Frau Weßels, Sie sind Professorin für Wirtschaftsinformatik und leiten das Zukunftslabor für Generative KI in Schleswig-Holstein. Wie kommen Sie zu KI und Ethik? Was motiviert Sie daran? 

Doris Weßels: Das ist eine gute Frage, wie das alles zusammenhängt. Es hat sich historisch entwickelt. Als Professorin für Wirtschaftsinformatik ist man breit aufgestellt – mit betriebswirtschaftlichen und informatischen Fragestellungen. 

Ich habe vor sieben Jahren, im Februar 2019 ein Forschungsfreisemester an der FH Kiel (heute HAW Kiel) für Fragen rund um Implikationen von Digitalisierung und KI für Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft beantragt und glücklicherweise auch genehmigt bekommen. Ein Output sollte ein neues Wahlmodul für unsere Masterstudierenden im Bereich "Künstliche Intelligenz und gesellschaftliche Implikationen" sein, was ich dann ab dem Sommersemester 2020 unter der Überschrift "KI und Ethik” angeboten habe.  

Aber das Jahr 2019 war auch der Auftakt für das Land Schleswig-Holstein, sich strategisch mit dem Thema KI auseinanderzusetzen. Unter Leitung unseres heutigen Digitalisierungsminister Dirk Schrödter wurde 2019 die erste KI-Strategie veröffentlicht. Schleswig-Holstein zählte damals zu den ersten Bundesländern mit einer solchen Strategie. Es geht bis heute darum, die Potenziale von KI im "echten Norden" systematisch zu nutzen.
Parallel dazu gab es die KI-Landesstrategie in Schleswig-Holstein und damit auch einen finanziellen Rahmen für Fördervorhaben.

Ich leite seit April 2023 das von mir initiierte KI-Förderprojekt "AI2Entrepreneur – AI-Assisted Entrepreneurship Education and Development". Dort analysieren wir das Potenzial von generativer KI als Booster für Gründungsvorhaben, stellen unser Know-how den Start-ups zur Verfügung und unterstützen Gründungsmodule in der Hochschullehre – inzwischen auch in Schulen. Zwei Jahre später kam dann das KI-Anwendungszentrum Schleswig-Holstein mit einem Teilprojekt hinzu, bei dem es um die gezielte Förderung von klein- und mittelständischen Unternehmen in unserem Bundesland geht. Meine Aktivitäten habe ich dann unter dem Label "Zukunftslabor Generative KI" gebündelt, um Synergien bestmöglich nutzen zu können. 

Sie arbeiten an der Schnittstelle von Wissenschaft, Staat und Unternehmen. Was ist dabei die größte Herausforderung? 

Ich würde es gar nicht als Herausforderung beschreiben, sondern als Chance bei einer Zukunftstechnologie mit diesem Querschnittscharakter. Für mich hat es den besonderen Charme, das Thema nicht einseitig zu betrachten, sondern unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Das ist ambitioniert, aber wichtig – in der Lehre genauso wie in der Wirtschaft. 

Die Hochschulexpertin Doris Wessels über KI und die Zukunft von Lehre und Forschung an Hochschulen.

Sie beschäftigen sich viel mit Schreiben, Lehren und Lernen mit KI. Was brauchen wir an den Hochschulen und was muss sich ändern? 

Als ChatGPT am 30. November 2022 veröffentlicht wurde – wir sprechen jetzt im April 2026, kam sofort die Frage: Ist das das Ende der Hausarbeit? Ich habe von Anfang an gesagt: Nein. Es ist nicht das Ende der Hausarbeit, sondern das Ende von Aufgaben, die sich mit einem Klick durch ChatGPT oder eine vergleichbare KI-Lösung erledigen lassen. Man braucht andere Aufgabenstellungen und muss die Technologie didaktisch sinnvoll und lernförderlich integrieren. Das ist nicht trivial, weil sich die Technologie rasant entwickelt hat. Ich habe früh von den "vier A" gesprochen: Aufklärung, Ausprobieren, Akzeptanz und Aktivität. 

Zuerst braucht es ein Grundverständnis. Dann probiert man aus – oft mit einem Schockmoment, weil die Systeme so leistungsfähig sind. Dann folgt die Akzeptanz: Die Technologie bleibt. Und schließlich wird man aktiv, tauscht sich aus und lernt gemeinsam. Diese Schritte sind bis heute relevant. Ohne Grundverständnis fehlt uns die gesellschaftliche Diskursfähigkeit. Und die brauchen wir, weil die Technologie immer mehr Bereiche durchdringt – den privaten, beruflichen und neuerdings auch den militärischen. 

Wo stehen wir aktuell im Bildungsbereich? 

Das ist schwer zu beurteilen. Eine Studie der Robert Bosch Stiftung aus dem Jahr 2025 zeigte: Ein Drittel der Lehrkräfte nutzt KI regelmäßig, ein Drittel sporadisch, ein Drittel gar nicht. Das hat sich zwischenzeitlich sichtbar verbessert, aber wir sind noch nicht am Ziel. Es fehlen verpflichtende und regelmäßige Schulungen für Medien- und Digital-/KI-Kompetenz. Die Situation an den Hochschulen ist sehr ähnlich. Es gibt immer noch viele Lehrende, die sich nicht damit beschäftigen oder die Nutzung dieser Technologie aus unterschiedlichsten Gründen ablehnen. 

Im Zukunftslabor geben Sie konkrete Hilfestellungen. Welche Erfahrungen machen Sie? 

Wir haben früh begonnen – schon vor ChatGPT – mit dem Fokus auf Schreiben, Lehren und Lernen mit KI. Unser virtuelles Kompetenzzentrum VK:KIWA, das wir am 1.09.2022 gegründet haben, hat Materialien entwickelt, Workshops angeboten und Vorträge gehalten. Als ChatGPT kam, ging die Verbreitung rasant: eine Million Nutzer in fünf Tagen, heute vermutlich rund eine Milliarde. Die Reaktionen auf generative KI sind bis heute sehr emotional.

Viele sind fasziniert, andere erschrocken. Manche haben Angst – auch um ihren Arbeitsplatz. Diese Systeme lösen etwas bei Menschen aus, weil sie Leistungen übernehmen, die wir bisher als zutiefst menschlich verstanden haben. 

Was muss sich im Bildungssystem ändern? 

Wir müssen qualifizieren. Ich habe 2023 eine bundesweite "Taskforce KI Bildung" vorgeschlagen, um Lehrende schnell fit zu machen. Das gab es so nicht. Aktuell sehen wir eher Bottom-up-Bewegungen: engagierte Lehrkräfte, die vorangehen. Von ihnen kann man lernen. Ein großes Problem ist die Entwicklungsgeschwindigkeit der Technologie, die gerade im Bildungsbereich auf strukturkonservative Organisationen trifft. Eine so tiefgreifende fundamentale Änderung haben wir noch nie erlebt – weder technologisch noch gesellschaftlich. 

Wie gehen Lehrende mit diesem Tempo um? 

Viele schrecken zurück. Man hat Materialien über Jahre entwickelt – und plötzlich sind sie überholt. Das bedeutet enormen Aufwand: neu lernen, neu denken, neu entwickeln. Viele haben dafür keine Zeit.

Ein wichtiger Weg ist Vernetzung: voneinander lernen, Best Practices übernehmen und sich gegenseitig unterstützen. 

Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken? 

Eine digitale Spaltung – zwischen Lehrenden und Lernenden. Lernende leben in anderen digitalen Welten. Wenn Lehrende diese Lebensrealität nicht wahrnehmen, entsteht Entfremdung. Wir müssen die Beziehungsarbeit stärken und genauer hinschauen, wie heute gelernt wird – oft außerhalb von Hochschule und Schule. Und wir brauchen ein gemeinsames Commitment zu Transparenz. Das bedeutet, dass Lehrende wie Lernende mit offenen Karten spielen müssen. Das werden sie aber nur, wenn der KI-Einsatz nicht sanktioniert wird. 

Gibt es Modelle, um diese Kluft zu überwinden? 

Radikale neue Modelle sehe ich noch nicht breit umgesetzt. Aber die Diskussion ist in vollem Gange. KI wirkt wie ein Brennglas und zeigt, dass viele bestehende Lehr- und Prüfungsformen schon vorher kritikwürdig waren.  

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft? 

Sehr wichtig. Sie bringt Praxisnähe und reale Problemstellungen in die Lehre. Beide Seiten profitieren – Wissenschaft und Wirtschaft. 

Sie sagen, KI ist ein Machtinstrument. Was meinen Sie damit? 

Sprache bedeutet Macht: Sie transportiert Wissen, Deutungshoheit und gesellschaftliche Teilhabe. Sprachmodelle können positiv wirken, aber auch manipulativ eingesetzt werden. Wenn wenige Akteure diese Macht in Händen halten, ist das riskant.

Ist die EU gut aufgestellt? 

Nein. Der EU AI Act ist noch nicht vollständig umgesetzt und wird bereits wieder verändert. Gleichzeitig entwickelt sich die Technologie weiter – etwa durch agentische Systeme, die wie autonom agierende Akteure wirken. Regulierung ist extrem schwierig, weil man ständig nachsteuern muss und gleichzeitig Innovation nicht bremsen darf. 

Was müsste sich politisch ändern? 

In den USA und China sprechen wir von "state-driven-AI". Das ist bei uns noch immer nicht der Fall. Unsere Bundesregierung muss endlich generative KI ressortübergreifend und strategisch verankern und als Querschnittsthema organisieren. Silodenken funktioniert hier nicht. Außerdem braucht es kontinuierliches Monitoring. Starre Regelwerke greifen zu kurz. 

Ihr Blick in die Zukunft? 

Ich hoffe, dass Europa die Potenziale erkennt, nutzt und aufholt. Aktuell liegen wir weit abgeschlagen hinter den USA und China zurück. Es ist besonders bitter, dass deutsche Wissenschaftler wichtige Grundlagen für KI geschaffen haben, aber wir die Früchte nicht ernten.

Es fehlt aus meiner Sicht in Europa nicht an Wissen oder Kapital – sondern an Bündelung. Wir müssen unsere Kräfte schneller zusammenführen, um nicht noch weiter abgehängt zu werden und müssen dringend bei neuen Zukunftsfeldern wie z. B. der Verbindung von Robotik und KI stärker einsteigen.

Podcast "Ethik Digital" abonnieren

Der Podcast Ethik Digital erscheint einmal monatlich und wird von Rieke C. Harmsen gehostet. Der Podcast erscheint als Audio, Video und Text. Alle Folgen des Podcasts Ethik Digital gibt es unter diesem Link. Fragen und Anregungen mailen Sie bitte an: rharmsen@epv.de

Audio-Podcast

Der Audio-Podcast kann bei diesen Kanälen abonniert werden:

Youtube-Playliste mit allen Videos von #EthikDigital

Hier geht's zu den Videos des Podcasts Ethik Digital.