Deutschland nennt sich gern das Land der Dichter und Denker. Ein Land der Ideen, der Ingenieure, der Tüftler. Ein Land, das nach dem Krieg aus Trümmern eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt aufgebaut hat. Fleiß, Verantwortung und Zusammenhalt waren keine leeren Schlagworte, sondern Werte, auf die man stolz sein konnte.
Heute habe ich zunehmend den Eindruck, dass wir diese Stärken Stück für Stück gegen Bürokratie, Umverteilung und immer neue Belastungen eintauschen.
Wer morgens aufsteht, arbeitet, Steuern zahlt und versucht, seine Familie über Wasser zu halten, hat längst nicht mehr das Gefühl, belohnt zu werden. Im Gegenteil. Viele Menschen fragen sich inzwischen: Für wen mache ich das eigentlich noch? Ein Lohn allein reicht immer seltener aus, um Rücklagen aufzubauen. Eigentum wird zum Luxus. Die Abgaben steigen. Energie kostet mehr. Wer heute einen Termin beim Amt braucht, wartet auf einen freien Slot wie früher auf einen Brief,wer einen Arzttermin sucht, hört 'Gedulden Sie sich noch ein paar Wochen'. Genau das ist gemeint, wenn ich von einem Land der Vertrösteten spreche: Man wird nicht abgelehnt, man wird auf morgen verschoben. Und wenn man sich beschwert, heißt es oft, man müsse eben solidarisch sein.
Solidarität ist wichtig. Aber Solidarität funktioniert nur, wenn sie nicht zur Einbahnstraße wird.
Mehr Staat, weniger Vertrauen
Während der Staat immer mehr Geld einnimmt, scheint die Antwort auf nahezu jedes Problem dieselbe zu sein: neue Programme, neue Behörden, neue Regeln oder neue Schulden. Gleichzeitig bröckeln Straßen, Schulen, Brücken und die Digitalisierung.
Nun wird ein Haushalt vorgestellt, in dem Verteidigung massiv aufgestockt wird. Das mag angesichts der weltpolitischen Lage nachvollziehbar sein. Sicherheit ist keine Nebensache. Aber gleichzeitig werden andere Bereiche gekürzt: Gesundheit, Bildung , Familien, Entwicklung, Verkehr. Man kann über jede einzelne Entscheidung diskutieren. Was mich stört, ist das Gesamtbild – und dass dieses Gesamtbild kaum jemand offen ausspricht.
Es entsteht der Eindruck, dass die Menschen, die dieses Land jeden Tag am Laufen halten, immer häufiger hören: „Ihr müsst eben noch ein bisschen mehr tragen."
Der Mittelstand trägt. Familien tragen. Rentner tragen. Arbeitnehmer tragen.
Irgendwann stellt sich die berechtigte Frage, wer eigentlich noch etwas schultern soll, wenn genau diese Menschen irgendwann nicht mehr können oder nicht mehr wollen.
Die Probleme haben sich über Jahre aufgebaut, unter verschiedenen Regierungen, verschiedenen Farben. Genau deshalb wäre Ehrlichkeit jetzt wichtiger denn je: Man kann den Menschen sagen, dass Verteidigung mehr Geld braucht. Man kann erklären, warum Investitionen notwendig sind. Man kann offen darüber sprechen, dass manche Entscheidungen schmerzhaft sind. Was man aber nicht tun sollte, ist den Eindruck zu vermitteln, alles werde besser, während viele Menschen Monat für Monat erleben, dass ihr eigenes Leben teurer und komplizierter wird.
Die eigentlichen Leistungsträger
Deutschland lebt nicht von Ministerien oder Behörden. Deutschland lebt von Menschen, die morgens um sechs Uhr aufstehen. Von Pflegekräften. Von Handwerkern. Von Erzieherinnen. Von Polizisten. Von Lkw-Fahrern. Von Unternehmern. Von Angestellten. Von Ehrenamtlichen. Von all denen, die ihren Beitrag leisten, ohne jeden Tag eine Pressekonferenz darüber zu geben.
Genau diese Menschen brauchen das Gefühl, dass sich Leistung lohnt. Dass Sparsamkeit belohnt wird. Dass Verantwortung anerkannt wird. Dass der Staat ihr Partner ist und nicht nur derjenige, der immer neue Forderungen stellt. Das ist am Ende auch eine Frage der Gerechtigkeit im ältesten Sinn des Wortes: dass Leistung und Lohn, Verantwortung und Anerkennung wieder zusammenpassen.
Das Land der Dichter und Denker war einmal bekannt dafür, Probleme mit Innovation zu lösen. Heute scheint die größte Innovationskraft darin zu bestehen, neue Gesetze, neue Abgaben und neue Zuständigkeiten zu erfinden. Wir diskutieren über Formulare, während andere Länder über Zukunftstechnologien sprechen.
Ich wünsche mir kein Deutschland, das sich zurückzieht oder unsolidarisch wird. Ich wünsche mir ein Deutschland, das seine Prioritäten wieder klarer setzt. Ein Land, das diejenigen stärkt, die Verantwortung übernehmen. Ein Staat, der nicht zuerst fragt, was er den Bürgern noch abverlangen kann, sondern was er selbst besser machen muss.
Das Land der Dichter und Denker braucht keine neuen Parolen. Es braucht wieder mehr Vertrauen in seine Bürger. Denn ein Staat wird nicht stark, weil sein Haushalt wächst. Er wird stark, wenn die Menschen, die ihn tragen, wieder das Gefühl haben, dass sich ihr Einsatz lohnt.