Der Treffpunkt wirkt unscheinbar: eine hölzerne Wandertafel am Forsthaushotel im Fürther Stadtwald. Jogger ziehen vorbei, Spaziergänger schnüren ihre Schuhe – und eine kleine Gruppe sammelt sich, die mehr sucht als Bewegung. Sie ist gekommen, um Wild Church zu feiern. Was hier geschieht, hat mit klassischen Gottesdiensten nur noch wenig gemeinsam – und gerade darin liegt die Anziehungskraft.
Der Wald wird zum Gottesdienstraum
Denn viele der Teilnehmenden eint eine leise, aber spürbare Sehnsucht nach Ruhe und nach Sinn. In einer Zeit, in der der Alltag oft von Tempo, digitalen Reizen und permanenten Anforderungen geprägt ist, wächst bei vielen Menschen das Bedürfnis, wieder unmittelbarer zu erleben – sich selbst, die Welt und vielleicht auch Gott. Der Wald wird dabei für manche zu einem Gegenraum: entschleunigt, offen, unverstellt.
Für Pfarrerin Christiane Lehner ist genau das ein zentraler Zugang. "Die Stille, das Knistern in den Bäumen, das Vogelzwitschern, das Licht, das durch die Blätter fällt. Ich spüre im Wald, dass Gott da ist", sagt sie. Ihr eigener Glaube hat sich über Jahre hinweg erweitert – weg von festen Formen hin zu einer Spiritualität, die auch das Ungeplante und Sinnliche zulässt.
Natur wird für sie zum Erfahrungsraum, in dem sich etwas erschließt, das im Kirchenraum manchmal schwer greifbar bleibt. Für sie ist der Wald ein Ort, an dem sie Gott zwar nicht "findet" im klassischen Sinn, ihm aber begegnet – gerade weil nichts inszeniert ist.
Ein Gottesdienst, der immer schon stattfindet
Auch Pfarrer Peter Aschoff bringt diese Offenheit mit: "Die Vorstellung ist, dass in der Natur rund um die Uhr sieben Tage die Woche Gottesdienst ist. Und wenn wir Wild Church feiern, dann gehen wir dahin und feiern für eine Stunde mit." Es ist ein Perspektivwechsel, der entlastet: Der Mensch muss nichts machen, sondern darf sich einfügen.
Die Idee hinter Wild Church stammt ursprünglich aus Nordamerika. An der Westküste der USA entwickelten Umweltaktivisten, die nach Jahren intensiven Engagements für die Natur erschöpft waren, das Konzept. Sie hatten begonnen, die Natur vor allem als Objekt zu sehen – als etwas, das geschützt werden muss. Doch daraus erwuchs der Wunsch nach einer neuen Beziehung: nicht nur kämpfen, sondern wieder wahrnehmen, staunen, verbunden sein. "Wir müssen innerlich noch mal ein anderes Verhältnis finden, sodass dann wieder Kraft zurückkommt", erklärt Aschoff.
Im Fürther Stadtwald wird dieser Ansatz konkret. Nach einem kurzen Ankommen im Kreis beginnt die eigentliche Erfahrung: Alle gehen allein los, suchen sich einen Ort, der sie anspricht, und verweilen dort. Kein festes Programm, keine liturgischen Vorgaben – nur die Einladung, aufmerksam zu werden. Lehner beschreibt es als ein "Einatmen des Waldes", als ein Stillwerden, das Raum schafft für innere Resonanz.
Gerade für Menschen auf Sinnsuche kann diese Offenheit entscheidend sein. Es gibt keine Erwartungen, keine "richtige" Erfahrung. Manche beobachten das Spiel des Lichts in den Blättern, andere entdecken einen Käfer im Moos, wieder andere spüren einfach nur die Ruhe. Und doch berichten viele, dass genau darin etwas geschieht: ein Moment der Klarheit, ein Gefühl von Verbundenheit, manchmal auch Trost.
Wo ein Eisvogel zum spirituellen Erlebnis wird
Lehner und Aschoff erinnern sich an Begegnungen, die sie tief berührt haben. Ein Eisvogel, der plötzlich durch die Stille schießt – "total verzaubert" habe sie das zurückgelassen. Oder ein abgestorbener Baum, der für sie zum Sinnbild von Vergänglichkeit wurde. Solche Erlebnisse verbinden das Äußere mit dem Inneren. "Ich bin Teil einer großen Gemeinschaft, und das fühlt sich tief innen wirklich gut an", sagt sie. Diese Gemeinschaft umfasst mehr als die Gruppe – sie schließt die gesamte Mitwelt ein.
Aschoff erlebt den Wald als Kraftquelle. Für ihn ist die Natur ein Raum, um Abstand zu gewinnen und neu zu justieren. In einer Gesellschaft, in der viele Menschen zwischen Leistungsdruck und Unsicherheit stehen, kann genau das eine tiefe Wirkung entfalten. Wild Church bietet keine schnellen Antworten, aber einen Raum, in dem Fragen sein dürfen.
Nach einer Zeit der Stille kehren alle in den Kreis zurück. Wer möchte, teilt seine Eindrücke. "In dem Moment, wo ich erzähle, kriegt es noch mal eine andere Bedeutung auch für mich selber", sagt Lehner. Aus einzelnen Erfahrungen entsteht so etwas Gemeinsames. Es sind oft leise, tastende Worte – und gerade darin liegt ihre Kraft.
Natur als Teil des Glaubens
Die Verbindung zur Natur ist dabei mehr als ein schönes Bild. Sie wird als wesentlicher Bestandteil des Glaubens verstanden. Nicht als Kulisse, sondern als Gegenüber, als Teil von Gottes Schöpfung, die selbst spricht – wenn man ihr Raum gibt. Wild Church greift damit eine Sehnsucht auf, die viele Menschen teilen: die Rückbindung an etwas Größeres, das trägt, ohne sich aufzudrängen.
Am Ende steht ein kurzer Segen. Dann löst sich die Gruppe wieder auf, und der Alltag kehrt zurück. Doch viele nehmen etwas mit: Ruhe, Klarheit, vielleicht auch ein neues Gefühl von Zugehörigkeit. Der Wald bleibt – und mit ihm die Erfahrung, dass Spiritualität manchmal dort beginnt, wo man einfach stehen bleibt und wahrnimmt.
Wer das selbst erleben möchte, hat dazu bald Gelegenheit: Die nächsten "Wild Church"-Gottesdienste im Fürther Stadtwald finden am 8. November um 15 Uhr und am 17. Januar 2027 um 15 Uhr statt. Eine Einladung an alle, die sich auf die Suche machen wollen – nach Stille, nach Sinn und vielleicht nach einer neuen Begegnung mit Gott.