München, Oberursel (epd). Der für sein Verhalten in der NS-Zeit umstrittene frühere Münchner Erzbischof Michael Faulhaber war offenbar nicht nur über die Judenmorde und andere Gräuel, sondern auch über die Umsturzpläne des Deutschen Widerstands informiert. Dies belegten neue Veröffentlichungen von Teilen der Tagebücher des 1952 verstorbenen Kardinals, berichten die Kirchenhistoriker Hubert Wolf (Münster) und Matthias Daufratshofer (Paderborn) in der Zeitschrift Publik-Forum (Freitagausgabe) in Oberursel.

Demnach habe Faulhaber, der von 1917 bis 1952 Erzbischof von München und Freising war, in der NS-Zeit wiederholt Gespräche mit Angehörigen des Kreisauer Kreises und des Deutschen Widerstandes geführt. Als Beispiele nennen die Autoren Helmuth James Graf von Moltke und den Jesuiten Lothar König, die beide dem Kreisauer Kreis angehörten. Ein weiterer Gesprächspartner sei der damalige Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler gewesen, der als einer der führenden Köpfe des zivilen Widerstands ebenso wie Graf Moltke nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler hingerichtet wurde.

Faulhaber befürchtete "wieder das Märchen vom Dolchstoß"

Dennoch habe Faulhaber es immer wieder abgelehnt, das vielfältige Morden vor allem auch an den Juden öffentlich zu verurteilen. Zur Begründung habe er zum einen darauf verwiesen, dass andere für sein Reden zur Verantwortung gezogen würden. Zudem schrieb er, dass er "sofort wieder das Märchen vom Dolchstoß" befürchte und dass sie darum "den Wilden keinen größeren Gefallen tun könnten, als jetzt vorzupreschen". Die Kirche sei aus Faulhabers Sicht zu ihrem eigenen Schutz und, um größere Übel zu verhindern, "zum öffentlichen Schweigen verdammt" gewesen, so die Historiker.