München, Fürth (epd). Jedes Jahr im April schnuppern Schülerinnen und Schüler am Girls‘ Day und Boys‘ Day in die "typischen" Berufe des jeweils anderen Geschlechts. Chancengleichheit beginne schon mit der Frage "Was traue ich mir zu?", sagte die bayerische Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) zum diesjährigen Aktionstag am Donnerstag (23. April) in einer Pressemitteilung vom Mittwoch. Angeboten würden beim Girls‘ und Boys‘ Day Berufsfelder, in denen der Anteil von Frauen beziehungsweise Männern noch bei weniger als 40 Prozent liege, erklärte das Ministerium.

Davon gibt es auch in Bayern noch genug: Während 78 Prozent der weiblichen Erwerbstätigen in Gesundheitsberufen arbeiteten, seien 84 Prozent der erwerbstätigen Männer in fertigungstechnischen Berufen aktiv, erklärte das Landesamt für Statistik am Mittwoch. In sozialen oder kulturellen Dienstleistungsberufen liegt der Frauenanteil über 60 Prozent, im Bau- und Ausbaugewerbe sind Männer zu 90 Prozent vertreten.

Ein Lob und ein Aber

Grundsätzliches Lob für die Idee der Aktionstage, die bundesweit seit 2001 (Girls' Day) und 2011 (Boys' Day) veranstaltet werden, kommt vom Bayerischen Jugendring (BJR): "Sie haben viel bewegt und wichtige Debatten angestoßen", betonte BJR-Präsident Philipp Seitz in einer Pressemitteilung vom Mittwoch. Dennoch trage ein Format, "das Jugendliche zunächst nach Geschlecht sortiert, bevor es Klischees überwinden will", einen Widerspruch in sich. Queere oder nichtbinäre Jugendliche würden so systematisch ausgeschlossen. Die Kommission für Queere Jugendarbeit des BJR plädiere für eine Weiterentwicklung des Girls‘ und Boys‘ Days hin zu einem "offenen Zukunfts- und Berufswahltag".

Dabei müsse auch die Tatsache berücksichtigt werden, dass zwischen den angebotenen Berufswelten noch immer "eine erhebliche Lohnlücke" klaffe. Ein Aktionstag, der Pflege als "Jungenfeld" und Technik als "Mädchenfeld" inszeniere, ohne die ungleiche gesellschaftliche Bewertung dieser Berufe zu thematisieren, greife zu kurz. "Strukturelle Probleme wie Lohnungleichheit, ungleiche Care-Verteilung und starre Rollenbilder lassen sich durch einen Aktionstag im Jahr nicht lösen", betonte die Kommission.

80.000 Schnupperplätze bundesweit

Am Girls' und Boys' Day können sich Schülerinnen und Schüler ab der 5. Klasse beteiligen. In diesem Jahr stehen laut Homepage in Betrieben, Institutionen und Hochschulen bundesweit 60.000 Plätze für Mädchen und 20.000 Plätze für Jungen zur Auswahl. Das Programm wird vom Bundesfamilienministerium gefördert.