Demenzerkrankungen nehmen zu, Generationen leben zunehmend getrennt voneinander – Themen, die längst nicht nur Forchheim betreffen. Ein Projekt aus der Oberfränkischen Kleinstadt zeigt, wie sich beides mit einfachen Mitteln zusammenbringen lässt: mit Stiften, Papier und Zeit.

Drei große Tische stehen bereit. Auf ihnen liegen Stifte, Farben, Papier. Die Seniorinnen und Senioren der Diakonie-Tagespflege Hornschuch Park in Forchheim warten gespannt. Heute kommt wieder Besuch. Junger Besuch. Kinder aus dem Pädagogischen Kunststudio Forchheim werden gemeinsam mit ihnen malen, erzählen, lachen. Es geht weiter mit einem Projekt, das Erinnerungen bewahrt und daraus etwas Neues entstehen lässt: die "Kunstbrücke der Generationen".

Seit diesem Frühjahr arbeitet das Team der Tagespflege mit dem Pädagogischen Kunststudio Forchheim zusammen. Die Idee dazu kam allerdings schon früher an die Tür der Einrichtung. "Anfang September klingelte Frau Smirnova, die Leitung des Pädagogischen Kunststudios Forchheim, an unserer Tür der Tagespflege", erzählt Melanie Paulini, leitende Pflegefachkraft der Tagespflege Hornschuch Park. "Sie begrüßte mich sofort mit ihrer herzlichen Art und stellte mir das Projekt ‚Kunstbrücke der Generationen‘ vor." Schnell sei ihr klar gewesen: Dieses Projekt passt zur Einrichtung. Auch die Gäste und deren Angehörige hätten positiv reagiert.

Kleine Geschichten mit großer Bedeutung

Ausgangspunkt des Projekts waren Gespräche. Emma Martinschke, freie Illustratorin, Texterin, Kunstlehrkraft und Pädagogin, besuchte die Tagespflege und kam mit den Gästen ins Erzählen. Wer wollte, konnte Erinnerungen aus dem eigenen Leben teilen. Diese kleinen Geschichten und Anekdoten wurden gesammelt und schriftlich festgehalten. Am Anfang, berichtet Paulini, seien viele Tagespflege-Gäste noch zurückhaltend gewesen. "Sie wussten nicht so recht, was sie erwartet." Doch dann erzählte ein Gast eine Geschichte aus seinem Leben. Und plötzlich wollten auch andere berichten. "Die Zeit der Geschichtensammlung war gefühlt viel zu kurz, um all die wunderschönen besonderen Erlebnisse im Leben der Gäste aufzuschreiben."

Es waren nicht unbedingt die großen historischen Ereignisse, die zur Sprache kamen. Oft waren es kleine Alltagsmomente aus Kindheit und Jugend. Genau diese Erinnerungen erzählen manchmal am meisten: von früheren Wegen, von Familie, von Tieren, von Jugendstreichen, von Dingen, die ein Leben geprägt haben, ohne dass sie in irgendeinem Geschichtsbuch stehen würden.

Eine Geschichte ist Melanie Paulini besonders im Gedächtnis geblieben. Eine eher ruhige und zurückhaltende Dame erzählte von ihrer Kindheit und von ihrer Hündin Aster. "Sie war eine treue, vertraute Begleiterin", sagt Paulini. Beim Erzählen sei sofort spürbar gewesen, wie viele Emotionen und schöne Erinnerungen damit verbunden waren. Solche Momente zeigen, wie viel noch lebendig ist, wenn jemand den richtigen Zugang findet. Und natürlich, sagt Paulini, habe man auch über den einen oder anderen Jugendstreich von früher schmunzeln müssen.

Ein Malbuch als Brücke zwischen den Generationen

Aus diesen Erinnerungen ist inzwischen ein Malbuch entstanden. Unterstützt wurde es von der Adalbert-Raps-Stiftung und dem Bayerischen Demenzfonds, der Projekte zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz in ganz Bayern fördert. Die gesammelten Geschichten wurden illustriert und in gedruckter Form veröffentlicht. "Vieles ist in der Vergangenheit geblieben, vieles lässt sich nicht mehr erfragen", erklärt Nadine Smirnova, künstlerische Leitung der "Kunstbrücke der Generationen". "Unsere Großeltern sind gegangen, und mit ihnen ein Teil unserer Familiengeschichte. Gerade deshalb ist es so wichtig, das zu bewahren, was noch in Erinnerungen lebt."

Für die Seniorinnen und Senioren ist es etwas Besonderes, die eigenen Geschichten später als Illustration oder Malbuchseite wiederzusehen. "Die Tagesgäste verbinden Emotionen mit ihren persönlichen Geschichten", sagt Melanie Paulini. Durch die Bilder würden diese Erinnerungen noch lebhafter. Viele seien stolz darauf, dass ihre Erlebnisse nun grafisch in einem eigenen Malbuch dargestellt sind. Beim Vorlesen der Geschichten sei außerdem etwas Unerwartetes passiert: Einige Gäste stellten fest, dass sie Verbindungen untereinander hatten. So kamen neue Gespräche in Gang. Menschen, die sich aus der Tagespflege kannten, entdeckten plötzlich gemeinsame Bezüge, ähnliche Erfahrungen oder vertraute Orte.

Das Projekt ist deshalb mehr als eine kreative Beschäftigung. Für die Tagespflege ist es auch ein wichtiger Baustein der Biografiearbeit. Wer die Lebensgeschichte eines Menschen kennt, versteht ihn besser. "Durch die persönlichen Geschichten bekommen wir ein besseres Verständnis und einen Einblick in das persönliche Leben unserer Gäste", erklärt Paulini. Verhalten, Glaubensansätze und Werte könnten dadurch besser nachvollzogen werden. Es geht nicht nur darum, Menschen zu versorgen, sondern sie mit ihrer Geschichte zu sehen.

Freundschaften statt Berührungsängste

Besonders lebendig wird das Projekt, wenn Kinder und ältere Menschen gemeinsam an einem Tisch sitzen. Paulini beschreibt es als "unvoreingenommene positive Dynamik". Die Gruppenstunden mit dem Kunststudio seien gefüllt mit Gesprächen und großer Hilfsbereitschaft zwischen den Generationen. Die Kinder bringen Neugier mit, die Seniorinnen und Senioren Erfahrung. Und irgendwo dazwischen entstehen kleine Momente, die sich nicht planen lassen.

Auch Nadine Smirnova erlebt, dass im gemeinsamen kreativen Arbeiten ein natürlicher Austausch zwischen den Generationen entsteht. Die Kinder würden dabei Empathie, Geduld und Respekt entwickeln. Das geschieht nicht durch einen Vortrag über das Alter, über Demenz oder über Rücksichtnahme. Es geschieht am Tisch, mitten im Tun. Die Kinder helfen den älteren Teilnehmenden geduldig dabei, die passenden Farben der Buntstifte oder Filzstifte auszuwählen. Sie lesen ihnen Geschichten vor und nehmen sich Zeit für Gespräche.

Im Laufe der Treffen sind echte Freundschaften zwischen den Kindern und den Gästen entstanden, berichtet Smirnova. Eine Schülerin freue sich jedes Mal besonders auf das nächste Treffen, weil sie ihrer "neuen Freundin" Geschichten vorlesen möchte. 

Nach den Begegnungen sagen alle Beteiligten immer wieder, wie gut ihnen diese gemeinsame Zeit emotional tut. Smirnova beschreibt dabei auch eine Wirkung, die über das einzelne Treffen hinausgeht: Gutes zu tun und anderen Freude zu schenken, wirke sich spürbar positiv auf das eigene seelische Wohlbefinden aus. Die Kinder erleben also nicht nur, dass ältere Menschen Unterstützung brauchen können. Sie erfahren auch, dass sie selbst etwas geben können. Zeit, Aufmerksamkeit, Geduld, eine vorgelesene Geschichte, eine gemeinsam ausgesuchte Farbe.

Dabei lernen sie auch etwas über Menschen mit Demenz. Sie erkennen, dass es Verständnis, Zeit und einen respektvollen Umgang braucht. Gleichzeitig erleben sie, dass kreative Aktivitäten Erinnerungen wecken und Kommunikation erleichtern können. Begegnungen sind auch dann möglich, wenn nicht viele Worte fallen. Manchmal reicht ein Bild, ein Stift, ein gemeinsames Lächeln oder die ruhige Geduld eines Kindes, das wartet, bis die passende Farbe gefunden ist.

Warum das Projekt weitergehen soll

In der Tagespflege Hornschuch Park spielt Kreativität ohnehin eine große Rolle. Basteln, Malen, Puzzeln, gemeinsames Spielen, Gymnastikrunden oder Kuchenbacken gehören zum Alltag. Das Programm werde nach den Wünschen der Gäste abgestimmt, sagt Paulini. "Wir beziehen die Gäste immer mit ein." Kreativität kann dabei auch dort helfen, wo Worte schwerfallen. Gerade bei Menschen mit Demenz oder anderen Erkrankungen ist nonverbale Kommunikation wichtig. Ein Bild, eine Farbe, eine Bewegung oder ein gemeinsames Tun kann manchmal mehr auslösen als ein langes Gespräch.

Die "Kunstbrücke der Generationen" zeigt, wie viel in solchen einfachen Formen stecken kann. Sie bewahrt Erinnerungen, ohne sie ins Museum zu sperren, und macht daraus etwas, das weitergegeben, angeschaut und ausgemalt werden kann. Smirnova brachte die Illustrationen auch auf Leinwände zu den Gruppenstunden mit. Gemeinsam wurden sie von Kindern und Tagespflege-Gästen ausgemalt. Diese Leinwände sollen nun einen besonderen Platz in der Tagespflege bekommen und erinnern täglich an die gemeinsame Zeit mit dem Kunststudio.

Für Melanie Paulini ist klar: Das Projekt soll nicht einfach enden, wenn das Malbuch fertig ausgemalt ist. "Natürlich wünsche ich mir sehr, dass die Kooperation zwischen unserer Einrichtung und dem Kunststudio weiterhin bestehen bleibt", sagt sie. Die Gäste wollten inzwischen keine Gruppenstunde mit dem Kunststudio verpassen. Es sei viel Vertrauen entstanden. Mehr noch: Zwischen einigen Kindern und Seniorinnen und Senioren hätten sich bereits "richtige kleine Freundschaften" entwickelt.

Am Ende bleibt nicht nur ein Malbuch. Es bleiben Gespräche, geteilte Nachmittage und Leinwände an der Wand der Tagespflege, die jeden Tag an diese Nachmittage erinnern. Es bleiben Kinder, die lernen, dass alte Menschen nicht nur alt sind, sondern voller Geschichten. Und es bleiben Seniorinnen und Senioren, die erleben: Was sie erzählen, zählt.