Wenn Jethro Tull am 12. April in der Meistersingerhalle Nürnberg auftreten, steht mit Ian Anderson eine der ungewöhnlichsten Persönlichkeiten der Rockgeschichte auf der Bühne. Seine ambivalente Beziehung zur christlichen Tradition gehört zu den spannendsten roten Fäden seines Schaffens.
Anderson ist nicht nur Sänger, Komponist und Bandleader, sondern auch der Musiker, der die Querflöte endgültig in der Rockmusik etabliert hat. Mit seinem charakteristischen Bühnenstil – oft auf einem Bein stehend – prägte er seit Ende der 1960er Jahre den Klang und das Erscheinungsbild einer Band, die sich nie eindeutig einer Schublade zuordnen ließ. Die Europa-Tournee "The Curiosity Tour" führt das Publikum dabei nicht nur durch Jahrzehnte Rockgeschichte, sondern auch durch ein Werk, das immer wieder religiöse, philosophische und gesellschaftskritische Fragen aufgreift.
Eine der eigenwilligsten Bands der Rockgeschichte
Als Jethro Tull Ende der 1960er Jahre in Großbritannien aufkamen, unterschieden sie sich bereits deutlich von anderen Rockbands. Während viele Gruppen damals auf Blues-Riffs und Gitarrenvirtuosität setzten, verband Anderson Blues, Folk, Barockelemente, Jazz und Progressive Rock zu einem eigenständigen Stil.
Das wohl auffälligste Element war die Querflöte. In einer Zeit, in der dieses Instrument eher mit Klassik oder Folk verbunden war, machte Anderson sie zum gleichberechtigten Soloinstrument im Rock. Stücke wie "Locomotive Breath", "Aqualung" oder "Bourée" zeigen, wie virtuos und kraftvoll sich die Flöte im Kontext von Rockmusik einsetzen lässt. Damit schuf Anderson einen Klang, der sofort wiedererkennbar ist.
Auch formal war die Band innovativ. Konzeptalben wie "Thick as a Brick" oder "A Passion Play" sprengten die üblichen Songstrukturen und verbanden Rockmusik mit literarischer Ironie, satirischen Texten und langen musikalischen Formen. Für die Entwicklung des Progressive Rock gehörte Jethro Tull damit zu den prägenden Gruppen der frühen 1970er Jahre.
Religion als wiederkehrendes Thema
Neben musikalischer Experimentierfreude fällt im Werk von Ian Anderson vor allem eines auf: Religion ist eines seiner zentralen Themen. Allerdings geschieht das selten in affirmativer Form. Anderson hat sich in Interviews mehrfach als Agnostiker bezeichnet. Er respektiert religiöse Traditionen, lehnt aber dogmatische Glaubensgewissheit ab.
Diese Haltung prägt viele seiner Texte. Besonders deutlich wurde das bereits 1971 auf dem Album "Aqualung". Dort finden sich Songs, die religiöse Institutionen kritisch betrachten, ohne dabei spirituelle Fragen zu verwerfen.
In "My God" etwa attackiert Anderson religiöse Machtstrukturen und die Verbindung von Kirche und Geld. Der Song verbindet schwere Rockriffs mit einer ironischen Liturgie-Parodie – eine musikalische Form von Religionskritik, die damals für Diskussionen sorgte.
Noch persönlicher wird es in "Wind-Up". Darin beschreibt Anderson seine Kindheit in einem christlichen Umfeld und seine wachsende Skepsis gegenüber religiöser Bevormundung. Der Song endet mit einer provokanten Feststellung: Der Erzähler glaubt nicht an die Version von Gott, die ihm von Autoritäten vermittelt wurde.
Diese Kritik richtet sich jedoch weniger gegen Glauben an sich als gegen Institutionen und dogmatische Gewissheiten. Anderson hat mehrfach betont, dass ihn die historische Gestalt Jesu durchaus interessiert – als moralischer Lehrer und radikaler jüdischer Prediger. Der Unterschied zwischen dieser Figur und dem theologischen Christusbild der Kirchen ist für ihn ein wiederkehrendes Motiv.
"The Zealot Gene" – biblische Geschichten neu erzählt
Nach längerer Pause veröffentlichte Jethro Tull 2022 mit "The Zealot Gene" ihr erstes Studioalbum seit fast zwei Jahrzehnten. Der Titel spielt auf den Begriff des religiösen Eiferers an – den "Zeloten". Viele Songs greifen biblische Motive und Figuren auf, allerdings nicht im Sinne einer religiösen Verkündigung, sondern als literarische Reflexion über Macht, Fanatismus und menschliche Schwächen. Stücke wie "Sad City Sisters", "Mine Is the Mountain" oder "Shoshana Sleeping" erzählen von biblischen Charakteren, deren Geschichten in Andersons Interpretation eine moderne Dimension erhalten. Die Bibel erscheint dabei weniger als heiliges Dogma, sondern als reiche Sammlung menschlicher Erzählungen.
Anderson selbst erklärte in Interviews, dass ihn die Bibel vor allem als kulturelles und literarisches Dokument fasziniert. Ihre Geschichten seien Teil der europäischen Kulturgeschichte – und damit auch ein inspirierendes Material für Musik und Texte. Religiöse Themen sind jedoch nur ein Teil seines Werkes. Schon früh schrieb Anderson auch Songs über soziale Ungerechtigkeit, Umweltprobleme oder gesellschaftliche Entwicklungen.
"Aqualung" etwa erzählt von einem obdachlosen Mann, der von der Gesellschaft übersehen wird. "Locomotive Breath" beschreibt eine Welt, die von wirtschaftlichen Zwängen und blindem Fortschrittsglauben angetrieben wird. Auch Umweltfragen tauchen immer wieder auf. Anderson lebt selbst seit vielen Jahren auf einem Landgut in England und hat mehrfach betont, wie wichtig ihm nachhaltige Landwirtschaft und Naturschutz sind. In verschiedenen Texten kritisiert er Umweltzerstörung und kurzsichtige Wirtschaftspolitik.
Mehr als fünf Jahrzehnte nach den ersten Erfolgen wirkt das Werk von Jethro Tull erstaunlich zeitlos. Die Themen – religiöser Fanatismus, gesellschaftliche Verantwortung, moralische Fragen – haben in den letzten Jahren sogar neue Aktualität gewonnen.
Wenn Ian Anderson und Jethro Tull im Rahmen der "Curiosity Tour" nach Nürnberg kommen, erwartet das Publikum daher mehr als ein klassisches Rockkonzert. Die Band präsentiert eine Mischung aus bekannten Klassikern und neuem Material – musikalisch virtuos, textlich anspruchsvoll und oft mit einem Augenzwinkern. Das Konzert am 12. April in der Meistersingerhalle Nürnberg wird damit auch eine Begegnung mit einem Künstler sein, der die Rockmusik nicht nur musikalisch erweitert hat, sondern sie immer wieder als Forum für philosophische und gesellschaftliche Fragen genutzt hat.
Beeindruckendes Konzert in der Meistersingerhalle
Wenn Jethro Tull auf Tour gehen, ist das längst mehr als ein nostalgischer Blick zurück. Das bewies die Band am 12. April in der Meistersingerhalle Nürnberg eindrucksvoll: ein über zwei Stunden dauernder Streifzug durch fast sechs Jahrzehnte Musikgeschichte – virtuos, komplex und erstaunlich vital.
Im Zentrum stand wie eh und je Ian Anderson. Mit 78 Jahren präsentierte sich der Brite in bemerkenswerter Spiellaune. Seine ikonische Querflöte, die er seit den späten 1960er-Jahren in die Rockmusik eingeführt hat, klang präzise und kraftvoll, seine Bühnenpräsenz ungebrochen energiegeladen. Auch wenn der Gesang mittlerweile eine gewisse Patina trägt, tut das der Wirkung keinen Abbruch – vielmehr verleiht es den Stücken eine zusätzliche, fast erzählerische Tiefe.
Schon zu Beginn machte die Band deutlich, worauf es an diesem Abend ankommt: Konzentration. Der ausdrückliche Wunsch, auf Film- und Fotoaufnahmen zu verzichten, wirkte keineswegs wie eine Floskel, sondern als ernst gemeinte Einladung, sich ganz auf die vielschichtigen Arrangements einzulassen. Und tatsächlich: Was folgte, war ein hochkomplexes, musikalisch dichtes Programm, das die volle Aufmerksamkeit des Publikums verlangte – und verdiente.
Die Setlist spannte einen weiten Bogen: Von frühen Stücken des Debütalbums This Was (1968), etwa „A Song for Jeffrey“, bis hin zu aktuellem Material, das sich erstaunlich nahtlos in das Gesamtbild einfügte. Besonders präsent war das Erfolgsalbum Aqualung (1971) – mit dem titelgebenden Song sowie dem bissig religionskritischen „My God“. Auch neuere Werke wie „Over Jerusalem“ griffen diese thematische Linie auf und zeigten, dass Andersons kritischer Blick auf Gesellschaft und Religion nichts an Schärfe verloren hat.
Die aktuelle Besetzung von Jethro Tull erwies sich dabei als eingespieltes Kollektiv auf höchstem Niveau. Gitarrist Jack Clark überzeugte mit einer beeindruckenden Bandbreite – von feinfühligen Soli bis zu druckvollen Riffs. Keyboarder John O’Hara setzte mit Synthesizerflächen und klassischen Klangfarben markante Akzente. Schlagzeuger Scott Hammond fiel durch sein bewusst zurückgenommenes, filigranes Spiel auf, das den komplexen Strukturen Raum ließ. Am Bass glänzte David Goodier, der sich unter anderem bei der Bach-inspirierten „Bourrée“ mit einem prägnanten Solo in Szene setzte.
Auch klanglich ließ der Abend keine Wünsche offen: Der Sound in der Meistersingerhalle war glasklar und ausgewogen – ein idealer Rahmen für diese detailreiche Musik. Unterstützt wurde die Performance durch sorgfältig abgestimmte Videoeinspielungen: animierte Sequenzen und teils sozialkritische Bildwelten, die Themen wie Armut und Hunger visuell aufgriffen und die Musik um eine zusätzliche Ebene erweiterten.
Das Publikum – eine gelungene Mischung aus langjährigen Fans und jüngeren Liebhabern progressiver Klänge – zeigte sich entsprechend begeistert. Spätestens bei der Zugabe „Locomotive Breath“, bei der dann auch das Fotografieren erlaubt war, entlud sich die Spannung in kollektiver Euphorie. Zuvor hatte die Band bereits Auszüge aus dem epochalen Thick as a Brick eingestreut – ein weiterer Beleg für den Anspruch, hier kein bloßes Best-of-Programm zu liefern, sondern ein künstlerisch durchdachtes Gesamterlebnis.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Konzerts, das Vergangenheit und Gegenwart mühelos verbindet. Jethro Tull zeigen sich auch 2026 als Band, die ihre musikalische Relevanz nicht aus der Historie bezieht, sondern aus der ungebrochenen Lust am Experiment – und an der Perfektion.