Pfarrerinnen und Pfarrer können Kirchen bauen, Kindergärten gründen, soziale Angebote ins Leben rufen und viele andere Dinge tun, die nicht unmittelbar mit Seelsorge oder Gemeindeleitung in Verbindung stehen. Trotz dieser Vielfalt entschließen sich manche Pfarrerinnen und Pfarrer, in die Selbständigkeit zu gehen. Was führt Pfarrerinnen und Pfarrer zu einem Berufswechsel? Was suchen Pfarrer*innen außerhalb der Kirche – und was sagt das über die Organisation selbst aus? – Unsere Spurensuche lässt drei Pfarrer zu Wort kommen.
Wenn Pfarrer*innen als Berater, Autoren oder Cartoonisten arbeiten
Daniel Dietzfelbinger stammt aus einer Theologendynastie. Lange sah es so aus, dass er nach seinem Theologiestudium ebenfalls als Pfarrer arbeiten würde. Doch dann entschied er sich nach dem Studium erst einmal, in der Industrie zu arbeiten. "Das hat Freude gemacht" erinnert er sich, "ich habe viel gelernt, musste mich zugleich der Hierarchie und gelegentlichen Machtspielen fügen".
Dann kam das erste Kind, und während der Elternzeit wuchs die Überzeugung, weiter in der Wirtschaft arbeiten zu wollen. Die kleine Beratungsfirma, die er bereits in seiner Zeit als Angestellter gegründet hatte, wurde zum Arbeitsmittelpunkt, heute ist Dietzfelbinger einer der Geschäftsführer der Agentur, die kleine und mittlere Unternehmen berät.
Das Schöne an der Selbständigkeit? "Ich bin mein eigener Chef", sagt Dietzfelbinger. Unabhängigkeit und Freiheit seien für ihn zwei wichtige Faktoren, die er suche in seinem Leben. Und er sei in einer verhältnismäßig komfortablen Position, räumt er ein. "Ich bin beurlaubt – das ist natürlich ein gewisser Luxus gegenüber anderen Menschen aus meiner Branche, die diese Sicherheit nicht haben", sagt Dietzfelbinger.
Für seinen neuen Job schöpft der Unternehmensberater aus seinem theologischen Hintergrund. Zwar spiele die Theologie nicht unmittelbar eine Rolle, gleichwohl orientiere er sich an einem christlichen Menschenbild. "Was ich aus dem Theologiestudium mitnehme, ist die systematische, deduktive Herangehensweise an themen, Probleme und Aufgabenstellungen im Unternehmen", sagt Dietzfelbinger.
Tiki Küstenmacher: Mit Illustrationen und Büchern in die Selbständigkeit
Der Theologe Werner Küstenmacher, mit Künstlernamen "Tiki", ist weit über die bayerischen Grenzen bekannt. Mit seinen Cartoons einer Kirche mit dicker Knollennase hat er das kirchliche Leben begleitet. Schon als Pfarrer hat er in den Medien mitgemischt, war Moderator der SAT-1-Kindersendung "Eselsohr und Teufelsschwanz" und Rundfunkprediger.
In die Selbständigkeit ging Küstenmacher, weil er "nicht mehr jeden Morgen mit dem Köfferchen ins Büro" gehen wollte, erzählt er im Sonntags-Interview. Auslöser war seine Frau: "Die wollte endlich als Verlagslektorin in Vollzeit arbeiten können, und ich sollte als Hausmann zu Hause bleiben", erinnert sich Küstenmacher.
Nach etwas Bedenkzeit ging er darauf ein, "weil ich mir beweisen wollte, dass ich neben zwei kleinen Kindern und Haushalt Karikaturen zeichnen und Bücher schreiben kann." Das hat glücklicherweise auch geklappt – und wurde nach 10 Jahren Fleißarbeit sogar mit einem Bestseller belohnt. Das 2001 erschienene Buch "Simplify your Life" mit Anleitungen für ein besseres Leben erschien in über 40 Sprachen und erreichte eine Weltauflage von über vier Millionen.
Küstenmacher hatte sich zunächst beurlauben lassen, als das nicht mehr möglich war, schied er aus dem Dienst aus und wurde Pfarrer im Ehrenamt. Inzwischen ist er im Ruhestand, was aber bei einem Selbständigen "nur ein Wort ist, keine Beschreibung", wie er sagt.
Theologe und Schriftsteller Georg Magirius
Der Autor Georg Magirius bog schon früh in die Selbständigkeit ab, nämlich wenige Monate nach seiner Ausbildung als Pfarrer. Die Arbeit in der Evangelischen Kirche, aber auch Praktika, Hospitanzen oder Redaktionsdienste auf Honorarbasis im Journalismus zeigten ihm: In einer Organisation konnte er seine Ideen und seine Begabung nicht so zur Geltung bringen, wie er es wollte. .
In der Selbständigkeit habe er in schneller Zeit viele Ideen verwirklichen können. Er schrieb gleich mehrere Bücher. "Diese ersten Jahre und die Themen, die sich regten, tragen meine Arbeit auch inhaltlich oft noch heute", sagt Magirius. So arbeite er gerade an einem Buch über die Psalmen, das 2028 erscheinen soll.
Die Selbständigkeit hat Magirius schon in seinem Elternhaus kennengelernt. Sein Vater arbeitete von zu Hause als Prüfingenieur für Baustatik. "Ich bekam das alles mit, "musste" ans Telefon, wenn er unterwegs war: damit keine Aufträge verloren gehen usw., auch sein (ziemlich vergnügtes) Arbeiten im Urlaub. Ich hatte also eine Vorstsellung", erinnert sich Magirius.
Nach seiner Ausbildung meldete sich Magirius erst einmal arbeitslos, hatte aber Kontakt zum Hessischen Rundfunk und bekam dort Aufträge als Freier Mitarbeiter. Dann bekam er den Tipp, sich selbständig zu machen und meldete sich bei der Künstlersozialkasse an. Vier Monate später war er selbständig und merkte: Das passt zu dem, wie ich arbeiten will.
Seine Bilanz: "Wenn ich zu viele Kompromisse machen muss, also zu viel von meinen Ideen und meinem Stil abschleifen muss, wechsle ich die Auftraggeber. So bin ich in einem steten, produktiven Wechselspiel, fühle mich als Partner, nicht als Diener oder Servicekraft (wenn, dann als Servicekraft Gottes)", sagt Magirius. Inzwischen hat der Autor für über ein Dutzend Verlage geschrieben.
Das Schreiben, Wandern, Lesen, Hören, Beraten, Sprechen erlebt Magirius als "eine Art Mission, die sich nicht an Geschäftszeiten hält." Seine Erfahrung: "Theologen erleben sich oft als abwegig, fern, fremd, nicht richtig dabei oder drin. Meine Erfahrung ist umgekehrt: Dank des Theologischen verügt man über ein Können, das sehr gefragt ist oder was sich oft direkt in andere Arbeitsbereiche anwenden lässt."
Die Pfarrerinnen und Pfarrer, die die Kirche verlassen, um selbständig zu werden, bleiben der Organisation meistens verbunden. Aber sie haben auch Anfragen - und kritische Rückmeldungen.
Wie selbständige Pfarrer die Organisation Kirche sehen
Auf seinen früheren Arbeitgeber, die Organisation Kirche, schaut Dietzfelbinger inzwischen mit einiger Distanz. Als Flächenorganisation mit vielen selbständigen Einheiten sei ein "zentraler Durchgriff von oben", wie er in Unternehmen erfolge, nicht möglich. Allerdings wünsche er sich Kirche als lernende Organisation.
Nachholbedarf habe die Kirche insbesondere im Change Management und der Personalentwicklung. "Wirtschaftsunternehmen investieren viele Ressourcen, um Führungskräfte professionell zu entwickeln, mit Kursen in Kommunikation, Change Management, Konfliktmanagement. Das wäre sicher auch dem Führungspersonal in der Kirche eine gute Unterstützung", sagt Dietzfelbinger.
Bei den massiven Veränderungs- und Schrumpfungsprozessen innerhalb der Organisation Kirche gehe es viel um Ressourcen und um Menschen. Hier könne Kirche durchaus auch von Ideen und Know-How aus dem Management profitieren. "Ich wünsche mir mehr Offenheit, sich auf Beratung und Unterstützung von Außen einzulassen", so Dietzfelbinger.
Wie sich die Kirche ändern könnte
Der Cartoonist und Autor Küstenmacher ist der Ansicht, dass vor allem die Qualitätssicherung in der Organisation Kirche zu wünschen übrig lasse. Es gebe für Pfarrerinnen und Pfarrer keine Fortbildungspflicht.
Für den Umgang mit Ehrenamtlichen könne sich die Kirche am Rotary Club orientieren: Da rotieren alle Ämter, die meisten sogar im Jahresrhythmus. Wenn sich eine Person engagiert, macht sie das ein Jahr lang, danach kommt eine andere dran. "Und das Engagement richtet sich an Menschen vor Ort und international, da wird nie gesammelt für die eigene Orgel oder die eigenen Immobilien", so Küstenmacher.
Der Autor Georg Magirius meint, er habe als Selbständiger eine positive Grundeinstellung gelernt. Denn wenn er mit Klienten oder Verlagen spreche, könne er nicht missmutig von der eigenen Arbeit sprechen. "Innerhalb der Kirchen erlebe ich oft, dass das eigene Arbeiten, all das doch wirklich nicht schlecht Gemachte schlecht gemacht wird", meint Magirius. Man motiviere einander nicht, weil man denke: "Wenn ich demotiviere und andere kritisiere, nicht achte, nicht das Aufbauende sehe, dann macht mir das nichts: Denn ich bin ja auf Lebenszeit angestellt, ich kann mir das leisten, die Kirche und das Arbeiten in ihr runterzuziehen."
Selbständigkeit bei evangelischen Pfarrer*innen
Warum machen sich manche evangelischen Pfarrer und Pfarrerinnen selbständig? Was bewegt sie - und wie geht die Kirche damit um? In der Woche vom 5. bis 9. Oktober werden zu unserem kleinen Themenspecial folgende drei Artikel veröffentlicht.
- Warum Pfarrer sich selbstständig machen: Interview mit Personalchef Stefan Reimers
- Selbständigkeit als Pfarrer*in: Drei Pfarrer berichten
- Vom Pfarrer zum Reiseleiter: Gastbeitrag von Markus Roth