Im September beginnen viele Leute etwas Neues. Bei mir ist es dieses Jahr der Kindergarten. Nein, nicht ich. Mein Sohn ist nun ein Kindergartenkind … Ich bringe ihn an seinem ersten Tag hin. Bin stolz. Vielleicht sogar ein bisschen stolzer, als eigentlich nötig wäre. Da steht jetzt dieser kleine Mensch mit seinem Rucksack. Er macht es wie die anderen Kinder auch: Er schaut sich um. Neue Kinder, neue Räume, neue Gesichter. Ein kurzer Blick zurück, ob wir Eltern auch wirklich noch da sind. Und dann ist er schon in seiner Gruppe.


Ich versuche, ganz souverän zu wirken. Also so zu tun, als wäre das gar nichts Besonderes. Während ich innerlich denke: Hoffentlich weint er nicht. Hoffentlich weine ich nicht. Und wenn doch, hoffentlich sieht es niemand.
Solche Anfänge haben etwas Eigenartiges. Sie erinnern mich an meine eigenen Anfänge. Kindergarten. Grundschule. Gymnasium. Erste Lehrerinnen und Lehrer.

Die Schultüte mit dem roten Herz dran, die mir meine Mutter und meine Oma zum ersten Schultag gefüllt haben. Das erste Klassenzimmer am Gymnasium, in diesem altehrwürdigen Bau mit hohen Wänden und Inschriften auf Lateinisch und Griechisch – es war ein humanistisches Gymnasium, überall große Wichtigkeit. Und ich fand das damals schon ein bisschen aus der Zeit gefallen.

Manches, was ich in der Schule gelernt habe, war gut. Manches war nicht gut oder einfach überflüssig, wie der Schwänzeltanz der Bienen. Die Bio-Lehrerin hat ihn vorgemacht. Das war witzig, aber … liebe Hörerinnen und Hörer, das hab ich nie mehr in meinem Leben gebraucht.

Vieles, was für mein Leben wichtig wurde, habe ich nicht in der Schule gelernt, sondern bei Menschen, die gar nicht meine Lehrer waren. Oder sein wollten.

Manchmal lernen wir gerade von denen, die uns das Leben einfach so vor die Nase setzt und die uns auf die Nerven gehen. Oder von Leuten, von denen wir überhaupt nicht erwarten, dass ausgerechnet sie uns etwas beibringen.
Wir wissen vorher nicht, von wem wir lernen, wer uns wirklich zur Lehrerin, zum Lehrer unseres eigenen Lebens wird.

Irgendwann hat man dann eine Vorstellung, wie man ist, wie die Welt funktioniert, was man glaubt und was man nicht glaubt. Und dann kommt jemand und macht einen Strich durch die Rechnung. Und das ist dann ziemlich unangenehm. Und wir merken: Wir sind eben nicht fertig. Nicht fertig mit unseren Antworten. Mit unseren Bildern vom Leben. Und hoffentlich auch nicht fertig mit unseren Bildern von Gott. Das Lernen hört mit dem Erwachsen- und Älterwerden nicht auf.

Was lebendig sein heißt …
"Lebendig sein heißt: sich hinterfragen lassen." (Klaas Huizing) Diesen Satz, den ich mal gelesen habe, find ich echt stark: "Lebendig sein heißt: sich hinterfragen lassen."


Von wem lasse ich mich hinterfragen, auch heute als erwachsener Mensch?
Die Geschichte, die wir gleich hören, erzählt von einer ziemlich ungewöhnlichen Lehrerin. Jesus lernt bei ihr. Und zwar der längst erwachsene Jesus. Und niemand hätte erwartet, dass ausgerechnet sie Jesus etwas beibringt …


Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. (Matthäus 15, 21-28)

Wir kennen leider ihren Namen nicht, aber wir wissen: Die Frau ist eine Kanaanäerin. Das ist damals für die ersten Hörerinnen und Hörer der Geschichte ein Aufreger. Kanaan – das Land, von dem die Bibel erzählt, dass dort Milch und Honig fließen. Zur Zeit Jesu: eine reiche Region. Aus Galiläa, der Heimat Jesu, wird viel Getreide dorthin exportiert. Mit der Folge: Zuhause herrscht Hunger. Und in Galiläa, dort, wo Jesus herkommt, sagt man: Denen geht’s gut – und wir hungern. Die nutzen uns aus, die Reichen.

Auch die Krankheit der Tochter hat im Text keinen Namen. Vielleicht Epilepsie. Vielleicht etwas Seelisches. Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Die Mutter ist verzweifelt. Die Ärzte sind am Ende ihrer Kunst. Und in ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Jesus. Sie spricht ihn mit Respekt an: Sohn Davids.

Wie Jesus etwas dazulernt…
Und Jesus? Ist not amused über den Auftritt der Frau. Er redet erst mal gar nicht mit ihr, zeigt ihr die kalte Schulter. Und die Jünger sind genervt. "Heile sie doch, Jesus", sagen sie. "Dann haben wir Ruhe." Auch da bleibt Jesus spröde: "Ich heile nicht jeden. Ich bin für Israel da. Nicht für sie."

Und als die Frau sich nicht abweisen lässt, kommt der Hammersatz: "Man nimmt den Kindern nicht das Brot weg und wirft es den Hunden vor."

Wahnsinn … wie arrogant … Jesus demütigt diese Frau.
Aber auch damit lässt sie sich nicht abwehren. "Hunde", sagt sie, "Hunde fressen auch die Krümel, die von den Tischen fallen."

Das sitzt. Wow! So schlagfertig und selbstbewusst und auch irgendwie ein bisschen humorvoll frech. So kontert sie Jesus und ist ihm gerade haushoch überlegen. Ich stell mir vor, wie Jesus der Schreck in die Glieder fährt. Wie ihm die Gesichtszüge entgleisen. Wie ihm seine eigenen Worte peinlich sind. Wie er sich schämt für das, was er gesagt hat. Und in diesem Moment geschieht etwas mit ihm. Er lobt den Glauben der Frau. Und die Tochter wird gesund. Und die Seele der Mutter wird gesund. Und Jesus wird auch geheilt – ein Wunder! – geheilt von seinen Vorurteilen, von diesem Virus, das Fremdenfeindlichkeit heißen kann. Oder Patriarchat. Oder einfach nur Engstirnigkeit. Keiner ist vor diesem Virus sicher.

Was ich so stark finde: Jesus lässt das geschehen. Er lässt sich hinterfragen. Jesus lernt und korrigiert sich. Er lernt von einer Frau, von der niemand erwartet hätte, dass ausgerechnet sie dem Gotteslehrer aus Nazareth etwas Entscheidendes beibringt.
Ziemlich anstößig, damals und heute – eine Frau korrigiert Jesus. Und ziemlich großartig.

Jesus entdeckt in dieser Begegnung, dass auch sein Blick auf die Menschen eng sein kann. So eng, wie er es vielleicht gelernt hat und wie der enge Blick bis heute von Kirchen und Religionen oft gelehrt wird. Und die Frau weitet diesen Blick. Sie zeigt Jesus etwas Neues von der Liebe Gottes. Die Liebe Gottes endet nicht an der Grenze eines Volkes.

Wenn man müde und erschöpft ist …

Mich berührt an dieser Geschichte noch etwas: Der erste Vers erzählt: Jesus braucht Abstand, er entweicht, so heißt es in der alten Sprache der Lutherbibel. Er braucht Ruhe. Zu viele Menschen. Zu viele Geschichten. Zu viel Heilen, Zuhören, Aushalten.
Dann kommt diese Frau, vom Leben erschöpft. Und Jesus ist selbst erschöpft. Zwei müde Seelen treffen sich. Und die eine spiegelt der anderen ihre Grenzen, ihren eng gewordenen Blick.

Ich kenn das von mir: Auch bei mir wird der Blick eng, wenn ich müde bin. Wenn vieles zu viel wird. Wenn alle was wollen. Dann funktionier ich nur.

Wer müde und erschöpft ist, wird anfällig für den engen Blick und für schnelle kleine Antworten auf große Fragen. Für viel zu kleine Lösungen von großen Problemen. Kleine Lösungen kommen gerne laut daher, damit man nicht mehr hört, dass die großen Fragen weiterhin offen sind und im Inneren nicht zur Ruhe kommen.

Die Welt und das Leben sind eben kompliziert, und einfache Antworten und schnelle Lösungen sind meist falsch. Ein Gott nur für das eigene Volk, der die Not einer Mutter nicht sieht: Das ist eine kleine Antwort. Und eine falsche.
Was mir wirklich gefällt: Jesus ist menschlich. Nicht der, der von Anfang an alles weiß oder gar besser weiß. Nicht der, der immer stark ist. Ich sehe einen verletzlichen Jesus, der auch einfach mal erschöpft ist. Und bereit, dazuzulernen und sich hinterfragen zu lassen – auch wenn es anstrengend ist.

Jesus wird dadurch nicht kleiner, sondern größer. Es wird etwas Größeres von Gott sichtbar. Gott ist nicht der Vereinschef, der nur für die eigenen Leute zuständig ist, und die anderen sind ihm egal, sollen sie doch woanders hingehen. Gott ist eher wie diese fremde namenlose Mutter: zärtlich, mutig, beharrlich, ein bisschen wild und frech und vor allem mit einem weiten Blick für die Würde und Schönheit eines jeden Menschen – und zu jedem Streit bereit, wenn es um ihr geliebtes Kind geht. Die kanaanäische Mutter wird für Jesus zur Gotteslehrerin.

Wenn Jesus sich verändern und hinterfragen lässt, darf ich das vielleicht auch: mich hinterfragen lassen, Fehler entdecken, etwas dazulernen.
Wie ist das bei mir? Von wem lasse ich mich hinterfragen, verändern?

Mein Leben nenne ich manchmal "mein Lebensgespräch mit Gott". Oder auch mit Jesus. So etwas wie eine Freundschaft über viele Jahre. Oder wie eine Ehe: Man hat eine lange Geschichte miteinander. Lebensgespräch – das heißt: sich erzählen, zuhören, nachdenken. Worte sich nachklingen lassen. Miteinander schweigen. Und manchmal: streiten. Und manchmal ein Irgendwie-nebeneinander-Herleben, ein Sich-fremd-Sein.
Die Geschichte von der kanaanäischen Frau sagt mir: Ich muss mich nicht wundern, wenn Gott mir auch fremd bleibt. Vielleicht ist Gott nicht automatisch auf meiner Seite. Die Geschichte lädt mich ein, eine andere Seite an Gott zu entdecken. Gott widerspricht mir auch. Gott ist anders, als ich ihn gerne hätte. Und trotzdem bleiben wir im Gespräch miteinander.
Die kanaanäische Frau macht es vor. Sie hört ein Nein. Und sie geht nicht. Sie streitet. Sie widerspricht Jesus. Sie bleibt im Gespräch.

Ich finde das stark. Mein Glaube darf auch ein Streitgespräch sein. Ich muss Gott nicht immer nett finden – Gott findet mich auch nicht immer nett. Ich muss nicht alles verstehen.

Ich kann auch sagen: Sorry, Gott, das kapier ich nicht. Das finde ich ungerecht. Das passt für mich nicht zu dir. Das tut weh. Und ich brauche eine andere Antwort von dir, Gott, anders als die, die ich gehört habe. Die ist zu klein. Das bist du doch nicht …
Glaube heißt nicht: die richtigen Antworten haben. Sondern eher: hungrig, durstig, sehnsüchtig nach Gott sein, unzufrieden mit den falschen einfachen Antworten und trotzdem bleiben, den Ewigen loben mit dem eigenen angeknacksten "broken" Halleluja.

Wer mit am Tisch sitzen darf…


Wer darf bei Gott sein und wer nicht? Und wer entscheidet das? Liebe Hörerinnen und Hörer, ich erlebe es immer wieder, dass Menschen mir meinen Glauben absprechen. "Gott ist nicht auf deiner Seite", schreiben sie sinngemäß. "Du gehörst nicht zu uns, nicht an unseren Tisch." Gott will nicht, dass ein Mann Männer liebt, sagen mir manche. Gott will nicht, dass ein schwuler Mann Vater wird und ein Kind großzieht. Gott will erst recht nicht, dass so einer evangelischer Pfarrer ist. Und dann noch einer, der eine Albe trägt, Liturgie liebt und klösterliche Traditionen – das geht doch nicht, sagen sie. Und manchmal höre ich von queeren Leuten: "Was? Du bist schwul und Pfarrer? Mit Kirche und Glaube wollen wir nichts zu tun haben."
Man kann dann Argumente austauschen, diskutieren, ob und dass das sehr wohl mit dem Glauben und der Bibel zusammenpasst. Und das tue ich dann auch. Aber hallo: Bei mir bleibt ein fieses Gefühl zurück, wenn mir Leute sagen: Du gehörst hier nicht dazu.

Aber ehrlich: Ich kenne auch die andere Seite. Die Versuchung, selbst zu entscheiden, wer an meinem Tisch Platz hat und wer nicht.

Einige frühere Bekannte von mir wählen überzeugt die AfD. Wir hatten viele Streitgespräche – ich fand das anstrengend. Mancher Kontakt ist abgebrochen. Ein paar hab ich auf WhatsApp blockiert, weil ich keine Wahlwerbung oder Hetzvideos mehr bekommen will. An meinem Tisch habt ihr nichts mehr verloren.

Aber ich frage mich auch: Hab ich etwas nicht verstanden oder eine Angst nicht gesehen? Manche wählen einfache Antworten, weil sie verunsichert sind, Angst haben. Es sind ja nicht nur dumme Leute, die jetzt rechts- oder linksradikal wählen. Und ich frage mich: Wie kommen wir wieder an einem Tisch zusammen? Wie sehen wir im anderen wieder den Menschen? Und nicht den Hund, der unterm Tisch bleiben soll? Ich glaube: nur durch persönliche Begegnungen. Durch das Sich-in-die-Augen-Schauen und Zuhören. Und dabei kann uns etwas aufgehen, da bin ich mir sicher: Wir werden nie in die Augen eines Menschen schauen, den Gott nicht liebt …

In meinen ersten Dienstjahren als junger Pfarrer hat mich etwas irritiert: Da kommen Menschen zum Pfarrer und sagen: "Klar, wir lassen unser Kind taufen. Aber der Vater ist ausgetreten." Ich habe das regelmäßig hinterfragt. Man soll doch bitte wieder eintreten. Du willst dein Kind taufen lassen und gehörst gar nicht zur Kirche? Man sollte doch Kirchenmitglied sein.
Ich habe über die Jahre dazugelernt. Heute schäme ich mich ein bisschen für meine frühere Haltung, die ich einfach übernommen habe. Heute sehe ich vieles anders und verstehe auch gut, wenn Menschen aus der Kirche ausgetreten sind. Heute bin ich einfach glücklich, wenn ein Mensch Sehnsucht hat nach Gott – oder wenigstens die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Wenn jemand sich eine Taufe, Hochzeit oder Beerdigung wünscht, frage ich aus Überzeugung gar nicht mehr nach der Kirchenmitgliedschaft. Wie schön, wenn jemand den Segen für seine Übergänge im Leben möchte. Wer bin ich, dass ich über den Glauben anderer richten kann …

Die Kanaanäerin hält mir vor Augen: Bei Gott gibt es keine Enge. Die Liebe Gottes ist für jede da, die Sehnsucht hat. Gott ist immer größer als meine Worte und Bilder. Auch mein Gottesbild darf sich verändern und hinterfragen lassen. Hinterfragbar sein heißt lebendig sein.

Kyrie eleison…


Kyrie eleison. Viele Komponistinnen und Komponisten haben die Worte der kanaanäischen Mutter vertont. So wie Charles Gounod in seiner wunderschönen Cäcilienmesse. Ich liebe diese Musik. Zu fast jedem Gottesdienst gehört ein Kyrie eleison, das "Herr, erbarme dich", meistens relativ am Anfang und oft in der griechischen Ursprache unübersetzt: Kyrie eleison – ein Türöffner für ein Gespräch.

Gott, Jesus, Sohn Davids. Erbarme dich meiner. Erbarme dich unser.
Ich mag diese Worte: Beim Kyrie eleison fühle ich mich nicht klein. Es ist eher wie ein Aufrichten. An der Tür stehen. Klopfen. Klingeln. Und damit rechnen: Mir wird aufgemacht. Dann kommen wir ins Gespräch. Wir setzen uns an den Tisch und sehen uns in die Augen.

Ich bringe meine Wahrheit mit. Und ich lasse mir eine andere Wahrheit sagen. Vielleicht verändere ich mich in diesem Gespräch. Vielleicht verändert sich sogar mein Gegenüber. Alles kann geschehen.

Jedes Kyrie atmet den Mut der kanaanäischen Frau, die sich nicht abwimmeln lässt. Hier bin ich, und ich bleibe stehen, und ich bete mein Kyrie eleison, bis wir zusammen an einem Tisch sitzen und uns in die Augen sehen.

Mach mich zu einer Quelle der Unruhe;
wo Trägheit herrscht, lass mich provozieren;
wo nachgegeben wird, lass mich Fragen stellen;
wo Stille herrscht, lass mich eine Stimme sein.
Lass mich die Unliebsamen ebenso lieben wie die Liebenswerten.


Das Gebet am Ende stammt von Jan Frerichs, OFS, und wurde mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers verwendet, Post vom 19.9.2026, www.barfuss-und-wild.de