Eine Burger-Bude, ein paar Bänke und ein Brunnen stehen auf dem leicht verwahrlost wirkenden Dachauplatz in Regensburg. Er wird von Autos umfahren, die in das Parkhaus am östlichen Altstadtrand einbiegen. Dass um diesen Platz herum einst NS-Verbrechen befehligt, organisiert und ausgeführt wurden, daran erinnert heute nichts mehr - ausgenommen eine Stele zum Gedenken an die Ermordung von drei NS-Opfern. Ein würdiger Gedenkort sieht anders aus.
Helmut Wetzel kennt den Platz aus seiner Kindheit. Wenn er darüber läuft, weckt der Platz in ihm, dem Sohn des NS-Verfolgten Otto Wetzel, "brisante Gefühlserbschaften". Das schreibt er in einer Stellungnahme, die dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt. Sein Vater wurde im Herbst 1938 nach zweijähriger "Schutzhaft" aus dem KZ Dachau entlassen. Der Platz lag auf seinem Weg zur Schule und habe immer etwas "Bedrohliches" gehabt, erzählt der heute in Freiburg lebende Wetzel. Er weiß auch, warum: "Der Platz bleibt für immer auch Symbol des Vermächtnisses meines Vaters und seiner Dachauer Leidgenossen."
Holocaust-Überlebender Ernst Grube für zentralen Gedenkort
Wetzel ist einer von rund vier Dutzend Angehörigen von NS-Opfern und Verfolgten, die sich zum Dachauplatz zu Wort gemeldet haben. Sie wollen ihn zum zentralen Regensburger Gedenk- und Erinnerungsort für die NS-Verbrechen machen. Prominentester Unterstützer der Initiative ist der Holocaust-Überlebende Ernst Grube von der Dachauer Lagergemeinschaft. Unter anderem gehören auch Helga Hanusa vom Runden Tisch für Erinnerungskultur, die ökumenische Friedensbewegung Pax Christi, GEW-Gewerkschaftsvertreter und die Stolperstein-Initiative Regensburg dazu.
80 Jahre seien vergangen, in denen durch die Gestaltung des Platzes kein Bezug hergestellt worden sei zu den Menschheitsverbrechen, die in den umliegenden Behörden der NS-Herrschaft und NS-Verwaltung mitgeplant und ausgeführt wurden, sagt Hans Simon-Pelanda, Initiativsprecher und Ehrenvorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft ehemaliges Konzentrationslager Flossenbürg". Bis heute fehle eine "würdige Erinnerung an alle Verfolgten und Ermordeten des NS-Regimes". Auch für Helmut Wetzel wäre daher der Dachauplatz der "ideale, zeitgemäße Ort des Demokratielernens".
Ab 1933 entstand am Dachauplatz das NS-Machtzentrum
Gemeinsam argumentieren sie, dass um den Dachauplatz herum, der zur NS-Zeit noch "Moltkeplatz" hieß, ab 1933 die Machtzentrale der Nazis in der Stadt entstanden sei. Im heutigen Neuen Rathaus war einst die NS-Verwaltungszentrale untergebracht, gegenüber lag das Polizeigebäude mit den Gestapo-Kellern und Verhörräumen. Ebenfalls zu diesem Areal gehörten das Kreiswehrersatzamt zur Erfassung der Soldaten und das Arbeitsamt, wo die mehr als 13.000 verschleppten Arbeitskräfte aus vielen Ländern Europas erfasst wurden. Nur wenige Meter entfernt befand sich auch die Kreisleitung der NSDAP-Parteizentrale, die in einer enteigneten Villa jüdischer Bürger untergebracht war.
Am 10. März 1946 wurde der Platz vom damaligen Oberbürgermeister Gerhard Titze in Dachauplatz umbenannt - als zentraler Gedenkort für die Opfer von Faschismus und Krieg, wohl auch auf Drängen der US-Militärverwaltung. Hinweistafeln oder digitale QR-Codes zu den historischen Fakten an allen umliegenden städtischen Gebäuden suche man aber bislang vergebens oder sie seien bis heute unvollständig oder fehlerhaft, sagt Helga Hanusa. Dass der Dachauplatz nicht Dachauer Platz heißt, hat übrigens seinen Grund. Er sei bewusst nach dem Konzentrationslager benannt worden - und nicht nach der Stadt, erläutert Hanusa.
Stadt: Zentraler Gedenkort soll woanders entstehen
Für sie und ihre Mitstreiter liegt es daher auf der Hand, aus dem Dachauplatz einen zentralen Gedenkort zu machen. Auch die Stadt Regensburg sieht den grundsätzlichen Bedarf, das Areal um das Mahnmal am Dachauplatz "aufzuwerten", wie eine Stadtsprecherin dem epd auf Anfrage sagt. Konkrete Pläne für eine Umgestaltung zu einem zentralen Gedenkort existierten aber nicht und seien auch nicht im Investitionsprogramm der Stadt vorgesehen.
Dafür sucht die Stadt an anderer Stelle nach einem geeigneten Gedenkort, bislang erfolglos. Seit 2017 verfüge sie zwar über ein "umfassendes Erinnerungskulturkonzept", sagt die Stadtsprecherin weiter. Aber bislang gebe es "keinen zentralen, öffentlich zugänglichen Ort, an dem die neuere Stadtgeschichte - insbesondere die NS-Zeit, ihre Nachwirkungen und die Entwicklung der Demokratie - kontinuierlich vermittelt, diskutiert und präsentiert werden kann". Gesucht würden Räumlichkeiten, zu denen auch eine Ausstellungsfläche, ein Veranstaltungsraum für bis zu 120 Menschen und Räume für Büros und Seminare gehörten. Die Stadt habe zwar verschiedene Räume in Augenschein genommen, in denen sich dieser Ort gut umsetzen ließe, aber eine Entscheidung stehe noch aus. (2077/21.07.20226)