Als kurz nach Einbruch der Dämmerung die ersten Töne über den Schlosshof von Eyrichshof hallen, verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart zu einem besonderen Erlebnis. Vor der Bühne feiern mehrere Tausend Besucher eine der erfolgreichsten deutschen Popkünstlerinnen, während sich im Hintergrund die Renaissancefassaden des Schlosses Eyrichshof erheben. Rechts die barocke Schlosskirche St. Bartholomäus, links der historische Ehrenhof – ein Ort, der seit Jahrhunderten Menschen zusammenführt. Früher zum Gottesdienst oder auf dem Gutshof, heute zu großen Sommerkonzerten.

Mit Nena hätte die diesjährige Ausgabe des Rösler Open Airs kaum prominenter beginnen können. Die 66-Jährige präsentierte sich in bestechender Form. Weder ihrer Stimme noch ihrer körperlichen Präsenz waren mehr als 45 Jahre auf den Konzertbühnen anzumerken. Mit jugendlichem Esprit sprang sie über die Bühne, tanzte, lachte, suchte immer wieder den Kontakt zum Publikum und sang mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte ihre Karriere gerade erst begonnen. Wer sie erlebte, konnte sich des Eindrucks kaum erwehren, dass Nena den Gesetzen des Älterwerdens einfach nicht unterliegt.

Begleitet wurde sie von ihrer hervorragend eingespielten Band, zu der seit Jahren auch ihre Familie gehört. Sohn Sakias überzeugte als Sänger mit markanter Stimme und harmonierte perfekt mit seiner Mutter, während Sohn Simeon an den Keyboards den Sound entscheidend mitprägte. Das familiäre Zusammenspiel wirkte nie aufgesetzt, sondern selbstverständlich – getragen von einer Band, die musikalisch auf höchstem Niveau agierte und dem Konzert enorme Dynamik verlieh.

Natürlich fehlten jene Lieder nicht, die Nena in den 1980er Jahren unsterblich machten. Bei "Nur geträumt", "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" oder dem Welthit "99 Luftballons" verwandelte sich der Schlosshof in einen großen Chor. Bemerkenswert war jedoch, dass diese Klassiker den Abend keineswegs allein tragen mussten. Vielmehr spannte Nena den Bogen über ihr gesamtes musikalisches Schaffen. Verträumte Balladen wechselten sich mit kraftvollen Rockstücken und eindringlichen Texten über Freiheit, Hoffnung und Menschlichkeit ab. Rund anderthalb Stunden feinster Deutschrock mit hervorragendem Sound, großer Spielfreude und einer Band, die zu den besten gehört, die Nena jemals begleitet haben.

Bereits zuvor hatte die Vorgruppe SIIRI den Abend eindrucksvoll eröffnet. Die Band um Frontfrau Siiri von Schlichting verbindet modernen Country-Rock und Americana mit europäischen Pop- und Rockeinflüssen und schafft damit einen eigenständigen Stil fernab aller Nashville-Klischees. Dass sie ausgerechnet auf Schloss Eyrichshof spielte, war kein Zufall. Über ihren Tontechniker entstand der Kontakt nach Franken. Zwei der fünf festen Bandmitglieder stammen sogar aus der Region Würzburg: Gitarrist und Sänger Franky Kühnlein – vielen noch aus der Metal-Band nulldB bekannt – sowie Bassist Frank Stimpfig, der unter anderem mit der Classic-Rock-Band Number Nine auftrat. Gemeinsam musizieren beide außerdem bei der Coverband Come Together. Das Publikum dankte der Formation mit lang anhaltendem Applaus – ein mehr als gelungener Auftakt für den Konzertabend.

Konzertatmosphäre auf Schloss Eyrichshof mit St. Bartholomäus im Hintergrund
Konzertatmosphäre auf Schloss Eyrichshof mit St. Bartholomäus im Hintergrund.

Stammburg der Freiherren von Rotenhan

Dass Schloss Eyrichshof heute zu den schönsten Open-Air-Spielstätten Frankens zählt, kommt allerdings nicht von ungefähr. Die Geschichte des Ortes reicht fast 700 Jahre zurück. Nachdem 1323 die Stammburg der Freiherren von Rotenhan oberhalb Eberns zerstört worden war und nicht wieder aufgebaut werden durfte, verlagerte die Familie ihren Sitz ins Tal. Aus einem Wirtschaftshof entstand eine befestigte Wasserburg, die sich über die Jahrhunderte zum heutigen Schloss entwickelte. Bis heute lebt die Familie von Rotenhan auf Eyrichshof – ein außergewöhnlicher Umstand, denn nur wenige Adelssitze in Deutschland befinden sich seit dem Mittelalter ohne Unterbrechung im Besitz derselben Familie.

Die wechselvolle Geschichte hinterließ ihre Spuren. Im Bauernkrieg wurde die Anlage 1525 verwüstet, ehe sie wenige Jahre später im Stil der Renaissance neu aufgebaut wurde. Barocke Erweiterungen, klassizistische Elemente und der weitläufige Landschaftspark des 19. Jahrhunderts prägen das Schloss bis heute. Gerade diese Mischung verschiedener Epochen macht den besonderen Reiz der Anlage aus. Wer den Schlosshof betritt, erlebt keine museale Kulisse, sondern einen Ort, der über Jahrhunderte gewachsen ist.

Ebenso prägend wie die Architektur ist die evangelische Geschichte des Schlosses. Die Freiherren von Rotenhan gehörten zu den fränkischen Adelsgeschlechtern, die sich schon früh der Reformation anschlossen. Bereits wenige Jahre nach Martin Luthers Wirken wurde in Eyrichshof evangelisch gepredigt. Damit entwickelte sich der Ort zu einem wichtigen evangelischen Zentrum in den Haßbergen. Mitten im Schlossensemble erhebt sich bis heute die evangelische Schlosskirche St. Bartholomäus. Nachdem ihr Vorgängerbau durch einen Blitzeinschlag zerstört worden war, ließ Elisabeth Sophia von Rotenhan die heutige Kirche 1685/86 errichten. Über Jahrhunderte übte die Familie das Patronatsrecht aus, berief Pfarrer, sorgte für den Unterhalt der Kirche und prägte das kirchliche Leben der Region. Erst in den 1970er Jahren ging dieses Recht an die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern über.

Bis heute wird die Schlosskirche regelmäßig für Gottesdienste, Taufen, Trauungen und Kirchenkonzerte genutzt. Damit ist Eyrichshof weit mehr als ein historischer Adelssitz. Schloss und Kirche bilden bis heute eine lebendige Einheit – ein Ensemble, das den Wandel der Jahrhunderte überstanden hat und dennoch nichts von seiner Ausstrahlung verloren hat.

Gerade diese Verbindung aus Geschichte und Gegenwart macht den besonderen Reiz der Konzertreihe aus. Wo früher Ritter, Gutsherren und Pfarrer das Leben bestimmten, stehen heute internationale Künstler auf der Bühne. Wo einst reformatorische Ideen ihren Platz fanden und Generationen der Familie von Rotenhan Verantwortung für Kirche und Region übernahmen, feiern heute Tausende Besucher friedlich den Sommer.

Mit dem gelungenen Auftakt durch Nena ist die Konzertwoche auf Schloss Eyrichshof aber noch längst nicht beendet. Bereits am Freitag, 31. Juli, gastieren In Extremo mit ihrer "Carpe Noctem"-Burgentour auf der historischen Bühne. Es folgen am Samstag, 1. August, Schmidbauer, Kälberer und Ringlstetter, am Sonntag, 2. August, Nino de Angelo mit seiner "Vivi la Vita"-Tour, am Montag, 3. August, Kabarettist Martin Frank mit seinem Programm "Grüße aus Allegro Süd" sowie zum Abschluss am Dienstag, 4. August, Gerhard Polt & die Well-Brüder mit "Apropos". 

Konzertgelände von Schloss Eyrichshof
Die Singer/Songwriterin SIIRI auf dem lauschigen Konzertgelände von Schloss Eyrichshof.