Als sich 1976 im südenglischen Crawley einige Jugendliche zusammentaten, ahnte niemand, dass daraus eine der einflussreichsten Rockbands der vergangenen fünf Jahrzehnte entstehen würde: The Cure. Zum 50. Jubiläum der Bandgründung erscheint Ian Gittins' Biografie "The Cure – Dunkelbunte Jahre".
Der britische Musikjournalist Ian Gittins, der seit Jahrzehnten über internationale Pop- und Rockmusik schreibt, nähert sich in seinem Buch seiner Hauptfigur mit großer Sachkenntnis. Seine Biografie ist weder bloße Huldigung noch sensationsheischende Enthüllung. Vielmehr erzählt sie den langen Weg einer Band, die sich konsequent jeder Schublade entzog und gerade dadurch Musikgeschichte schrieb.
Dabei beginnt alles erstaunlich unspektakulär. Robert Smith, Michael Dempsey und Laurence Tolhurst sind Jugendliche aus einer englischen Provinzstadt. Punk verändert Ende der siebziger Jahre die Musikwelt, doch The Cure schlagen früh einen anderen Weg ein. Zwar übernehmen sie die Energie des Punk, verweigern sich aber dessen einfachen Antworten. Statt Parolen entstehen Songs voller Sehnsucht, Zweifel und Einsamkeit.
Gittins zeichnet diesen Weg chronologisch nach und verbindet die Alben mit den jeweiligen Lebensphasen der Band. Von den kantigen Anfängen über Klassiker wie "Seventeen Seconds", "Faith" und "Pornography" bis zu den internationalen Erfolgen von "The Head on the Door", "Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me" oder "Disintegration" entsteht das Bild einer Gruppe, die sich immer wieder neu erfand, ohne ihre künstlerische Identität preiszugeben.
Besonders überzeugend gelingt dem Autor die Einordnung von Robert Smith. Der Sänger erscheint weder als unnahbares Genie noch als exzentrischer Popstar. Vielmehr beschreibt Gittins einen hochsensiblen Musiker, dessen Perfektionismus ebenso zum Markenzeichen wurde wie sein unverwechselbares Äußeres: zerzaustes schwarzes Haar, verschmierter Lippenstift und dunkles Augen-Make-up. Hinter dieser ikonischen Fassade erkennt der Biograf jedoch vor allem einen Künstler, der Musik nie als Unterhaltung allein verstand, sondern als Ausdruck existenzieller Erfahrungen.
Mehr als Kultband der "schwarzen Szene"
Gerade darin liegt die Bedeutung von The Cure für die Rock- und Popgeschichte. Kaum eine andere Band hat so viele musikalische Welten miteinander verbunden. Sie beeinflusste den Gothic Rock ebenso wie New Wave, Alternative Rock, Shoegaze und später sogar Indie- und Dream-Pop. Gruppen wie Interpol, Placebo, Editors, The Smashing Pumpkins oder M83 nennen The Cure als wichtige Inspirationsquelle. Gleichzeitig gelangen der Band immer wieder eingängige Popsongs wie Just Like Heaven, Friday I'm in Love oder Lovesong, die bis heute zum festen Kanon internationaler Popmusik gehören.
Wer lediglich eine Sammlung von Anekdoten erwartet, wird überrascht sein. Das Buch versteht sich vielmehr als kulturgeschichtliches Porträt einer Band, die den Sound mehrerer Generationen geprägt hat. Gittins erläutert, wie gesellschaftliche Stimmungen – von den wirtschaftlich schwierigen Jahren im Großbritannien Margaret Thatchers bis hin zu den kulturellen Umbrüchen der Gegenwart – ihren Widerhall in den Liedern fanden. Dadurch wird deutlich, warum The Cure weit mehr sind als eine Kultband der schwarzen Szene. Ihre Musik erzählt von Erfahrungen, die Menschen unabhängig von Alter oder Herkunft kennen: Verlust, Liebe, Angst, Vergänglichkeit und der Suche nach Sinn.
Gerade an diesem Punkt öffnet sich eine weitere Ebene, die Gittins zwar nur streift, die jedoch für Leserinnen und Leser einer Kirchenzeitung besonders interessant sein dürfte. Hinter den dunklen Klanglandschaften verbirgt sich eine erstaunlich intensive Auseinandersetzung mit Fragen, die seit Jahrhunderten auch Religion und Theologie bewegen: Was trägt den Menschen angesichts von Leid? Gibt es Hoffnung jenseits der Verzweiflung? Und warum bleibt die Sehnsucht nach Erlösung selbst dort lebendig, wo der Glaube zu schweigen scheint?
Religiöse Symbolik
Dass religiöse Bilder im Werk von The Cure immer wieder auftauchen, ist kein Zufall. Schon der Albumtitel "Faith" verweist auf den Glauben, ohne ihn eindeutig zu definieren. Songs wie "The Holy Hour", "Primary", "The Funeral Party", "Prayers for Rain", "The Same Deep Water As You", "Bloodflowers" oder zuletzt Stücke des Albums "Songs of a Lost World" kreisen um Schuld, Vergänglichkeit, Tod und Hoffnung. Dabei greift Robert Smith häufig auf eine Bildsprache zurück, die an Psalmen, Klagegebete oder biblische Symbolik erinnert: Regen als Zeichen der Reinigung, Wasser als Grenze zwischen Leben und Tod, Dunkelheit als Ort der Prüfung und Blumen als Sinnbild für Vergänglichkeit und neues Leben.
Diese Motive führen allerdings nicht zu einfachen Glaubensbekenntnissen. Vielmehr beschreibt Smith die Erfahrung eines Menschen, der Fragen stellt, ohne vorschnelle Antworten zu geben. Seine Texte leben von einer Spannung zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Nähe und Verlust, Liebe und Einsamkeit. Gerade deshalb wirken sie bis heute zeitlos. Viele Hörer entdecken darin eigene Lebensgeschichten wieder – unabhängig davon, ob sie religiös gebunden sind oder nicht.
Robert Smith selbst hat sich im Laufe der Jahrzehnte mehrfach zu Religion geäußert. Er wuchs in einem christlich geprägten Elternhaus auf und besuchte eine katholische Schule. In Interviews betonte er jedoch wiederholt, dass er keiner Kirche angehöre und organisierter Religion skeptisch gegenüberstehe. Dogmen seien ihm fremd, ebenso der Anspruch, endgültige Wahrheiten zu besitzen. Gleichzeitig widersprach er der Vorstellung eines rein materialistischen Weltbildes. Immer wieder sprach er davon, dass ihn die großen Fragen des Lebens nicht losließen: Warum existieren wir? Was bleibt nach dem Tod? Gibt es eine Wirklichkeit, die über das Sichtbare hinausweist?
Gerade diese Offenheit unterscheidet Smith von vielen Rockmusikern, die religiöse Themen entweder provokativ ablehnen oder lediglich als dekoratives Stilmittel verwenden. Seine Texte vermeiden Spott über den Glauben. Stattdessen zeichnen sie das Bild eines Suchenden. Das erklärt auch, weshalb christliche Hörer immer wieder Anknüpfungspunkte finden. Die Klage über die Zerbrechlichkeit des Lebens erinnert nicht selten an die Psalmen des Alten Testaments. Auch dort stehen Zweifel und Vertrauen oft unmittelbar nebeneinander.
Besonders deutlich wird dies auf dem Album "Faith" von 1981. Schon der Titel signalisiert, dass der Glaube nicht als Besitz verstanden wird, sondern als etwas Gefährdetes. Die Musik ist reduziert, beinahe meditativ. Zwischen langen Klangflächen und zurückhaltenden Gitarren entsteht Raum für Fragen, die sich nicht auflösen lassen. Ähnliches gilt für Disintegration, das vielfach als Meisterwerk der Band gilt. Hinter den opulenten Klanglandschaften verbirgt sich eine intensive Reflexion über Vergänglichkeit, zerbrechende Beziehungen und die Angst vor dem Verlust dessen, was dem Menschen Halt gibt.
Auch das 2024 erschienene Album "Songs of a Lost World", das Gittins in seiner Biografie noch berücksichtigen kann, wirkt wie ein spätes Resümee. Der Tod naher Angehöriger, das Älterwerden und die Endlichkeit des Lebens prägen die Texte. Dennoch entsteht keine hoffnungslose Welt. Vielmehr bleibt die Sehnsucht nach Liebe und bleibender Verbundenheit stärker als jede Resignation. Gerade darin liegt vielleicht die größte Stärke von The Cure: Die Band verweigert einfache Antworten, aber ebenso konsequent verweigert sie den Zynismus.