Die meisten Menschen mit Demenz leben deutschlandweit zu Hause und werden von ihren Angehörigen gepflegt. Aktivitäten, die davor selbstverständlich waren, werden dann zunehmend schwieriger - auch das Verreisen. Die Familienerholungsstätte Sulzbürg in der Oberpfalz will den Betroffenen bei einer "Auszeit mit Herz" wieder Erholung und mehr Zeit füreinander ermöglichen. Sie ist die zweite Erholungsstätte in Bayern, die sich auf Demenz spezialisiert hat und bei der Erkrankte und Angehörige gemeinsam Urlaub machen können, sagt Annette Braun, die Leiterin der evangelischen Familienerholung Sulzbürg. Die andere ist im oberbayerischen Langau. In Planung sei ein weiteres Angebot in Bad Alexandersbad.
Frau Braun, wie verändert sich das Leben für Angehörige, die einen Menschen mit Demenz pflegen?
Annette Braun: Das Leben verändert sich sehr stark, weil der Alltag von der Krankheit geprägt wird. Man kann demenziell Erkrankte immer weniger alleine lassen, bis man 24 Stunden in der Woche als Angehöriger präsent sein muss, um sicher zu sein, dass nichts schiefgeht. Es belastet psychisch ungemein, wenn man seinen eigenen Rhythmus nicht mehr leben, seine Freunde nicht treffen, nicht mehr seine eigenen Ziele verfolgen kann, weil man nur noch für den Partner oder einen Elternteil da sein muss. Viele Angehörige organisieren ihren gesamten Alltag neu, verzichten auf Freizeit und stellen eigene Bedürfnisse über lange Zeit zurück.
Auch sich in der Gesellschaft zu bewegen, wird generell immer schwieriger, weil die Erkrankten zunehmend auffällig in ihrem Verhalten werden, sich wie Kinder benehmen oder eigenartige Ticks bekommen. Da kann das einfache Essengehen zur Herausforderung werden. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto größer werden die Probleme: Wenn etwa ein schwarzer Fußabstreifer zum Problem wird, weil der demente Mensch glaubt, in ein schwarzes Loch zu fallen, wenn er draufsteigt.
Betreuung im Urlaub ermöglicht Auszeit für Angehörige
Die Abhängigkeit des Erkrankten wird immer größer, der Druck für die Angehörigen immer höher. Da kommt Ihr Angebot ins Spiel. Was unterscheidet die "Auszeit mit Herz" von einem klassischen Pflege- oder Betreuungsangebot?
Die meisten Pflegenden haben ein Problem damit, ihre Angehörigen abzugeben, um selbst einmal Urlaub machen zu können. Sie haben das Gefühl, sie abzuschieben. Wir bieten deswegen eine Kombination an: Beide kommen zu uns, machen zusammen Urlaub und erleben gemeinsam etwas. Die Betreuungszeiten am Tag sind vormittags und nachmittags auf je drei Stunden begrenzt, in denen der pflegende Angehörige Zeit zum Durchschnaufen hat und etwas für sich tun kann. Manchmal ist die größte Entlastung, einfach wieder gemeinsam lachen zu können.
Hinzu kommt, dass ein Austausch unter den pflegenden Angehörigen möglich wird. Zu sehen, dass es anderen Betroffenen ähnlich ergeht, Anregungen zu erhalten, wie man den Alltag besser organisieren kann, auch etwas für sich tun kann etwa mit Entspannungsmöglichkeiten, die wir anbieten, und nicht zuletzt den Kontakt zu den Menschen halten, die man bei uns kennengelernt hat, kann Erleichterung bringen.
Sulzbürg ist seit 100 Jahren ein evangelisches Familienerholungszentrum. Wie schwierig war die Umstellung auf diese Art der professionellen Begleitung von Demenzerkrankten?
Wir konnten das Konzept von der Familienbildungsstätte Langau bei Steingaden übernehmen. Barrierefreiheit und bauliche Veränderungen mussten auf unser Haus ausgelegt werden. Der größte Part lag bei den Ehrenamtlichen, die für die Betreuung geschult wurden. Zudem mussten wir das Budget im Blick behalten, damit sich die Gäste, die häufig in Rente sind, den Aufenthalt auch leisten können. Mit 1.030 Euro all-inclusive für zwei Personen pro Woche sind wir billiger als ein Hotel. Was wir auch anbieten, sind individuelle Anamnese-Gespräche mit den Teilnehmenden, um sie besser kennenzulernen, damit wir auf diese Personen bestmöglich in fremder Umgebung eingehen können.