Deutschland schwitzt. Die Innenstädte glühen, der Asphalt wird weich, und wer sich länger als drei Minuten in der Sonne aufhält, verschmilzt langsam mit seinem eigenen T-Shirt.
Der Sommer 2026 gibt alles. Und dann steht man im Supermarkt, auf der Suche nach Mineralwasser, Eiswürfeln oder wenigstens einem Platz nahe am Kühlregal – und blickt plötzlich in die freundlichen Gesichter mehrerer Schokoladen-Nikoläuse.
Daneben: Lebkuchen. Spekulatius. Dominosteine.
Weihnachten bei 32 Grad
Ja, ist denn heut' schon Weihnachten? Nein. Es ist August. Aber offenbar hat der Einzelhandel beschlossen, dass wir jetzt alle dringend Zimt brauchen.
In einzelnen Norma- und Edeka-Filialen wurde das Weihnachtsgebäck bereits Anfang August gesichtet. Andere Händler warten, ganz traditionsbewusst, bis Ende des Monats. Kaufland etwa will die ersten Lebkuchen nicht vor Ende August oder Anfang September ins Regal stellen. Man hat schließlich Prinzipien. Bei 32 Grad ist Weihnachten geschmacklos, bei 27 Grad ist gefühlt schon Herbst.
Natürlich könnte man sich darüber empören. Lebkuchen im August! Wo soll das noch hinführen? Osterhasen im Januar? Grillkohle im Februar? Erdbeeren im Dezember – ach ja, die gibt es schon.
Der Winter wird zur Sommersehnsucht
Aber wartet: Die Empörung übersieht etwas. Denn irgendwann in diesem Hitzesommer kommt für jeden der Moment, an dem selbst überzeugte Sommermenschen insgeheim vom Winter träumen. Eine Wohnung, die man lüften kann, ohne dass sofort Sahara-ähnliche Temperaturen herrschen.
Doch dann die Ernüchterung: So kalt wird es ja gar nicht. Wegen des Klimawandels bleibt es bis Mitte Januar bei zwölf Grad und Nieselregen. Dann kommt eine einzige Woche Frost, in der zwei Meter Schnee fallen, sämtliche Züge stehen bleiben und alle überrascht feststellen, dass Winter im Winter theoretisch möglich ist. Drei Tage später sind es wieder 16 Grad, und die ersten Biergärten öffnen.
Unter diesen Umständen ist es nur vernünftig, den Winter zeitlich etwas großzügiger auszulegen. Wenn das Wetter keine Jahreszeiten mehr kennt, warum sollte der Supermarkt welche kennen? Vielleicht brauchen wir künftig ohnehin keine Kalender mehr. Das Jahr beginnt einfach mit Osterhasen, geht nahtlos in Grillsoßen über und endet irgendwann zwischen Spekulatius und Silvesterraketen.
Jahreszeiten gibt es nur noch im Aktionsregal
Ganz neu ist der frühe Lebkuchenverkauf übrigens nicht. Der Start im Spätsommer ist seit rund 25 Jahren üblich. Nur fällt der Anblick bei 35 Grad stärker auf. Früher dachte man beim Lebkuchenregal: "Die spinnen doch." Heute denkt man: "Ach, kühlere Zeiten."
Also nur zu. Reißen wir die Packung auf. Legen wir den Dominostein neben die Wassermelone und den Spekulatius zum Eiskaffee. Klimaanpassung halt.