Wenn ich ehrlich bin, feiere ich den Tag der Deutschen Einheit nicht. Wenn ich sogar noch ehrlicher bin, vergesse ich den Tag oft und wundere mich dann, dass meine Mama nicht arbeiten muss oder meine Schwester nicht in die Schule geht. Mir wird der Feiertag oft erst bewusst, wenn sie auf meine Frage, warum sie heute nicht arbeiten muss, mit "Weil heute der Tag der Deutschen Einheit ist" antwortet.

Aber warum ist dieser Tag für mich und vielleicht auch für viele meiner Generation nicht mehr so präsent? Die politische Lage zeigt doch gerade jetzt, dass man ein Ereignis, das Menschen zusammengebracht und vereint hat, feiern sollte.

Ich denke, dass es für meine Generation vor allem daran liegt, dass das Datum der Wiedervereinigung so weit zurückliegt. Wir sind in einem Deutschland aufgewachsen, das für uns schon immer vereint war. Deshalb ist vielen in meiner Generation nicht mehr bewusst, was die Wiedervereinigung für die Menschen bedeutet hat. Klar, man lernt in der Schule, welche Auswirkungen sie auf das Land, die Wirtschaft und die Politik hatte. Aber die Menschen? Die Emotionen, die sie gespürt haben? Darüber ist nichts zu erfahren, das steht in keinem Geschichtsbuch.

Familien wurden wieder vereint, Menschen konnten ihre Familien und Freunde wiedersehen, und plötzlich war eine Grenze verschwunden, die sie ihr Leben lang getrennt hat. Für viele Menschen muss das ein unglaubliches Gefühl gewesen sein. 

Wenn ich mir die Gefühle, die hinter diesem Tag stecken, bewusst mache, verstehe ich, warum man diesen Tag feiern möchte.

Irgendwie feiere ich den Tag der Deutschen Einheit dann aber doch: Denn dadurch, dass ich nicht in die Schule muss oder nicht arbeiten muss, verbringe ich den Tag mit meiner Familie. Wir verbringen die Zeit miteinander. Und damit erlebe ich im Kleinen, was es bedeutet, vereint zu sein. Vielleicht ist genau das auch eine Art, diesen Tag zu feiern.

Also, was mache ich am Tag der Deutschen Einheit? Ich feiere ihn, ohne es zu merken.