Die Zahl der Demenzkranken in Deutschland wird sich laut Prognosen bis zum Jahr 2050 nahezu verdoppeln. Der Neurologe Klaus Jahn, Chefarzt der Neurologie und Geriatrie in der Schön Klinik Bad Aibling-Harthausen (Landkreis Rosenheim) und Experte für Demenzerkrankungen, erklärt, woran das liegt, warum eine Demenz oft lange unbemerkt bleibt - und wie Bewegung, Ernährung und geistige Aktivität das Risiko senken können.
"Eine Demenz entwickelt sich oft über Jahre unbemerkt im Gehirn"
Herr Jahn, warum sind das frühe Erkennen einer Demenz und eine frühzeitige Diagnose so wichtig?
Klaus Jahn: Eine Demenz entwickelt sich oft über Jahre unbemerkt im Gehirn durch Funktionsverlust von Nervenzellen und entsprechenden Folgen für die Hirnfunktion. Wenn ein solcher Abbau beginnt, so können ein gesunder Lebensstil und ausreichend körperliche und geistige Aktivität das Ausbrechen einer Krankheit verzögern oder ganz verhindern. Die frühe Diagnosestellung ist wichtig. Es gibt verschiedene Ursachen für eine Demenz. Bei manchen Formen ist die Rückbildung der Defizite möglich. Das gilt zum Beispiel für Demenzen bei Vitaminmangel oder Fehlernährung. Auch eine Demenz als Folge eines gestörten Hirnwasserkreislaufs ist beeinflussbar. Bei der häufigsten Demenzform, der Alzheimer-Erkrankung, gibt es jetzt Medikamente, die in ausgewählten Fällen und im Frühstadium das Fortschreiten hinauszögern können.
Wie können Betroffene und Angehörige erste Symptome von normalem Altern unterscheiden?
Bei der Alzheimer-Demenz ist die Störung der räumlichen Orientierung, also das Zurechtfinden in der Umgebung, ein frühes Zeichen des Nachlassens der geistigen Leistungsfähigkeit. Oft fällt auch eine gewisse Persönlichkeitsveränderung mit reduziertem Interesse und verminderten sozialen Aktivitäten auf. Im Laufe der Zeit kommen dann Gedächtnisstörungen dazu. Das normale Altern kann sehr unterschiedlich verlaufen, aber es ist jedenfalls kein Problem, wenn einem mal ein Name nicht einfällt oder man sich Listen schreiben muss.
"Gut ist, wenn Ärztin oder Arzt einen schon kennen"
Ab wann sollte man Veränderungen ernst nehmen und an wen sollte man sich zuerst wenden?
Natürlich sind Menschen unterschiedlich. Manche Personen befürchten sehr früh eine Erkrankung, während andere nie etwas merken. Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit sind insbesondere dann relevant, wenn sie auch der Umgebung auffallen und zur Reduktion von Aktivitäten führen. Eine gute Hausärztin kann dann schon unterscheiden, ob eher Angst, ein Stimmungstief oder Anzeichen des geistigen Abbaus vorliegen. Gut ist, wenn Ärztin oder Arzt einen schon kennen, denn das Ausgangsniveau ist sehr unterschiedlich. Bei auffälligen Befunden erfolgt dann die Überweisung zum Neurologen oder Psychiater.
Was genau passiert im Gehirn bei Demenz?
Bei der Alzheimer-Krankheit und anderen Formen der Neurodegeneration verlieren Nervenzellen die Funktion bei Anhäufung von Stoffwechselprodukten und Eiweißbausteinen im Gehirn. Häufig im Alter ist auch die Anhäufung sehr kleiner Durchblutungsstörungen durch Gefäßbrüchigkeit nach langjährigem Bluthochdruck. Bei vielen alten Menschen mit Symptomen einer Demenz liegt eine Kombination von Neurodegeneration und Gefäßproblemen vor. Die Folgen werden dann besonders deutlich, wenn das Gehirn nicht gefordert wird, also wenig geistige und körperliche Aktivität besteht.
Wie sieht der aktuelle Forschungsstand zu Medikamenten, Diagnostik und Präventionsansätzen aus?
Erstmals sind seit diesem Jahr in Europa Medikamente zugelassen, die Ablagerungen, sogenannte Amyloide, aus dem Gehirn entfernen können und damit das Fortschreiten der Alzheimer-Demenz in manchen Fällen verlangsamen. Das gilt nur bei bestimmten Unterformen und nur in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung, die dadurch trotzdem nicht geheilt wird. Für geeignete Patienten ist die frühe und vollständige Diagnostik mit Bildgebung des Gehirns durch ein MRT oder eventuell auch ein PET, Nervenwasserpunktion und Laboruntersuchung sowie Testung der geistigen Leistungsfähigkeit wichtig.
"Schon etwas mehr Aktivität nutzt etwas – man muss also nicht radikal umstellen"
Welche Rolle spielen Lebensstil, Ernährung und geistige Fitness?
Für die Mehrheit der Bevölkerung sind die sehr wirksamen Vorbeugungsmöglichkeiten viel wichtiger. Mit regelmäßiger körperlicher Aktivität, etwa 5.000 Schritte am Tag, moderatem Ausdauersport, gesunder mediterraner Ernährung und anregender geistiger Aktivität lassen sich Demenz und andere Erkrankungen gut vermeiden.
Viele Menschen wissen grundsätzlich, dass Bewegung und geistige Aktivität wichtig sind, scheitern aber an der Umsetzung im Alltag. Welche kleinen, realistischen Veränderungen haben aus Ihrer Sicht den größten präventiven Effekt?
Gut klappen Anpassungen, die sich problemlos in den Alltag integrieren lassen. Man kann beispielsweise möglichst viele Wege zu Fuß zurücklegen und die Treppe nehmen, auch wenn es einen Fahrstuhl gibt. Das Gute ist auch, schon etwas mehr Aktivität nutzt etwas; man muss also nicht radikal umstellen. Leichter ist es auch, wenn es Spaß macht und man geistige und körperliche Aktivität vor allem danach auswählt.
Prognosen zufolge soll sich die Zahl der Demenzkranken in Deutschland bis 2050 nahezu verdoppeln. Woran liegt das Ihrer Einschätzung nach?
Das liegt nur zum Teil an der alternden Bevölkerung. Mit steigendem Alter wächst auch das Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Dazu kommen Lebensstilfaktoren wie mangelnde Bewegung und mangelnde geistige Herausforderungen. Umweltfaktoren mit Folgen für das Immunsystem, Ernährung, Alkohol und Einsamkeit spielen auch eine Rolle. Ein Teil ist bedingt durch die besseren diagnostischen Möglichkeiten. Es sind einfache Dinge, die für den Einzelnen helfen, das Risiko an einer Demenz zu erkranken zu senken: Soziale Kontakte pflegen, Neues ausprobieren, in Bewegung bleiben.
"Bei der Unterstützung eines Lebens mit Demenz gibt es noch viel zu tun"
Angesichts der steigenden Zahl von Demenzerkrankungen: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für unser Gesundheitssystem - und was müsste sich aus Ihrer Sicht dringend ändern, um Betroffene und Angehörige besser zu unterstützen?
Ein Leben mit reduzierten geistigen Fähigkeiten ist für den Gesunden schwer vorzustellen, muss aber keineswegs unerfüllt sein. Ich finde es daher persönlich am wichtigsten, die Unterstützung der Bezugspersonen und Angehörigen so zu verbessern, dass ein würdiges und erfülltes Leben auch mit Einschränkungen möglich wird. Da braucht es vor allem viel Aufklärung und wohnortnahe Angebote. Die Behandlungsmöglichkeiten in frühen Phasen und Vorstufen der Demenz verbessern sich, aber bei der Unterstützung eines Lebens mit Demenz gibt es noch viel zu tun!