"Mich interessiert der Mensch Bonhoeffer: ein Mensch, der geprägt wurde, sich verändert hat, gezögert hat und Entscheidungen treffen musste, deren Folgen er nicht überblicken konnte", sagt Nadine Hamilton. Die Vikarin an der Erlöserkirche und stellvertretende Vorsitzende der Internationalen Dietrich-Bonhoeffer-Gesellschaft hat die Wanderausstellung, die das Evangelische Dekanat Kronberg entwickelt hat, nach Bamberg geholt. Das Begleitprogramm plant und koordiniert sie selbst. Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt sie sich wissenschaftlich und theologisch, aber auch im eigenen Glauben mit Bonhoeffer.

Der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer wurde im April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet. Je länger sie sich mit ihm befasse, sagt Hamilton, desto weniger passe er in ein eindeutiges Bild. Die Ausstellung frage deshalb nicht nur, was Bonhoeffer getan hat, sondern grundsätzlicher: Wie wird ein Mensch überhaupt urteilsfähig?

Ein Boden unter den Füßen

Für Hamilton beginnt Haltung nicht erst in dem dramatischen Moment, in dem jemand öffentlich widerspricht. "Ein Mensch braucht einen Boden unter den Füßen – Beziehungen, Erfahrungen, Überzeugungen, vielleicht auch einen Glauben, der ihn trägt." Zugleich müsse er für die Wirklichkeit anderer Menschen erreichbar bleiben. Das sei wichtig in einer Gegenwart, in der ständig Meinungen, Bilder, Nachrichten und Schlagworte auf Menschen einströmen. Haltung bedeute deshalb nicht, stur an der eigenen Meinung festzuhalten: 

"Haltung heißt für mich auch: selbst zu urteilen, zuzuhören und zu prüfen, zu widersprechen – aber sich auch widersprechen zu lassen."

Wie Haltungen wachsen und sich verändern, zeige Bonhoeffers Biografie. Seine Familie habe ihm Bildung, Verantwortung, Wahrhaftigkeit und Verlässlichkeit mitgegeben; dieses Erbe habe er jedoch nicht unverändert übernommen. Prägend war etwa sein Aufenthalt in New York 1930/31. Über Monate besuchte er die Abyssinian Baptist Church in Harlem, begegnete einer christlichen Lebenswelt, die sich deutlich von seiner großbürgerlichen und akademischen Herkunft unterschied, und wurde mit dem Rassismus gegenüber schwarzen Amerikanern konfrontiert.Ergänzt wird die Ausstellung durch die Bilderreihe "Bonhoeffer in Harlem" des Künstlers John Young, die diese prägende Zeit in Bonhoeffers Biografie aus einer eigenen künstlerischen Perspektive aufgreift.

Hamilton warnt allerdings vor einer zu einfachen Erzählung: Harlem habe Bonhoeffer nicht zum späteren Widerstandskämpfer gemacht, so geradlinig verlaufe keine Biografie. Interessanter sei etwas anderes: Er habe sich einer Wirklichkeit ausgesetzt, die nicht seine eigene war. "Er hört zu, kommt wieder, lässt Beziehungen entstehen und lässt sich dadurch selbst infrage stellen." Vielleicht liege genau darin eine Form von Haltung.

Auch Bonhoeffers geistliches Leben gehört für Hamilton zur Vorgeschichte. Im Predigerseminar Finkenwalde, das er Mitte der 1930er-Jahre leitete, spielten gemeinsames Leben, Gebet, Bibellektüre und Stille eine wichtige Rolle. Haltung entstehe bei ihm nicht plötzlich im Augenblick einer großen Entscheidung. Dass er sich selbst nicht als unerschütterlichen Helden inszenierte, zeige sein Gefängnisgedicht "Wer bin ich?", das der Ausstellung ihren Titel gibt. Darin beschreibt Bonhoeffer sich zugleich als gefasst und stark, aber auch als unruhig, sehnsüchtig und erschöpft. "Gerade diese Spannung finde ich wichtig", sagt Hamilton.

Bamberger Perspektiven

Ergänzt wird die Bonhoeffer-Ausstellung durch die Leihgabe "Formen des Widerstandes" der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg. Sie stellt mit Willy Aron, Hans Wölfel und Claus Schenk Graf von Stauffenberg drei sehr unterschiedliche Bamberger Biografien vor. Hamilton war es wichtig, Widerstand nicht wieder nur über einen einzelnen großen Namen zu erzählen. Die Unterschiede erlaubten genauere Fragen: Was hat diese Menschen geprägt? Was konnten sie in ihrer jeweiligen Situation erkennen und tun? Und wann wurde aus einer Überzeugung tatsächlich eine Handlung?

Eine direkte Linie von der NS-Zeit in die Gegenwart zieht Hamilton dabei bewusst nicht. "Mir ist dabei wichtig, unsere Gegenwart nicht einfach mit Bonhoeffers Zeit gleichzusetzen." Statt zu fragen, was Bonhoeffer heute tun würde, interessiere sie, was sich an ihm darüber lernen lasse, wie Menschen urteilsfähig bleiben und Verantwortung übernehmen. Das beginne oft unspektakulär: wenn jemand widerspricht, weil andere ausgegrenzt oder abgewertet werden; wenn Menschen nicht ungeprüft weitergeben, was Empörung erzeugt; wenn sie Tatsachen wahrnehmen, die der eigenen Überzeugung widersprechen; oder wenn sie für jemanden eintreten, der selbst gerade wenig Macht hat.

Fragen statt Vorbilder

Auch Schulklassen und Konfirmandengruppen will die Ausstellung kein fertiges Vorbild präsentieren. "Wir wissen schließlich überhaupt nicht, vor welchen Fragen diese Generation einmal stehen wird", sagt Hamilton. Junge Menschen bräuchten einen Boden unter den Füßen, vertrauensvolle Beziehungen, Begegnungen, die ihre Welt größer machen, und Räume, in denen sie fragen, zweifeln, glauben und widersprechen dürfen. Die Ausstellung soll weniger Antworten liefern als eigene Fragen anstoßen: Was prägt mich? Was trägt mich? Was darf meine Meinung verändern? Und wofür möchte ich Verantwortung übernehmen?

Für Hamilton selbst gibt es viele Gedanken Bonhoeffers, die sie begleiten. Wenn sie einen herausgreifen müsste, wäre es sein Verständnis der Welt als Schöpfung Gottes. Glaube bedeute nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen, sondern sie als Gottes Welt ernst zu nehmen und zu fragen, was das für das eigene Handeln heißt.

Besucherinnen und Besucher sollen Bonhoeffer nicht als beeindruckenden Menschen der Vergangenheit zurücklassen, wünscht sich Hamilton, sondern eine Frage mit nach Hause nehmen: "Was prägt eigentlich meine eigene Haltung – und was hilft mir, selbst zu urteilen und Verantwortung zu übernehmen?"

Infos zum Programm der Ausstellung

Ausstellung: 5. bis 18. Oktober 2026, täglich 9 bis 19:30 Uhr, Erlöserkirche Bamberg

 

  • Vernissage: Montag, 5. Oktober, 19 Uhr, mit Vortrag von Nadine Hamilton und Grußwort der Willy-Aron-Gesellschaft

  • Kunstmeditationen: Mittwoch, 7. und 14. Oktober, jeweils 17:30 Uhr

  • Klavierkonzert: Freitag, 16. Oktober, 19 Uhr, mit Nikolai Barenboim-Poluboiarov; Führung durch die Ausstellung um 18 Uhr

  • Literarischer Gottesdienst: Sonntag, 18. Oktober, 10 Uhr, mit Jazzmusik und Texten

  • Gruppen: Führungen nach Vereinbarung; für Schulklassen ab etwa der 9. Jahrgangsstufe ein Stationenlernen, für Konfigruppen ein eigenes Angebot; Anmeldung über die Website

  • Informationen: www.erloeserkirche-bamberg.de/dietrich-bonhoeffer-ausstellung-wer-bin-ich