Rund 70 Architekturstudierende der Technischen Hochschule (TH) Nürnberg arbeiten an diesem Vormittag konzentriert im großen Atelier. Einige verfeinern Gebäudepläne an ihren Laptops, andere geben den 3D-Modellen ihrer Kirchengebäude den letzten Schliff. Sie stehen kurz vor dem Abschluss des Seminars "Transform: Kirchen in Nürnberg", der gleichzeitig den Abschluss ihres Bachelorstudiums darstellt.
"Dahinter steht eine sehr komplexe Entwicklungsarbeit", erklärt Architekturprofessorin Nadja Letzel. Es gebe keine richtigen oder falschen Ergebnisse, sondern nur die Frage: Wie lassen sich Kirchengebäude verändern, damit sie auch in Zukunft genutzt und erhalten werden können? "Unser Ziel ist, bei den Kirchen das Verständnis zu schaffen, dass Kirchenumnutzung kein böser Prozess ist", sagt Letzel. Veränderung bringe auch Potenzial. "Es wird viel über das Thema geredet. Wir machen jetzt einfach mal."
Kooperation mit Stadtakademie und Kirchengemeinden
Das Seminar entstand in Kooperation mit der evangelischen Stadtakademie in Nürnberg und ist in die Veranstaltungsreihe "Kirchenräume neu denken" eingebettet. Aufgrund sinkender Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen plant die evangelische Landeskirche, ab 2027 nur noch etwa die Hälfte der Kirchen bei Baumaßnahmen zu bezuschussen. Kirchliche Immobilien, die nicht die Kategorie "A" erhalten, müssen über kurz oder lang entweder veräußert werden oder einen Weg finden, sich durch Umnutzung selbst zu finanzieren. Überall in Bayern laufen bereits Projekte und Ideensammlungen, wie man das umsetzen könnte.
In Nürnberg will man es über eine Kooperation mit dem Lehrstuhl für Architektur versuchen. Zwei Gemeinden haben sich dafür gemeldet und ihre Kirchen für die Studierenden geöffnet: St. Andreas im Stadtteil Thon und die Melanchthonkirche in Ziegelstein. Die Studierenden wurden zum Anfang des Semesters den Kirchen zugelost und haben in Kleingruppen monatelang Konzepte erarbeitet. Die besondere Herausforderung bei diesen Projekten sei das Bauen im Bestand, erzählt Letzel: "Damit arbeiten sie zum ersten Mal so intensiv in ihrem Studium."
Mehr Nutzungsmöglichkeiten
Marlene Hiesinger und ihre Gruppe entwickeln eins der Konzepte für die Melanchthonkirche, einen Backsteinbau von 1940. "Wir haben uns die Frage gestellt: Was haben wir schon vor Ort, was schützenswert ist? Was wollen wir weiter ausbauen?", erklärt die Studentin. Ihr Kernkonzept ist das Stärken der Gemeinschaft. Dazu gehören barrierefreie Zugänge, der Einbau einer Heizung und eines Lüftungskonzepts sowie ein Vorhangschienenkonzept, mit dem man die Größe der Räumlichkeiten individuell anpassen kann. So könnten dort die verschiedensten kirchlichen und weltlichen Veranstaltungen stattfinden, "einige davon gleichzeitig. Das ist auch gut für das Quartier", so Hiesinger.
Hendrik Behnisch und Leo Kettlitz hatten gleich am Anfang einen positiven Eindruck von der Melanchthonkirche: "Einfach sehr gemütlich und mit dem Potenzial, einen schönen Ort daraus zu machen", beschreibt es Behnisch. In ihrem Konzept wollen die beiden einen kleinen Gottesdienstraum vom Rest der Kirche abgrenzen und in eine Kuppel einfassen, die sich von oben stimmungsvoll beleuchten lässt. Im Rest der Kirche sollen auf zwei Ebenen Büro- und Arbeitsräume entstehen. Dafür sind eine Dämmung und eine Wärmeanlage geplant. Draußen soll ein überdachter Weg um den Gemeindehof entstehen, mit Begrünung und Sitzmöglichkeiten.
Ideensammlung statt fertiger Konzepte
Mit der Andreaskirche haben sich Lena Hellmuth, Leonie Kneißl und Oskar Werts befasst. Mitten im Industriegebiet liegt der Bau aus den 1950er-Jahren. Nach Vorstellung der Studierenden soll sie ein Ort der Kunst werden und auf mehreren Ebenen kleinere Ateliers beheimaten. In der Mitte der Kirche soll ein Hybridraum entstehen - für Gottesdienste, aber auch Ausstellungen und Workshops. Ein Café auf dem Gelände könnte Menschen versorgen, die im umliegenden Gewerbegebiet arbeiten. "Bei der Begehung hat die Mesnerin erzählt, dass es an Kunstangeboten vor Ort fehlt. Deshalb haben wir uns das ausgesucht", sagt Kneißl.
Professorin Nadja Letzel ist es wichtig, dass die Ideen ihrer Studierenden von den Kirchengemeinden nicht als fertige Konzepte betrachtet werden. "Es sind ideelle Blaupausen und Ideensammlungen - das ist der wichtigste Dienst, den wir leisten." Fragen wie Kosten oder Energieeffizienz spielten bei den Semesterprojekten kaum eine Rolle. "Aber damit darf man auch nicht beginnen, sonst ist gleich jegliche Kreativität weg."
Am Ende des Semesters stellen die Studierenden ihre Arbeiten in einer Abschlussprüfung vor - auch im Beisein der jeweiligen Gemeinden. Am 30. Juli werden alle Arbeiten bei einem Sommerfest der Fakultät Architektur präsentiert. Im Herbst sind Ausstellungen in den Kirchen geplant. Interessieren sich Gemeinden für Projekte, könnten diese weiterentwickelt werden. Das evangelische Kirchenbauamt sei bereits involviert und beobachte interessiert den Prozess, erzählt Letzel.