Der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger spricht seit Beginn seiner politischen Karriere offen darüber, dass er Politik bewusst als evangelischer Christ betreibt. Geprägt wurde er vom württembergischen Pietismus. Zugleich wirft der CDU-Politiker den evangelischen und katholischen Kirchen öffentlich eine politische "Schlagseite" nach links vor.

Seit dem 29. Juli 2026 steht Bilger an der Spitze des Bundesverkehrsministeriums. Der 47-Jährige folgt auf Patrick Schnieder, der das Amt seit Mai 2025 ausgeübt hatte. In ein für ihn unbekanntes Haus zieht Bilger nicht ein: Von 2018 bis 2021 war er dort bereits Parlamentarischer Staatssekretär. 

Nun muss Bilger unter anderem Antworten auf marode Straßen und Brücken, eine unzuverlässige Bahn und den Streit über die Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur finden. 

Vom EC-Jugendverband in die Politik

Bilger wurde 1979 im oberbayerischen Schongau geboren und wuchs in Backnang in Baden-Württemberg auf. Nach dem Abitur leistete er seinen Zivildienst bei der Erlacher Höhe, einer diakonischen Einrichtung, die unter anderem Menschen in sozialen Notlagen unterstützt. Anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Tübingen und arbeitete als Rechtsanwalt. 

Seine politische Laufbahn begann jedoch nicht an der Universität oder in einer Parteizentrale. Bilger kam nach eigenen Angaben über die kirchliche Jugendarbeit und den Stadtjugendring zur Politik. Er engagierte sich im Jugendverband "Entschieden für Christus", kurz EC. Der Verband ist Teil der pietistisch geprägten evangelischen Gemeinschaftsbewegung.

Der Pietismus betont die persönliche Glaubensentscheidung, die Beschäftigung mit der Bibel und ein Christentum, das sich im Alltag bewähren soll. Diese Herkunft ist für Bilgers politisches Selbstverständnis wichtig. Sein Glaube soll sich nach dieser Lesart nicht auf das Privatleben oder vermeintlich "klassische" christliche Themen beschränken, sondern gesellschaftliche Verantwortung begründen.

1996 trat Bilger mit 17 Jahren in die CDU ein. Es folgte eine klassische Laufbahn in der Jungen Union. Von 2002 bis 2006 führte er deren baden-württembergischen Landesverband. 2009 zog der Jurist erstmals für den Wahlkreis Ludwigsburg in den Bundestag ein. Seither gewann er dort fünfmal in Folge das Direktmandat.

Ein "Hoffnungsträger" des württembergischen Pietismus

Schon kurz nach seinem Einzug in den Bundestag wurde Bilger in evangelisch-pietistischen Kreisen als politisches Talent wahrgenommen. Der Evangelische Gemeinschaftsverband Württemberg, die "Apis", verlieh ihm 2010 seinen Hoffnungsträgerpreis. Gewürdigt werden damit Menschen, die sich nach dem Verständnis des Verbands in besonderer Verantwortung vor Gott und ihren Mitmenschen engagieren.

In der damaligen Laudatio wurde Bilger als vom Pietismus geprägter Christ mit weitem Horizont beschrieben. Er selbst warb dafür, dass Christ:innen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. 

Politik bleibe die "Kunst des Machbaren", sagte er damals. Kompromisse gehörten deshalb dazu. Mit einem durchaus bemerkenswerten Satz fügte Bilger hinzu, manchmal sei selbst ein fauler Kompromiss besser als gar keiner. Das klingt weniger nach religiöser Gewissheit als nach schwäbischem Pragmatismus. 

Seinen Glauben versteht Bilger zugleich als Aufforderung zum Handeln. 2019 rief er bei einer Veranstaltung des Evangelischen Arbeitskreises der CDU dazu auf, bewusst als Christ:innen in Politik und Gesellschaft aktiv zu werden. Sie sollten Ungerechtigkeiten benennen und sich auch für Menschen einsetzen, deren Ansichten sie nicht teilten. 

Christliches Menschenbild, konservative Politik

Welche konkreten politischen Positionen sich aus dem christlichen Glauben ergeben, ist allerdings umstritten. Bilger verbindet sein christliches Menschenbild mit einem konservativen und wirtschaftsfreundlichen Politikverständnis. Er betont den Schutz von Ehe und Familie, innere Sicherheit, die Soziale Marktwirtschaft und die Verantwortung des Einzelnen.

Auch Menschenrechte leitet er ausdrücklich aus dem christlichen Menschenbild ab. Ebenso bezeichnet er die Bewahrung der Schöpfung und den Erhalt der Lebensgrundlagen für kommende Generationen als festen Bestandteil seines Politikverständnisses. Ökonomie und Ökologie müssten miteinander versöhnt werden – allerdings, wie Bilger betont, "mit den Menschen und nicht gegen sie". 

Deutliche Kritik an den Kirchen

Interessant ist Bilgers Verhältnis zu den Kirchen. Der bekennende Protestant versteht sich nicht als loyaler Unterstützer kirchlicher Stellungnahmen. Im Gegenteil: Im Herbst 2025 warf er den Leitungen der evangelischen und katholischen Kirche vor, bei politischen Äußerungen häufig eine "Schlagseite" in Richtung grüner oder linker Positionen zu haben.

Bilger bezog sich dabei vor allem auf die Migrations- und Klimapolitik. Als Beispiele nannte er die Unterstützung eines Tempolimits durch die Evangelische Kirche in Deutschland und eine Berliner Kirchengemeinde, die Klimaaktivist:innen Räume überlassen hatte. Auch die scharfe Kritik katholischer Verbände an der Migrationspolitik der Union störte ihn.

Darin liegt allerdings ein ungelöster Widerspruch: Wo eine aus dem Evangelium begründete Stellungnahme endet und die Übernahme einer parteipolitischen Position beginnt, lässt sich nicht objektiv bestimmen. Auch Bilgers konservative Auffassungen sind nicht einfach die zwangsläufige Folge des christlichen Glaubens. Seine Kritik berührt dennoch einen realen Konflikt. Die Kirchen müssen politische Missstände benennen, ohne sich an Parteien zu binden. Gleichzeitig müssen sie aushalten, dass die christliche Botschaft nicht immer mit den Erwartungen aller Mitglieder vereinbar ist. Bilger wiederum muss sich fragen lassen, ob er kirchliche Einmischung nur dann als störend empfindet, wenn sie seiner eigenen Politik widerspricht.