Vor zwölf Jahren wurden Jesid:innen im Norden des Irak (Sinjar) vom sogenannten Islamischen Staat (IS) hingerichtet, versklavt und gefangen genommen. Bis heute vermissen jesidische Familien ihre Angehörigen.
Am 3. August 2014 erreichte der IS das Gebiet "Sinjar" im Nordirak, das zu dieser Zeit hauptsächlich von der jesidischen Glaubensgemeinschaft besiedelt war. Eine Woche zuvor hatten irakische Soldaten kapituliert und sich aus Mosul zurückgezogen. Der IS konnte die Stadt einnehmen und erlangte so die strategische Kontrolle über die Region.
In den nächsten Tagen wurden die Jesid:innen systematisch verfolgt. Viele versuchten, in die Berge des Nordirak zu fliehen, um dort Zuflucht vor den IS-Kämpfern zu finden. Zahlreiche von ihnen wurden aufgespürt und gefangen genommen.
Laut Angaben der jesidischen Menschenrechtsorganisation HÁWAR.help fielen dem Überfall mehr als 5.000 Jesid:innen und Jesiden zum Opfer. Etwa 7.000 Frauen und Kinder wurden verschleppt, versklavt und misshandelt.
Bundestag erkennt den Genozid an – doch reicht das?
Viele der Überlebenden haben sich mittlerweile in Deutschland niedergelassen. Doch sie müssen sich nicht nur mit ihrem tiefen Trauma auseinandersetzen, sondern auch um die Anerkennung ihres Leids kämpfen.
Durch eine erfolgreiche Petition und den Druck von Aktivist:innen stimmte der Bundestag am 19. Januar 2023 schließlich einstimmig für die Anerkennung des Völkermords an den Jesid:innen. Dies gibt ihnen Hoffnung auf Gerechtigkeit.
Der Abgeordnete Michael Brand (CDU) sprach in der Debatte davon, durch diese "bedeutsame Entscheidung" ein "neues Kapitel der Auseinandersetzung und Verarbeitung" einzuleiten.
Er bezeichnete das Leid der Jesiden durch den IS als "barbarisches und gegen jede Zivilisation gerichtetes Wüten" und betonte, dass Deutschland sich damit verpflichtet, den Opfern "auf Dauer" hilfreich zur Seite zu stehen.
In derselben Debatte warnte Max Lucks (Bündnis 90/Die Grünen), die Anerkennung dürfe nicht nur als "Akt für die Geschichtsbücher" verstanden werden, sondern müsse mit Handeln verbunden sein.
Trotz Genozid-Anerkennung: Abschiebungen in den Irak gehen weiter
Diese Mahnung wurde jedoch nicht umgesetzt. Bereits im selben Jahr begannen Abschiebungen in den Irak, darunter auch Jesid:innen. Wie viele es genau waren, lässt sich amtlich gar nicht beziffern. Das Bundesinnenministerium erfasst die Religionszugehörigkeit von Abgeschobenen nämlich nicht.
Für das Jahr 2023 sind über 135 Abschiebungen in den Irak dokumentiert. 2024 waren es knapp 700. Ob und wie viele Jesid:innen darunter waren, konnte das Ministerium selbst auf Nachfrage im Bundestag nicht sagen.
Die jesidische Aktivistin Düzen Tekkal prangert diese Verfehlung an: "Die Bundesregierung muss ihrem Schutzauftrag nachkommen, der in der offiziellen Anerkennung des Genozids festgeschrieben wurde." Dass Überlebende des Genozids ausgerechnet in die Region zurückgeschickt werden, in der sie verfolgt wurden, sei ein "menschenrechtliches Desaster und ein Vertrauensbruch".
Die Gerechtigkeit, auf die Jesid:innen seit zwölf Jahren warten, rückt damit nicht näher – trotz einstimmiger Anerkennung und obwohl jesidische Familien in dieser Zeit hier ein Zuhause gefunden haben.Der Grünen-Politiker Lucks hatte den Bundestag bei der Anerkennung im Jahr 2023 zurecht vor bloßen Lippenbekenntnissen gewarnt. Was folgte, waren Abschiebeflüge nach Bagdad – mit Jesid:innen an Bord.