Aschaffenburg, Nürnberg (epd). Was das Medikament aus ihm machte, das störte den Teenager. Nahm er es, habe er sich nicht mehr gefühlt wie er selbst, sagt der junge Mann im Nachhinein. Er setzte es ab, aber seine ADHS-Symptome waren natürlich noch da: Stimmungsschwankungen, Reizüberflutungen, innere Unruhe, depressive Gedanken. Irgendwann habe er gemerkt, dass Alkohol und Cannabis diese Symptome verschwinden ließen.

Fälle wie diesen sieht Daniel Elsässer von der Suchtberatung der Aschaffenburger Caritas häufiger. Mindestens 10 bis 15 Prozent seiner Klienten, schätzt der Suchtberater, haben eine diagnostizierte ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätstörung) oder leiden unerkannt darunter. In der erwachsenen Gesamtbevölkerung sind es rund vier Prozent.

Drogen als Selbstmedikation

ADHS ist eine neurologische Störung, die fatale Folgen haben kann, zum Beispiel Sucht. Denn abhängig davon, mit welchen Symptomen sie fertig werden müssen, setzen Menschen mit ADHS die Effekte bestimmter Drogen zur Selbstmedikation ein.

Die doppelte Diagnose verkompliziert manches. "Der Genesungsprozess verläuft meist nicht linear, durch akute Symptome kommt es häufiger zu Rückfällen", erklärt Suchtberater Elsässer. Er begleitet die Betroffenen, bis sie einen stationären Reha-Platz haben. Danach ist er für sie in der Nachsorge da.

In der Beratung wird nach Alternativen gesucht. Gegen innere Unruhe, sagt Elsässer, können Entspannungstechniken oder Bewegung helfen: "Für manche Klienten ist Krafttraining gut."

Keine Hilfe für den Vater

Sport hilft, bestätigt Wolfgang Fischer. Der diplomierte Musiker aus Nürnberg, selbst von der Neurodivergenz betroffen, treibt viel Sport, um mit seinen Symptomen klarzukommen. Vor fünf Jahren erhielt der 40-Jährige seine Diagnose. Kurz darauf ließ er sich zum ADHS-Coach ausbilden. Aktuell begleitet er 15 Männer und Frauen längerfristig.

Sein Vater sei abhängig gewesen, berichtet Fischer: "Und zwar zigarettensüchtig." Als Teenie erlebte Fischer, dass sein Papa immer aneckte, wenn er mit anderen zusammen war, etwa bei der Freiwilligen Feuerwehr: "Er ist in der Gemeinschaft nie anerkannt worden." Kleptomanisch sei er zudem gewesen, 2004 habe er sich das Leben genommen. Eine Diagnose habe sein Vater nie bekommen, erzählt Fischer. Doch mit dem Wissen, über das er heute verfügt, sei er überzeugt, dass sein Papa auch an ADHS litt.

ADHS und Suizidgedanken

Sebastian N. aus Rheinland-Pfalz erinnert sich, dass er schon mit elf Jahren suizidale Gedanken hatte. Weil er es wegen seines Andersseins nicht schaffte, dazuzugehören, anerkannt zu werden, habe er einen Hass auf sich selbst entwickelt. Mit 19 Jahren versuchte er, weil es mit der Freundin nicht funktionierte, zum ersten Mal, sich das Leben zu nehmen, sagt der nun 44-Jährige.

Um mit seinen - diagnostisch damals nicht benannten - Problemen zurechtzukommen, habe er früh viel Alkohol getrunken, berichtet N.: "Mit 14 begann ich, Marihuana zu nehmen." Er kiffte, bis er 28 war. Erst danach kam die Diagnose.

Gefahr Drogensucht

Barbara Schneider ist Chefärztin der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen der LVR-Klinik Köln und Vorsitzende des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland. Sie bestätigt, dass Erwachsene mit ADHS häufiger Suizidgedanken haben als der Durchschnitt, mehr Suizidversuche unternehmen und sich auch häufiger tatsächlich selbst töten. Umso wichtiger ist nach Schneiders Worten neben der medikamentösen Behandlung eine Aufmerksamkeitstherapie. In einer solchen Therapie werden zum Beispiel Strategien zur Problemlösung erarbeitet.

Im schwäbischen Heilbronn bietet Heidrun Landwehr seit 2012 ADHS-Coaching an. Auch als Anstaltsbeirätin an der Justizvollzugsanstalt Heilbronn setzt sie sich für Erwachsene mit ADHS ein. Ein nicht unerheblicher Teil der Gefangenen leide an dieser Störung, beobachtet sie. Die Männer landeten unter anderem aufgrund von Drogensucht und Beschaffungskriminalität hinter Gittern. Im Gefängnis dann passend zu behandeln, ist aber umso schwieriger: Denn Methylphenidat, bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin, ist als Betäubungsmittel eingestuft.

ADS und ADHS

ADS und ADHS sind psychiatrische Störungen. Häufig wird behauptet, die Störung werde zu häufig diagnostiziert oder wachse sich im Lauf des Lebens aus. Beides stimmt so nicht.

Was ist ADHS, was ist ADS?

ADS bedeutet Aufmerksamkeitsdefizitstörung und ist eine Reizfilterschwäche. Betroffene haben es schwer, Reize nach Relevanz zu ordnen und gegebenenfalls zu ignorieren. Sie sind leicht ablenkbar, impulsiv und haben es schwerer als andere, sich zu konzentrieren. Bei ADHS kommt ein gesteigerter körperlicher Bewegungsdrang hinzu, das H steht für Hyperaktivität.

Welche Ursachen gibt es?

ADS und ADHS gehören nach heutigem Kenntnisstand zu den psychiatrischen Störungen mit den höchsten Anteilen an genetischen Ursachen. Genetisch bedingt kommt es zu Veränderungen bei Neurotransmittern, also Botenstoffen im Nervensystem. Daneben können Umwelteinflüsse, etwa während der Schwangerschaft oder in der Familie während der Kindheit, das Risiko für ADS und ADHS erhöhen oder auch nur deren Symptome verstärken. Eine allumfassende Erklärung für die Entstehung von ADS und ADHS gibt es bislang allerdings nicht. Sehr wahrscheinlich wirken mehrere Faktoren zusammen.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Die Symptome beginnen typischerweise vor dem zwölften Lebensjahr, werden aber nicht immer als ADS/ADHS erkannt. Weltweit sind zwischen zwei und sieben Prozent der Kinder von ADS/ADHS betroffen, der Durchschnitt liegt bei fünf Prozent. Weitere fünf Prozent weisen ADS/ADHS-Symptome auf, die aber keinen Schweregrad erreichen, der eine Diagnose rechtfertigt. Ob die Symptome tatsächlich Probleme verursachen, hängt auch davon ab, wie das Umfeld mit ihnen umgeht.

In Deutschland sind rund 500.000 Kinder und Jugendliche von ADS/ADHS betroffen, wobei bei Jungen die Störung zwei- bis viermal häufiger auftritt als bei Mädchen. Diese Zahl liegt im internationalen Durchschnitt. Für die Behauptung, dass ADS/ADHS eine Modediagnose sei und zu oft diagnostiziert werde, gibt es also keinen Beleg. Bei Erwachsenen wird das Ausmaß der Verbreitung noch eher unterschätzt.

Wächst sich ADHS oder ADS wirklich aus?

ADS/ADHS-Symptome können sich im Lauf des Lebens verändern und weniger sichtbar werden oder sogar ganz verschwinden. Daher rührt die Auffassung, die Störung wachse sich mit der Zeit aus. Mit Beginn des Jugendalters verringert sich oft die Hyperaktivität. Aufmerksamkeitsprobleme oder Impulsivität bleiben meist bestehen. Auch erwachsene ADS/ADHS-Betroffene sind oft noch sehr impulsiv und vergesslich. Viele beschreiben beständige Gefühle von innerer Unruhe.

Welche Folgen kann ADS oder ADHS haben?

Durch die Konzentrationsschwäche sind Probleme in der Schule eher die Regel als die Ausnahme, Erwachsene mit ADS/ADHS sind häufiger als andere Menschen arbeitslos. Da betroffene Kinder wegen ihres Verhaltens sowohl von Erwachsenen als auch von anderen Kindern häufig negative Rückmeldungen bekommen, können sie kein starkes Selbstwertgefühl aufbauen. Daraus entstehen später oft Angststörungen, von denen rund zwei Drittel der Erwachsenen mit ADS/ADHS betroffen sind. Etwa 70 Prozent entwickeln eine Depression. Infolgedessen ist die Suizidrate von ADS/ADHS-Betroffenen erhöht.

Um ihre innere Unruhe zu vermindern, konsumieren ADS/ADHS-Betroffene ab dem Jugendalter überdurchschnittlich häufig Alkohol oder andere Drogen. Bedingt durch ihre verstärkte Impulsivität und die Enthemmung durch Alkohol kommt Gewalt bei ihnen häufiger vor. Jugendliche und Erwachsene insbesondere mit ADHS kommen daher öfter als andere Menschen mit dem Gesetz in Konflikt, ihre Inhaftierungsrate ist erhöht.