Ich habe den Fehler gemacht, nach dem Anschlag auf den Berliner CSD die Facebook-Kommentare zu lesen. Dort schreiben Menschen Sätze wie: "Sie ernten, was sie säen." Oder: "Kein Mitleid mit den Kranken." Manche gehen sogar so weit zu behaupten, der Täter habe "alles richtig gemacht".
Ein Mann fährt mit seinem Auto in eine Menschenmenge. Eine Frau stirbt. Viele weitere Menschen hätten sterben können. Und darunter finden sich Menschen, die Beifall klatschen. Ich schließe die App wieder.
Nicht, weil ich unterschiedliche Meinungen nicht aushalte. Sondern weil dieser offene Hass erschreckend ist. Weil dort Diskriminierung nicht einmal mehr versteckt wird. Sie steht öffentlich da, bekommt Zustimmung und Likes.
Auf Instagram wirkt das Bild anders. Dort überwiegen Trauer, Mitgefühl und Solidarität. Menschen berichten von ihren Erlebnissen auf CSDs, sprechen den Angehörigen ihr Beileid aus und schreiben, dass sie sich nicht einschüchtern lassen wollen.
Hass im Netz ist laut – aber nicht die ganze Realität
Und genau das entspricht auch eher der Realität. Vor wenigen Wochen waren beim CSD in Köln rund 1,5 Millionen Menschen unterwegs. Familien, Freundeskreise, Vereine, Kirchen, Unternehmen, Parteien und natürlich unzählige queere Menschen. Auch ich war dort.
Wer behauptet, CSDs seien Veranstaltungen für eine kleine Gruppe "Verrückter" oder "Perverser", ignoriert schlicht die Wirklichkeit. Trotzdem begegnen einem immer wieder dieselben Sätze.
"Sollen sie doch lieben, wen sie wollen. Aber müssen sie uns damit ständig nerven?"
Und das sind noch die freundlicheren Kommentare.
Wie großzügig, dass andere Menschen ihre Liebe erlaubt wird – solange sie möglichst unsichtbar bleibt. Nicht zu laut. Nicht zu bunt. Nicht zu sichtbar. Am besten zu Hause hinter verschlossenen Türen.
Dabei fordert die queere Community nichts Außergewöhnliches.Sie fordert Gleichberechtigung. Schutz vor Gewalt. Schutz vor Diskriminierung. Die Freiheit, offen leben und lieben zu können. Kurz: dieselben Rechte und dieselbe Sicherheit wie alle anderen Menschen.
Gleichberechtigung ist keine Provokation
Besonders bemerkenswert ist dabei, von wem diese Forderungen häufig kritisiert werden. Ausgerechnet diejenigen, die ständig beklagen, man wolle ihnen vorschreiben, wie sie zu leben oder zu sprechen hätten, erklären queeren Menschen regelmäßig, wie sichtbar sie sein dürfen, wie sie auftreten sollen und wo ihre Grenzen liegen.
Fast schon witzig. Aber auch nur fast.
Niemandem wird etwas aufgezwungen, weil Menschen zeigen, wer sie sind oder für ihre Rechte auf die Straße gehen. Das Einzige, was die queere Community der Gesellschaft zumuten möchte, sind Menschenrechte, Respekt und Empathie.
Ebenso irritierend ist die plötzliche Anteilnahme mancher politischer Akteur:innen.Wer noch vor wenigen Tagen gegen queere Sichtbarkeit Stimmung gemacht hat oder Förderprogramme für queere Jugendliche und Beratungsstellen streicht, wirkt wenig glaubwürdig, wenn nach einem Anschlag plötzlich Solidaritätsbekundungen folgen. Anteilnahme ist wichtig. Noch wichtiger wäre allerdings eine Politik, die queere Menschen tatsächlich schützt.
Nach dem Anschlag wurde außerdem schnell versucht, die Tat politisch zu instrumentalisieren. Manche behaupten nun, sie wäre mit der "richtigen Politik" verhindert worden. Dabei bedeutet diese angeblich richtige Politik für manche vor allem eines: weniger queere Sichtbarkeit, weniger CSDs, weniger Rechte.Genau das darf die Konsequenz nicht sein.
Die Antwort auf Hass darf nicht weniger Freiheit sein
Nach meinem ersten CSD vor wenigen Wochen habe ich mich allerdings selbst gefragt, ob solche Veranstaltungen tatsächlich der richtige Weg sind. Natürlich haben queere Menschen jedes Recht, auf die Straße zu gehen, ihre Identität zu feiern und gegen Diskriminierung zu demonstrieren.
Aber überzeugt man damit wirklich Menschen, die bislang ablehnend eingestellt sind? Oder erreicht man am Ende vor allem diejenigen, die ohnehin schon auf der eigenen Seite stehen?
Ich habe lange darüber nachgedacht.
Und ich bin zu einer eindeutigen Antwort gekommen.
JA.
CSDs sind der richtige Weg.
Es ist vielleicht nicht der perfekte und nicht der einfachste Weg, nicht der Weg, mit dem man keine Ablehnung erfährt und keine Hürden meistern muss, nicht der Weg der ohne Risiko und Anstrengungen und Tränen einhergeht. Aber es ist der richtige und eben auch der einzige Weg.
Veränderung ist nie leise. Veränderung bewirkt man nicht, in dem man sich still und heimlich liebt, indem man angepasst und zurückgezogen lebt, in dem man jede Diskriminierung und Ausgrenzung, jeden Hass und blöden Spruch, jede Ungerechtigkeit und Vorurteil einfach abnickt und über sich ergehen lässt. Ja das ist vielleicht der bequeme Weg und man wird schon irgendwie damit durchkommen. Aber verändern wird man dadurch gar nichts. Weil Veränderung nie leise war.
Veränderung entsteht nicht durch Schweigen
Kein Fortschritt wurde erreicht, indem Betroffene still geblieben sind. Frauenrechte nicht. Arbeitnehmerrechte nicht. Bürgerrechte nicht. Der Kampf gegen Rassismus nicht. Der Kampf gegen Faschismus nicht.
Gesellschaftlicher Fortschritt entsteht, weil Menschen sichtbar werden. Weil sie unbequem sind. Weil sie sich weigern, Ungerechtigkeit einfach hinzunehmen. Auch queere Menschen werden ihre Gleichberechtigung nicht erreichen, indem sie sich möglichst unauffällig verhalten.
Ich habe auf dem CSD etwas erlebt, das sich nur schwer beschreiben lässt. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, nicht die Außenseiterin zu sein. Dort waren Tausende Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Die dieselben Ängste kennen. Dieselben verletzenden Kommentare gehört haben. Und trotzdem stolz auf sich sind.
Allein dafür sind CSDs unverzichtbar. Doch sie sind noch aus einem anderen Grund wichtig. Etwa 12 Prozent der Menschen in Deutschland sind queer. Rund neun Millionen Menschen. Das ist keine kleine Minderheit, die sich einfach anzupassen hat. Deshalb braucht es CSDs nicht nur in Berlin, Köln oder München. Es braucht sie genauso oder sogar noch mehr in Schwandorf in der Oberpfalz, Regen im bayerischen Wald oder jeder anderen Kleinstadt.
Denn auch dort leben queere Menschen. Viele von ihnen verstecken sich noch immer, weil sie Angst vor genau den Kommentaren haben, die nach diesem Anschlag wieder überall zu lesen waren.
CSDs braucht es gerade dort, wo Sichtbarkeit fehlt
Wer behauptet, CSDs seien auf dem Land unnötig, weil es dort "solche Spinner" nicht gäbe, liefert damit ungewollt selbst das beste Argument dafür, warum sie eben doch notwendig sind.
Und wer Regenbogenflaggen und das Feiern der eignen Identität für übertrieben hält, sollte sich fragen, warum dieselben Menschen zur Fußball-Weltmeisterschaft ganz selbstverständlich die Deutschlandflagge vor ihr Haus hängen und "Schlaaand" rufen. Stolz scheint also durchaus erlaubt zu sein. Nur eben nicht für alle.
Der Anschlag in Berlin sollte uns deshalb nicht leiser machen. Sondern lauter. Nicht ängstlicher. Sondern entschlossener.
Jetzt erst recht. Von Trauer zu Wut zu Widerstand.