Jesiden, auch Eziden, Yeziden, sind eine ethnisch-religiöse Gruppe mit etwa einer Million Angehörigen, deren ursprüngliche Hauptsiedlungsgebiete im nördlichen Irak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei liegen. Ein Blick in die Geschichte der Glaubenstradition.

Jesiden: Älteste Religion des Mittleren Ostens

Die Jesiden gehören einer Religionsgemeinschaft an, deren Wurzeln bis zu 4000 Jahre zurückreichen. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen spricht von der "ältesten Religion des Mittleren Ostens" oder gar "der Welt". Unter den ganz überwiegend muslimischen Kurden bilden sie eine Minderheit. Ihr Siedlungsgebiet ist identisch mit der von den Terrormilizen beanspruchten Region zwischen dem Irak, Syrien und der Türkei.

Über die Zahl der Jesiden gibt es nur Schätzungen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland, der Oldenburger Telim Tolan, schätzt ihre Zahl auf weltweit etwa eine Million. Laut Bundesverband sollen rund 200.000 Mitglieder in Deutschland leben.

In Deutschland werden Jesiden, die in ihren Herkunftsländern häufig Verfolgungen und Zwangsumsiedlungen ausgesetzt sind, seit Anfang der 1990er-Jahre als Gruppenflüchtlinge anerkannt. Aufgrund der politischen Lage können die meisten Jesiden nicht in ihr Heimatland zurückkehren, sondern leben als kleine Gemeinschaften in ganz Europa verstreut.

Jesiden: Religionspraktiken

Anders als Juden, Christen und Muslime besitzen die Jesiden kein heiliges Buch, schreibt Tolan in seiner Darstellung "Das Yezidentum - Religion und Leben". Die Jesiden geben ihren Glauben an die nachfolgenden Generationen in mündlicher Überlieferung weiter. Weil man nur durch Geburt Jeside werden kann und die Religionspraktiken Außenstehenden weitgehend verborgen bleiben, haftet ihnen etwas Geheimnisvolles an.

Im Verlauf von vier Jahrtausenden haben immer wieder andere Religionen, darunter auch Judentum, Christentum und Islam, den Glauben der Jesiden beeinflusst. So gibt es etwa ein an die christliche Taufe erinnerndes Ritual. Doch bis heute blieb den Jesiden die Idee fremd, jemand von außen könne den jesidischen Glauben annehmen und der Religionsgemeinschaft beitreten.

Obwohl sie sich leicht in andere Gesellschaften integrieren, bleiben die Jesiden weitgehend unter sich. Um ihre Religion zu schützen, heiraten sie nur untereinander. Zwar ist Tolan zufolge die Zwangsehe mit jesidischen Vorstellungen nicht vereinbar, doch sind in den vergangenen Jahren immer wieder einzelne Fälle öffentlich geworden. Tolan verweist auf patriarchalische Traditionen der Herkunftsländer, die sich nicht aus dem jesidischen Glauben ableiten ließen.

Jesiden: Sprache und Lebenswelten

Die meisten Jesiden leben bis heute im Nordirak, und zwar nordöstlich von der Hauptstadt Mossul. Dort befindet sich auch Lalisch, das religiöse Zentrum der Jesiden. Ein weiteres Siedlungsgebiet ist der Höhenzug Dschabal Sindschar, westlich von Mossul an der Grenze von Syrien. Allerdings sind diese Gebiete beide gefährdet durch die IS-Armee. 

Die Muttersprache der meisten Jesiden ist die nordwestiranische Sprache Kurmandschi. In einigen jesidischen Dörfern im Nordirak wird allerdings eher arabisch gesprochen. 

Jesiden: Glaube an Seelenwanderung und Wiedergeburt

Die Jesiden glauben an Seelenwanderungen und die Wiedergeburt als Jeside. Welchen Zustand das neue Leben nach einer Wiedergeburt annimmt, ist abhängig vom Lebenswandel im vorherigen Leben. Um besonders gut und fromm zu leben, wählen sie sich in jungen Jahren einen "Jenseitsbruder" oder eine "Jenseitsschwester" aus. Diese lebenslangen Wahlgeschwister übernehmen gegenseitig eine moralische Mitverantwortung für ihre Taten.

Doch in erster Linie sei der Mensch selbstverantwortlich für sein Wirken, sagt Tolan:

"Aus jesidischer Sicht hat Gott dem Menschen die Möglichkeiten gegeben, zu sehen, zu hören und zu denken."

 

Engel Melek im Jesidentum

Eine zentrale Rolle für die religiöse Minderheit spielt der Engel Melek, der durch einen Pfau symbolisiert wird. Laut der jesidischen Überlieferung weigerte er sich, Adam anzubeten. Denn nur Gott allein dürfe angebetet werden. Dafür habe ihn Gott zum Wächter über die Welt und als Mittler zwischen sich und den Menschen eingesetzt.

Für die radikalen Islamisten ist die Verehrung des Engels Melek eine todeswürdige "Teufelsanbeterei". Außerdem werfen sie den Jesiden vor, sich über andere Völker und den Islam zu erheben. Ein Vorwurf, den der Zentralrats-Vorsitzende Tolan zurückweist: Nach jesidischem Grundverständnis kann ein Jeside ein guter Mensch sein. Aber um ein guter Mensch zu sein, muss man nicht Jeside sein. Das Jesidentum respektiere andere Religionen und Völker. In einem traditionellen Gebet heiße es:

"Lieber Gott, schütze erst die 72 Völker und dann uns."