Nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin hat Pfarrer Thomas Zeitler von der Neustädter Kirche in Erlangen einen Raum für Trauer, Diskussion und gesellschaftliche Debatte geschaffen. Am Donnerstag, 30. Juli, lud er zu einer "Zeitungsandacht" ein, die sich mit der Verbindung von Religion und Queerfeindlichkeit beschäftigte.

Am Samstagabend war ein Autofahrer im Berliner Tiergarten nahe des Festivalgeländes des CSD mit einem Transporter in eine Menschenmenge gefahren. Anschließend ging der Täter nach ersten Ermittlungen mit einer Hieb- oder Stichwaffe, mutmaßlich einer Machete, auf weitere Passanten los. Eine Frau starb, 29 weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Nach Angaben der Polizei sind mittlerweile alle Verletzten außer Lebensgefahr.

Bereits am Sonntagnachmittag nach dem Anschlag habe die Kirche offen gestanden für Menschen, die "einen Ort für ihre Betroffenheit und ihr Mitgefühl mit den Opfern gesucht haben", berichtet Zeitler. Das sei eine "Erstseelsorge-Maßnahme" gewesen.

Räume für Emotionen und Debatten

Mit der "Zeitungsandacht" habe er an diese Öffnung angeknüpft: "Wir organisieren Räume für Emotionen und Debatten eben von unten", sagt der Pfarrer. Anlass sei auch die Frage gewesen, "wie wir mit Islamismus umgehen wollen". Die Queerfeindlichkeit hinter dem Anschlag müsse benannt werden, zugleich brauche es eine differenzierte Debatte.

"Da braucht es sensible Debatten, auch mit allen Muslimen, die sich klar von Gewalt distanzieren, um sie nicht in vorschnelle Mithaftung zu nehmen", 

betont Zeitler. Vielleicht könne aus dem Schrecken "auch ein Impuls entstehen, in neue Verständigungsprozesse einzutreten".

Queerfeindlichkeit: Pfarrer fordert Selbstkritik der Kirchen

Dabei sieht der Erlanger Pfarrer auch die Kirchen selbst in der Verantwortung. "Auch über die Mitschuld aller abrahamitischen Religionen am immer noch grassierenden Hass auf sexuelle und geschlechtliche Minderheiten" müsse gesprochen werden, sagt er.

Kritisch blickt Zeitler auf den Umgang der eigenen Kirche mit dem Anschlag. 

"Leider kam von Seiten der Landeskirche ja überhaupt keine Stellungnahme zu dem Anschlag", 

sagt er. Umso wichtiger sei es, dass Kirchengemeinden vor Ort Haltung zeigten und Räume für Betroffene schafften.

"Da müssen wir wohl noch einmal ran als Kirche", so Zeitler. Aus seiner Sicht müsse die Kirche deutlicher zeigen, dass sie solidarisch und tröstend "an der Seite der queeren Community" stehe.