Die Kirche wird kleiner – und Ehrenamtliche werden wichtiger. In Dießen am Ammersee zeigt sich, wie das aussehen kann: Wo eine Pfarrstelle weggefallen ist, gestalten Engagierte einen eigenen Gottesdienst. Sie entwickeln neue Formen, bringen ihre persönlichen Interessen und Glaubensfragen ein und übernehmen Verantwortung. Der Ratatouille-Gottesdienst ist dabei mehr als eine Notlösung.
Rund 20 Menschen sitzen in dem doppelten Stuhlkreis in der Friedenskirche in Dießen am Ammersee. Um 19 Uhr hat der Ratatouille-Gottesdienst zum Thema "Durch Vertrauen und Glauben heil werden" begonnen. Sie singen, beten, schweigen, hören zu. Keine hauptamtliche Pfarrperson ist zugegen, der Gottesdienst wird allein von Ehrenamtlichen gestaltet. Heute sind Andrea Thurner (59) und Hanna Steiniger (52) das Ratatouille-Team. Sie haben ihre Zutaten traditionell gewählt. Begrüßung, Psalm, Gebet, Lesung zur Geschichte von der blutflüssigen Frau (Markus 5, 25-34), Predigt, Segen.
Dazwischen Lieder aus den beiden gängigen Evangelischen Gesangbüchern. Trotzdem fühlt es sich überhaupt nicht traditionell an, hier auf den grasgrünen Stühlen dazwischen zu sitzen. Vielleicht liegt es an der schmucken kleinen Kirche: Die Friedenskirche in Dießen sieht von außen fast aus wie eine Kapelle (und dann haben drinnen doch 60 bis 80 Leute Platz). Vielleicht liegt es an der stimmungsvollen Begleitung durch ein Klavier (obwohl es eine Mini-Orgel gäbe, oben versteckt auf der Empore). Vielleicht liegt es daran, dass draußen die Sonne untergeht, es Abend wird und sich das traditionelle Sonntagmorgen-Gefühl daher natürlich nicht einstellen kann. Unwillkürlich fragt man sich: Haben sich die ersten Christen vielleicht so gefühlt wie wir jetzt – hier? Wir, als kleines Grüppchen der Überzeugten, die laut singen, die mit Inbrunst beten und die einfach da sind, wenn es das Angebot gibt, gesegnet zu werden?
Seit einem Jahr gibt es den Ratatouille-Gottesdienst in Dießen. Elisabeth Tengler-Platzer (65) sagt:
"Wir wollten ein Format haben, wo innerhalb des Teams jeder machen kann, was er will. Was ihm gerade ein Anliegen ist. Das ist wie beim Ratatouille: Da ist alles Mögliche drin, und zusammen gibt es etwas tolles, großes Ganzes."
Sie ist die einzige im Team, die gleichzeitig auch Mitglied im Kirchenvorstand der Gemeinde Ammersee-West ist. Daher weiß sie, dass dieses Format, das seit einem Jahr jeden dritten Sonntag im Monat um 19 Uhr in Dießen angeboten wird, den Segen des Kirchenvorstands hat.
Gemeinden der evangelischen Kirche fusionieren
Die Gemeinde Ammersee-West schrumpft zwar nicht so stark wie andere Gemeinden in Bayern, aber als der Pfarrer in Dießen in Pension ging, musste sie auf seine halbe Stelle verzichten. Die Friedenskirche ist aus Sicht der bayerischen Landeskirche eine sogenannte B-Kirche, also eine, in die die Landeskirche nicht mehr investieren will. Kirchenvorstand und Gemeinde wollen die Kirche aber erhalten und aus Spenden und Rücklagen weiterfinanzieren. Tatsächlich ist eine großzügige Spende bereits eingegangen.
Die Hauptkirche der Gemeinde Ammersee-West steht etwa 10 Kilometer weiter nördlich am See, in Utting. Dort hat an diesem Sonntagmorgen ein großer, gut besuchter Segensgottesdienst stattgefunden.
Und trotzdem sitzen jetzt hier am Abend in Dießen diese 20 Menschen. Alte, mittelalte, junge, auch Konfirmanden. Für Elisabeth Tengler-Platzer ist das hier Heimat. Mit ihren Kindern hat sie hier Kindergottesdienst gefeiert, auch später war sie regelmäßig hier. Dass es "nur" die Ehrenamtlichen sind, die den Gottesdienst hier noch feiern, ist für sie kein Grund zur Klage. Die Rolle der Ehrenamtlichen in der evangelischen Kirche sei doch extrem wichtig: "Da kann ganz neue Verbundenheit zur Kirche entstehen, wenn man selbst eingebunden ist; dann bedeutet einem das mehr, als wenn man quasi nur als Kundin hingeht."
Ehrenamtliche in der Gemeinde
Und so haben sie noch ein zweites Format ehrenamtlich auf die Beine gestellt: "B & B", was hier für "Bibel & Brotzeit" steht. In einem Restaurant treffen sie sich jeden letzten Freitag im Monat in Utting. Es kommen Menschen aus dem gesamten großen Gemeindegebiet, um über den Glauben zu sprechen. Elisabeth Tengler-Platzer stellt klar und deutlich fest: "Menschen wollen sich mit dem Glauben auseinandersetzen!"
Und wenn man Ehrenamtliche und Hauptamtliche nun in ihrer Art und Weise, Gottesdienst zu feiern, vergleicht: Was fällt dem Ratatouille-Team da auf? Andrea Thurner sagt: "Vielleicht trauen wir uns ein bisschen mehr." Das Ratatouille-Format bietet bewusst Platz für viele Ideen. Manchmal werden im Gottesdienst Papier und Stifte ausgeteilt, und alle werden gebeten, selbst etwas zum gegebenen Thema zu formulieren und vorzutragen.
Oder die Anwesenden werden aufgefordert, sich zu bewegen: "Beten in Bewegung" heißt das dann. Oder es wird ein Bild betrachtet und in den Fokus der gottesdienstlichen Überlegungen gestellt. Einen Gottesdienst zum Thema Licht wird es bald geben, einen in der Natur am Ammersee, einen mit Taizé-Liedern.
Den Weihnachtsgottesdienst ließ das Team in der Stille ganz im Finstern beginnen, es gab nur einen einzigen Lichtstrahl, der auf ein Christusbild fiel: "Wir wollten uns bewusst machen: Was bedeutet das eigentlich, dass Christus in die Welt gekommen ist?", sagt Elisabeth Tengler-Platzer. Sieben Mitglieder gehören zum engen Kreis dieses Ratatouille-Teams. Ganz explizit haben sie auch den Segen des hauptamtlichen Pfarrer-Ehepaars Jochen und Alexandra Eberhardt in Utting. Und besonders die Unterstützung von Pfarrer Dirk Wnendt, der täglich viele Kilometer durchs große Gemeindegebiet reist und auch in Dießen für Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen zuständig ist. Mit ihm trifft sich das Ratatouille-Team regelmäßig zum "professionellen Austausch".
"Wir sind stolz", sagt Andrea Thurner, "dass die Hauptamtlichen uns vertrauen! So haben wir großen Spaß daran, unser Konzept weiterzuentwickeln. Unsere Stärke liegt darin, dass wir so viele verschiedene Personen sind. Der eine geht in die Tiefe, die andere liebt Kunst, andere wieder stellen philosophische Fragen in den Mittelpunkt." Und wieder andere, nämlich die Pfadfinder, nahmen das Motto "Ratatouille" auch schon ganz wörtlich und kochten ein ebensolches im großen Topf für alle, die kamen.
Und wenn jemand sagen würde: "Wenn die Hauptamtlichen die Ehrenamtlichen die Gottesdienste allein halten lassen, dann schaffen sie sich ja selbst ab?" Andrea Thurner findet den Gedanken absurd: "Es gibt immer weniger Stellen und Bewerber für das Pfarramt, also bleibt der Kirche doch gar nichts anderes übrig, als mit engagierten Ehrenamtlichen zusammenzuarbeiten!" Sie wünscht sich überhaupt, dass die Kirche "in Zukunft offener wird". Vor allem die Spiritualität sollte sie "ein bisschen weiter" sehen. Sie selbst hat Bücher von Weisheitslehrern wie Eckhart Tolle gelesen und sich mit Buddhismus beschäftigt. Das geht Elisabeth Tengler-Platzer allerdings zu weit.
Sie zitiert mit Blick auf das Thema Spiritualität lieber den katholischen Theologen Karl Rahner: "Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht sein!" Nach dem Gottesdienst wird über solche Glaubensfragen diskutiert. Natürlich auch nach diesem Abend. Die entspannten Gespräche danach sind ein wichtiger Teil dessen, was das Ratatouille am Ammersee ausmacht.
Anke Schaefer
Das war der Auslöser
In der Friedenskirche in Dießen am Ammersee halten Hauptamtliche nur noch zu besonderen Festtagen den Gottesdienst. Daher gründete sich ein ehrenamtliches Gottesdienst-Team. "Wir überlegten, wie wir die Kirche weiter regelmäßig bespielen könnten", sagt Team-Mitglied Elisabeth Tengler-Platzer, "und da kamen wir auf den Ratatouille-Gottesdienst." Der findet immer am dritten Sonntag im Monat um 19 Uhr statt. Der Ratatouille-Gottesdienst wendet sich an alle, die in Dießen weiter beten, singen, Segen empfangen wollen. Wer nach Hause geht, soll sich getragen fühlen.