, ist es jederzeit möglich, sich mit dem Tier kurz zurückzuziehen, falls es unruhig wird.

Dass zwischendurch einmal ein Hund bellt oder ein Tier fiept, gehört für Wierciochin dazu. Schließlich handelt es sich nicht um einen Konzertsaal, sondern um einen lebendigen Ort mitten in Neustadt.

Ein Raum für Dankbarkeit

"Ich freue mich über alle Menschen und Haustiere, die hoffentlich zahlreich zum Gottesdienst kommen", sagt Wierciochin. Die Beziehung zum eigenen Tier sei vielen Menschen sehr wichtig und präge ihren Alltag – und genau diese Beziehung möchten viele Haustierbesitzer feiern und ihre Dankbarkeit dafür zum Ausdruck bringen.

Für Wierciochin ist das keine moderne Spielerei. Im Gegenteil. Jesus selbst habe Menschen immer wieder überrascht und ihre gewohnten Sichtweisen aufgebrochen. Das Evangelium sei seit jeher eine Einladung zum Perspektivwechsel.

Gottesdienst für Mensch und Haustier, 23. August, 10 Uhr, Stufen vor St. Georg, Neustadt bei Coburg. Dauer ca. eine Stunde. Veranstalter: Evangelische Pfarrei im Neustadter Kessel, im Rahmen der Sommerkirche.