Die Tische vor dem Bunten Haus in Miesbach sind an diesem Vormittag wieder besetzt mit Gästen des Inklusions-Cafés Lila, das hier einmal pro Woche frische Waffeln und Quarkspeise serviert. Aus dem Gemeindesaal klingt Gesang - die Kulturmomente werden heute von einer Sopranistin begleitet. Im Untergeschoss büffeln derweil ein gutes Dutzend erwachsene Sprachschüler deutsche Grammatik. Dass pro Jahr 30.000 Menschen in den Räumen der evangelischen Apostelkirche ein- und ausgehen, ist hier seit gut drei Jahren das neue Normal: Damals wurde durch ein paar mutige Entscheidungen aus einer Kirchengemeinde das Zentrum der Stadt. Sein Erfolgskonzept gibt das Bunte Haus derzeit an neun Erprobungsgemeinden in ganz Südbayern weiter.
Die Vorgeschichte im Zeitraffer: Wie die meisten evangelischen Gemeinden in Bayern sanken auch in Miesbach seit Jahren Mitgliedszahlen und Finanzkraft. Der Kirchenvorstand entschloss sich zu einem radikalen Schritt, riss die 1970er Jahre Kirche im benachbarten Hausham ab und verkaufte den Grund. Mit dem Ertrag bauten die Lutheraner am Hauptstandort Miesbach aber nicht nur das benötigte Stühle-Lager, sondern sanierten das Gemeindehaus von Grund auf. Der Clou: Die Freifläche zwischen Gemeindezentrum und Kirche wurde mit einem luftigen Foyer samt geräumiger, offener Küche überbaut.
Küchen als "Begegnungsherz"
Und was bei jeder Party gilt, stimmt auch in Miesbach: In der Küche treffen sich alle. "Das Foyer ist das Begegnungsherz im Bunten Haus", sagt Pfarrer Erwin Sergel. Hier bleibt jeder mal hängen, der Kulturkreis, die Kindergruppe, der Gospelchor, die Senioren beim Montags-Miteinand. Und dann passiert das, was Kirchenvorsteher Martin Reents das "Konzept der kleinen Störung" nennt: Jeder - egal ob Schüler oder Landesbischof - muss selbst seinen Kaffee machen, das Mikro in Gang kriegen, die Stühle rücken. "Jeder soll Teil des Hauses werden. Das geht nicht, wenn alles schon fertig ist. Deshalb bereiten wir als gute Gastgeber dafür alles vor: nämlich nichts", sagt der Unternehmer mit diebischer Freude.
Ganz stimmt das natürlich nicht, denn mit Johanna Huber und Selina Benda haben zwei festangestellte Quartiersmanagerinnen den Belegungsplan, die Räume und alles Zwischenmenschliche im Blick, unterstützt von einem ehrenamtlichen Gastgeberteam. Rund 30 Gruppen nutzen das Bunte Haus derzeit regelmäßig, hinzu kommen Workshops, Konzerte, Lesungen, Planungstreffen. "Bei uns kommen kleine Gruppen ohne eigene Räume unter, die sonst in die Gaststätte gehen müssten", sagt Johanna Huber. Bedingung: Es muss ein offenes Angebot sein und darf keinen Eintritt kosten.
Ermöglichen, nicht verhindern
Für manche Idee ist das die Geburtsstunde: Die Geschichtswerkstatt hat sich im Bunten Haus gegründet, genauso wie ein inklusives Wohnprojekt, das hier an seiner Zukunft bastelt. Ermöglicher sein statt Verhinderer, das ist Hubers Ziel: "Man darf nicht zu viele Aktionen selbst machen", formuliert sie eins der Geheimnisse im Bunten Haus. Es sei nicht ihre Aufgabe, "zu fragen, was fehlt". Das wissen die Interessierten am Telefon schon selbst, die genau deshalb mit ihrer Aktion ins Bunte Haus kommen wollen.
Für die Miesbacher Geheimnisse interessieren sich bayernweit auch andere Gemeinden auf der Suche nach neuen Konzepten. Aus 14 Bewerbern wurden neun ausgewählt, um in einer vom Kirchenkreis Schwaben-Altbayern angestoßenen "Transferwerkstatt" mit dem Titel "Kirche wirkt weiter" die eigenen Möglichkeiten unter die Lupe zu nehmen. Die Himmelfahrtskirche Pasing am Stadtrand Münchens zum Beispiel hat bereits drei von vier Standorten aufgegeben und baut ihr verbliebenes Gemeindezentrum um. "Unser Ziel ist, dass in diesem Haus ordentlich was los ist, dass da viele Menschen ein- und ausgehen und sich begegnen", sagt Pfarrerin Christine Drini.
Brücken bauen, Mehrwert schaffen
In der Kleinstadt Mindelheim (Landkreis Unterallgäu) will die Gemeinde das Thema "soziale Isolation" in den Blick nehmen. Neubürger fänden bislang schwer Zugang zur Gemeinschaft, zugleich fehlten offene Orte für alle. "Wir wollen unser Gemeindehaus zu einem solchen offenen, konfessionsunabhängigen Ort entwickeln, der Brücken baut", sagt Pfarrerin Kaitia Frey. Und auch die Protestanten im ländlich geprägten Rottenburg an der Laaber (Landkreis Landshut) wollen mithilfe der Profis in der Transferwerkstatt die Gemeinde "konsequent vom Sozialraum her" denken, um "einen echten Mehrwert für unsere Region zu schaffen", sagt Kirchenvorsteherin Ruth Müller, die auch SPD-Abgeordnete im bayerischen Landtag ist.
Jeder dieser Orte ist anders, doch manches ist vergleichbar. Zu den "Gelingensfaktoren" in Miesbach jedenfalls haben mehrere Beratungs- und Beteiligungsprozesse gehört, die Bereitschaft zur radikalen Konzentration auf einen Standort, die strukturelle Offenheit des Bunten Hauses, die festangestellten Quartiersmanagerinnen, das Einbeziehen externer Player wie Kreisjugendring, Kolpingfamilie, Fahrradclub, Kommune, Landkreis, katholische Kirche. Mit den letzten drei laufen derzeit Gespräche darüber, ob das Bunte Haus künftig als gemeinnützige GmbH firmiert, in der sich mehrere Gesellschafter die Arbeit und die Finanzierung von 250.000 Euro im Jahr teilen.
Kirche ohne Label
Ein weiteres, stilles Erfolgsgeheimnis im Bunten Haus ist die Kirche selbst. Die rechte Außenmauer der Apostelkirche mit ihren schräg gemauerten Stützen und typischen Kirchenfenstern ist zugleich die linke Seitenwand des Foyers, "das schafft eine Prägung", sagt Martin Reents. Gleichzeitig verzichten die Miesbacher darauf, ihrem Bunten Haus das Label "Kirche" aufzukleben.
"Menschen spüren genau, ob man sie als Mitglied gewinnen will", sagt Pfarrer Erwin Sergel. Im Bunten Haus ist das "sehr klar nicht die Absicht". Für Sergel gibt es drei Grundfragen bei allen Konzepten, die Gemeinden für den Sozialraum öffnen sollen: "Wollen wir anders sein als die anderen? Wollen wir für andere da sein? Oder wollen wir mit anderen da sein?" Auf Augenhöhe miteinander - das Bunte Haus hat diese Frage längst beantwortet.
Hintergrund: Die Erprobungsgemeinden
Die bayerische evangelische Landeskirche befindet sich in einem Reformprozess. In fünfzehn Jahren wird sie Prognosen zufolge 40 Prozent weniger Mitglieder, Finanzkraft, Hauptamtliche haben. Für die Hälfte des Gebäudebestands sind neue Nutzungskonzepte nötig, wenn man die Immobilien langfristig finanzieren will.
Vorbild
Das "Bunte Haus" der evangelischen Apostelkirche Miesbach macht Schule: In einem Beratungsprozess mit dem Titel "Kirche wirkt weiter" sollen neun Erprobungsgemeinden aus Südbayern von den Erfahrungen der Miesbacher als offenes Begegnungszentrum der Stadt profitieren. Angestoßen wurde die "Transferwerkstatt" von den Regionalbischöfen im Kirchenkreis Schwaben-Altbayern, Thomas Prieto Peral und Klaus Stiegler.
Beratung
Mit an Bord sind Profis der landeskirchlichen Bildungs- und Beratungseinrichtung "Wirkstatt evangelisch". Sie begleiten die Erprobungsteams ein halbes Jahr lang dabei, eine Sozialraumstrategie für ihre jeweilige Gemeinde zu erarbeiten. Aus 14 Bewerbern wurden dafür die evangelischen Gemeinden in Bad Tölz, Beilngries, Gauting, Mindelheim, München-Pasing, Passau, Rottenburg an der Laaber, Schrobenhausen und Waldkraiburg ausgewählt.
Erprobungsgemeinde 1: München-Pasing
Die Himmelfahrtskirche Pasing liegt am westlichen Stadtrand Münchens und hat 5.500 Mitglieder. Drei von vier Gottesdienststandorten hat sie bereits aufgegeben, jetzt soll das verbliebene Gemeindezentrum für rund zehn Millionen Euro umgebaut werden. Das große Ziel sei, "dass in diesem Haus ordentlich was los ist, dass da viele Menschen ein- und ausgehen und sich begegnen", sagt Pfarrerin Christine Drini. Trotz der städtischen Situation suchten viele Vereine oder Bürgerinitiativen Räume - deshalb knüpfe man bereits Kontakte zu den sozialen Playern vor Ort. In der Transferwerkstatt wolle man Mut tanken, die Öffnung in den Sozialraum "nicht nur als missionarisches Angebot zu verstehen, sondern sie radikal zu denken", so die Pfarrerin: "Es können alle kommen, und zwar kostenlos." Diese Start-up-Mentalität fehle der Kirche manchmal, gerade wenn Investitionen im Spiel seien. Sie sei aber "der Kern unserer evangelischen Botschaft: die Liebe Gottes gilt allen Menschen".
Erprobungsgemeinde 2: Mindelheim (Unterallgäu)
Die Johannes-Kirche von Mindelheim (Landkreis Unterallgäu) hat rund 2.500 Mitglieder. Mit Hilfe des Pfarrhausverkaufs will sie Kirche und Gemeindehaus sanieren und sich dabei ein neues Profil geben. "Soziale Isolation ist ein wichtiges Thema in Mindelheim", sagt Pfarrerin Kaitia Frey. Neubürger fänden oft nur schwer Zugang zur Gemeinschaft - viele Protestanten hätten diese Erfahrung selbst gemacht und könnten deshalb als Multiplikatoren eine Willkommenshaltung weitergeben. Begegnungsorte fehlten in Mindelheim aber, deshalb "wollen wir unser Gemeindehaus zusammen mit Kirche, Chorraum und Garten zu einem solchen offenen, konfessionsunabhängien Ort entwickeln, der Brücken baut", sagt Frey. Aktuell gebe es eine Vielzahl von Ideen und Ansätzen; mithilfe der Transferwerkstatt wolle man daraus "eine klare Linie" entwickeln.
Erprobungsgemeinde 3: Rottenburg a. d. Laaber
Rottenburg an der Laaber (Landkreis Landshut) liegt samt den Märkten Pfeffenhausen, Hohenthann, Rohr und Wildenberg auf dem Gemeindegebiet der Dreieinigkeitskirche. Der ländliche Raum bringe Herausforderungen durch eingeschränkten Nahverkehr, fehlende Nachbarschaftsstruktur und wachsende Einsamkeit mit sich, sagt Kirchenvorsteherin Ruth Müller. Zugleich gingen in den nächsten Jahren zahlreiche Menschen der Babyboomer-Generation in den Ruhestand, die sich gern sinnvoll einbringen wollten, so die SPD-Landtagsabgeordnete. Die Gemeinde wolle deshalb von einem klassischen Versorgungs- zu einem Beteiligungsmodell kommen: Die Mitglieder selbst sollen verbindlich Verantwortung für das kirchliche Leben übernehmen. In der Transferwerkstatt wolle man prüfen, "welche Ideen tatsächlich tragfähig sind und wie sie dauerhaft umgesetzt werden können", sagt Müller. Es gehe dabei um ein langfristiges Konzept "für eine Kirche, die mitten im gesellschaftlichen Leben steh