Die Confessio Augustana von 1530 gehört zu den wichtigsten Grundlagen des lutherischen Protestantismus. Im Jahr 2030 wird das 500. Jubiläum in Augsburg mit einem internationalen Festprogramm begangen. Seit Juli koordinieren Maral Zahed und Hanns Hoerschelmann die Vorbereitungen für die bayerische Landeskirche. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erläutern sie, warum das Augsburger Bekenntnis bis heute Bedeutung hat und welche Themen das Jubiläum prägen sollen.
Vielen Menschen wird der Begriff "Confessio Augustana" wahrscheinlich wenig sagen. Können Sie das Dokument und seine Entstehung für Einsteiger erklären?
Hanns Hoerschelmann: Die Confessio Augustana, auch bekannt als Augsburger Bekenntnis, war vor 500 Jahren revolutionär und hochpolitisch: Die Reformatoren positionierten sich mit ihren Gedanken und Forderungen öffentlich gegen die mächtige katholische Kirche. Eine Kirchenspaltung hatten die Reformatoren dabei aber nicht im Sinn. Sie sahen die Confessio Augustana vielmehr als Angebot zum Dialog, um innerhalb der katholischen Kirche Reformen anzustoßen und Gemeinsamkeiten zu betonen.
Das Ganze war aber nicht nur eine theologische Debatte, sondern vor allem auch eine machtpolitische: Kaiser Karl V. wurde die Confessio Augustana am 25. Juni 1530 auf dem Augsburger Reichstag übergeben. Der Kaiser selbst hatte die Reformatoren dazu eingeladen, weil ihm die Einheit im Land für seine Innen- und Außenpolitik wichtig war. Die lutherische Theologie hatte es also bis auf die höchste politische Ebene geschafft.
Das alles ist jetzt 500 Jahre her. Welche Rolle spielt dieses historische Dokument heute?
Maral Zahed: Die Confessio Augustana kritisierte für ihre Zeit auf radikale Weise die Missstände in Kirche und Gesellschaft. Sie argumentiert theologisch von der Befreiungsbotschaft Jesu her und stellt die Macht der Mächtigsten der damaligen Welt und gängige Prinzipien in Frage. Sie war auch ein Versuch, eine eigene neue Position zu formulieren - gegründet auf die frohe Botschaft. Wenn wir aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland vor Augen haben, kann ich sagen: Das alles ist hochaktuell und wird von jeder Generation der Christinnen und Christen gefordert - Position finden und sie friedfertig bekennen.
Festprogramm trifft 2030 auf die Fußball-Weltmeisterschaft
Sie sind seit Juli offiziell die Beauftragten der bayerischen Landeskirche, die die Jubiläumsfeierlichkeiten in Augsburg vorbereiten sollen. Was genau umfasst Ihr Aufgabengebiet in dieser frühen Phase der Planung?
Zahed: Es geht darum, die historische Confessio Augustana mit ihren politisch-reformatorischen Gedanken ins Heute zu übertragen. Parallel dazu sprechen wir intensiv mit den Akteuren vor Ort, wie etwa der Stadt Augsburg und ökumenischen Partnerinnen und Partnern. Wir müssen ausloten, wer welche Interessen hat und wie wir alles zu einem Gesamtkonzept zusammenführen. Wir befinden uns also noch in der Findungsphase. Das Motto und das Designkonzept werden erst in der zweiten Jahreshälfte 2027 feststehen. Konkrete Projekte werden zwar schon angedacht und mit verhandelt, aber erst konkretisiert, wenn wir wissen, wo die Reise thematisch hingeht.
Gibt es dennoch schon konkrete Ideen für 2030? Wie lange soll überhaupt gefeiert werden?
Zahed: Es steht zum Beispiel schon fest, dass der Lutherische Weltbund seine Vollversammlung 2030 in Augsburg abhalten und bei den Feierlichkeiten eine große Rolle spielen wird. Und natürlich ist klar, dass das Jubiläum ökumenisch begangen werden soll. Die Jubiläumsfeierlichkeiten werden sich über mehrere Monate erstrecken, mit einem klaren dramaturgischen Spannungsbogen. Dabei müssen wir andere gesellschaftliche und internationale Großereignisse berücksichtigen, die ebenfalls öffentliche Aufmerksamkeit binden - etwa die Fußball-Weltmeisterschaft 2030.
Hoerschelmann: Mir sind drei inhaltliche Punkte für das Jubiläum besonders wichtig: die Rückbesinnung der Kirche auf sich selbst, die Ökumene und der Dialog mit der Welt. Wir wollen uns auf unsere lutherischen Wurzeln berufen, dabei aber offen für andere Meinungen und Religionen bleiben. Die Confessio Augustana war ja von Anfang an auf Dialog und nicht auf die Spaltung der Kirche angelegt. Diesen Geist der Öffnung wollen wir heute konsequent fortführen. Gerade in Zeiten, in denen wir als Kirche in der Gesellschaft kleiner werden, gibt uns diese weltweite Verbundenheit eine enorme Kraft. Es geht darum, im Gespräch zu bleiben, ohne den anderen auszuschließen oder sich selbst abzuschotten.
Kirche soll Haltung zeigen und Orientierung geben
Das klingt hochaktuell für die zunehmenden Spannungen in der Gesellschaft...
Zahed: Als Kirche haben wir einen unverzichtbaren Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten. Die Botschaft, dass Gott die Welt und die gesamte Schöpfung liebt und mit ihr in Beziehung sein will, ist eine Heilsbotschaft von bleibender Aktualität. Ohne sie wäre die Welt um eine entscheidende Facette ärmer. Geistliches Leben ist deshalb weit mehr als ein privates Wellnessprogramm. Es schafft die innere Standfestigkeit, die unsere Gesellschaft heute dringend braucht. Das fordert uns als Kirche heraus, die biblische Botschaft in die Gegenwart zu übersetzen: Haltung zu zeigen und dort Orientierung zu geben, wo gesellschaftliche Entwicklungen der biblischen Vision von Menschenwürde, Gerechtigkeit und Frieden entgegenstehen.
500 Jahre Confessio Augustana ist nicht nur ein wichtiges Jubiläum in Augsburg und Bayern, sondern weltweit. Wie wollen Sie all die unterschiedlichen Ebenen zusammenbringen?
Hoerschelmann: Für die weltweite Dimension sind der Lutherische Weltbund (LWB) und dessen Deutsches Nationalkomitee (DNK/LWB) zuständig, für die bundesweite die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD). Dort wird es eigene Ansprechpartner geben, mit denen wir uns natürlich vernetzen werden. Unser Fokus liegt auf den bayerisch-landeskirchlichen und den Augsburger Belangen. Unser Anspruch ist, die verschiedenen Player zusammenzuführen und zur aktiven Mitwirkung aufzurufen. Dafür sind wir hier in Augsburg genau richtig, denn hier am historischen Ort konzentrieren sich die Jubiläumsveranstaltungen.
Augsburg wird zum Zentrum eines weltweiten Jubiläums
Augsburg war mehrmals Schauplatz weltweiter politischer Ereignisse: 1518 wurde Martin Luther vom päpstlichen Gesandten Cajetan in Augsburg verhört, 1530 dann die Verlesung der Confessio Augustana, 1555 der Augsburger Religionsfriede,...
Hoerschelmann: Augsburg ist eine Weltmarke. Für viele internationale Gäste ist der Name der Stadt ein wichtiger Bestandteil ihrer kirchlichen Identität. Manche lutherischen Kirchen weltweit tragen das Augsburger Bekenntnis sogar explizit in ihrem Namen. Wenn internationale Partnergruppen hierherkommen, ist es für sie ein bewegendes Erlebnis, die konkreten Orte ihrer eigenen Glaubensgeschichte zu sehen. Die Stadt erkennt diesen touristischen und identitätsstiftenden Wert sehr genau. Das Jubiläum bietet die Chance, die religiöse Strahlkraft Augsburgs als Friedensstadt weltweit sichtbar zu machen.
Zahed: Das Interesse der Stadt geht aber weit über reines Marketing hinaus. Es gibt den Runden Tisch der Religionen und das Hohe Friedensfest jedes Jahr am 8. August. Für die Friedensstadt Augsburg ist das Miteinander der Religionen ein echtes politisches Anliegen. Gerade deshalb möchte Augsburg das Jubiläum der Confessio Augustana gemeinsam mit der Evangelischen Kirche begehen. Denn Frieden entsteht dort, wo unterschiedliche Überzeugungen klar mit den jeweiligen Grenzen vertreten und zugleich respektvoll miteinander ins Gespräch gebracht werden.
Die Confessio Augustana
Die Confessio Augustana markiert einen Meilenstein der Reformationsgeschichte: Verfasst hat sie federführend der Reformator Philipp Melanchthon (1497-1560), übergeben wurde das Dokument an Kaiser Karl V. am 25. Juni 1530 auf dem Augsburger Reichstag. Das "Augsburger Bekenntnis" war die Grundlage für die damaligen Religionsgespräche und für den Augsburger Religionsfrieden von 1555, der das friedliche Miteinander von lutherischen und katholischen Christinnen und Christen rechtlich absicherte.
Das Augsburger Bekenntnis fasst den evangelischen Glauben in 21 Artikeln zusammen. In ihnen ist unter anderem von Gott und von Jesus Christus die Rede, von der Rechtfertigung, von der Kirche, der Predigt und von Abendmahl und Taufe. In sieben weiteren Artikeln geht es um "Mißbräuche". Allein hier sah Melanchthon echte Unterschiede zur römisch-katholischen Kirche: Pfarrer sollten heiraten dürfen, das Abendmahl den Gläubigen in Brot und Wein gereicht sowie weltliche und geistliche Macht sauber getrennt werden.
78 Millionen Christen weltweit bekennen sich zur Confessio Augustana
Noch heute ist die Confessio Augustana das grundlegende Bekenntnis der lutherischen Kirchen weltweit. Einige lutherische Kirchen tragen den Zusatz "Augsburgischen Bekenntnisses" (A.B.) oder C.A. für Confessio Augustana bis heute im Namen. Zur Confessio Augustana bekennen sich heute in 99 Ländern weltweit 154 Mitgliedskirchen, denen 78 Millionen Menschen mit christlichem Glauben angehören.
(Quellen: Evangelische Kirche in Deutschland, Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Evangelisch-Lutherisches Dekanat Augsburg)