Der mutmaßlich islamistische Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) hat Deutschland erschüttert.

Nach bisherigen Erkenntnissen fuhr der als Gefährder eingestufte Abdul B. mit einem Transporter in eine Menschenmenge, tötete dabei mindestens eine Frau und verletzte zahlreiche weitere Menschen, einige davon lebensgefährlich. Anschließend griff er nach Angaben der Ermittler weitere Menschen mit einer Stichwaffe an. Rund 20 Stunden später wurde er bei einem Polizeieinsatz erschossen.

Die Reaktionen aus den Religionsgemeinschaften fallen unterschiedlich aus. Alle bekunden Trauer und Mitgefühl. Doch manche gehen darüber hinaus und benennen auch, was dieser Anschlag gesellschaftlich und religiös bedeutet.

Evangelische Kirche: Mehr als Beileidsbekundungen

Die deutlichste kirchliche Reaktion kommt aus der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Bischof Christian Stäblein belässt es nicht bei den üblichen Formeln von Trauer und Anteilnahme. Er beschreibt den Anschlag als Angriff auf Freiheit und Vielfalt – und widerspricht zugleich jedem religiösen Missbrauch der Tat.

"Queeres Leben und Lieben wohnt im Herzen dieser Stadt", sagte Stäblein bei einer Andacht in der Berliner Marienkirche. "Was immer der Täter wollte, er wird es nicht erreichen." 

Besonders klar wird der Bischof dort, wo er Religion selbst zum Thema macht. "Wer Gewalt im Namen der Religion ausübt, lästert Gott, kennt Gottes Herz nicht und ist blind." Stäblein dankte ausdrücklich auch muslimischen Vertreter:innen, die gemeinsam mit den christlichen Kirchen den Anschlag verurteilten. Zugleich machte er deutlich: Es gebe nicht "die Queeren" und "die Anderen". Der Anschlag richte sich gegen das gemeinsame Fundament einer offenen Gesellschaft.

Auch die ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) findet über die übliche Betroffenheitsrhetorik hinaus eigene Worte. Der Angriff auf den CSD sei ein Angriff auf das Recht, sichtbar zu sein, frei zu leben und ohne Angst zusammenzukommen. Das diesjährige Motto "Haltung ist hot" bekomme durch die Tat eine neue Bedeutung: Haltung bedeute jetzt, Solidarität zu zeigen und Hass nicht das letzte Wort zu überlassen.

Katholische Kirche: "Wie schrecklich!"

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch reagierte unmittelbar nach dem Anschlag mit sichtbarer Anteilnahme. "Wie schrecklich!", erklärte er. Der Hass dürfe nicht gewinnen; in allen Sonntagsgottesdiensten werde für die Opfer und für den gesellschaftlichen Frieden gebetet.

Auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), dessen Verbände selbst am Berliner CSD beteiligt waren, zeigte sich "entsetzt und traurig" und kündigte Gebete für die Betroffenen an. Zudem beteiligte sich die katholische Kirche an der ökumenischen Gedenkandacht in der Berliner Marienkirche. 

Muslimische Vertreter:innen: "Keine Rechtfertigung" für Gewalt

Der Zentralrats der Muslime reagiert auf den Anschlag mit einer längeren Stellungnahme. Der Verband spricht von einem möglichen weiteren Fall, in dem eine extremistische Ideologie religiöse Bezüge missbrauche, um Hass und Gewalt zu rechtfertigen. Gewalt gegen Unschuldige finde im Islam "keine Rechtfertigung". Wer Religion instrumentalisiere, missbrauche den Glauben für menschenverachtende Ziele.

Der Zentralraterwähnt ausdrücklich den Schutz queerer Menschen. Niemand dürfe wegen seiner sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität Opfer von Gewalt werden. Damit bleibt die Erklärung nicht bei einer allgemeinen Verurteilung des Terrorismus stehen, sondern benennt ausdrücklich die Menschen, gegen die sich der Anschlag richtete.

Auch die Berliner Imamin Seyran Ateş setzte bei der ökumenischen Gedenkfeier ein Zeichen. Sie zitierte den Koran: Wer einen Menschen töte, töte die ganze Menschheit. Wer Leben rette, rette die ganze Menschheit. "Liebe ist halal", sagte sie. Wer im Namen Gottes Hass gegen queere Menschen predige, missbrauche den Glauben. 

Jüdische Vertreter:innen: "Zutiefst erschüttert"

Der Zentralrat der Juden in Deutschland veröffentlichte eine kurze Erklärung in den Sozialen Medien. Man sei "zutiefst erschüttert" über den tödlichen Anschlag, die Gedanken seien bei den Opfern, ihren Angehörigen und allen Verletzten.