Mit rund 2100 Schülern und 270 Mitarbeitern ist die Wilhelm-Löhe-Schule die größte evangelische Schule dieser Art in Europa.  Zum 125-jährigen Bestehen wird hier nicht nur gefeiert, sondern auch über die Zukunft von Bildung nachgedacht. Unter einem Dach vereint die evangelische Privatschule Grundschule, Mittelschule, Realschule, Gymnasium und Fachoberschule.

Ihren Ursprung verdankt die Wilhelm-Löhe-Schule einer Idee des evangelischen Pastors und Sozialreformers Theodor Fliedner, der die Gründung einer höheren Mädchenschule in Nürnberg anregte. Daraus entstand 1901 die "Höhere Mädchenschule der evangelisch-lutherischen Diakonissenanstalt Neuendettelsau mit Erziehungsinstitut zu Nürnberg". Den Namen Wilhelm-Löhe-Schule erhielt die Einrichtung erst 1932.

Der Unterricht begann am 16. September 1901 mit 67 Schülerinnen, vier Klassen und vier Lehrdiakonissen in einem Privathaus in der Eilgutstraße 7. Bald zog die Schule in eine Villa an der Zeltnerstraße um. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste zunächst in schwer beschädigten Gebäuden in der Zeltner- und Rollnerstraße unterrichtet werden. Erst mit dem Neubau konnte die Schule ihren heutigen Standort beziehen: Am 17. Oktober 1980 wurde das Schulzentrum in der Deutschherrnstraße 10 eingeweiht.

Lange eine reine Mädchenschule

Als kirchlich getragene Einrichtung passte die Schule in der Zeit des Nationalsozialismus nicht in das Bildungsideal. Durch politische Maßnahmen wurde die Schule systematisch geschwächt. Die Zahl der Schülerinnen sank von 1150 im Schuljahr 1936/37 auf nur noch 200 im Schuljahr 1939/40. Im Februar 1940 musste die Schule schließlich schließen. Erst 1947 genehmigte das Bayerische Kultusministerium ihre Wiedereröffnung.

Lange blieb die Wilhelm-Löhe-Schule eine reine Mädchenschule. Mit der Eröffnung der Fachoberschule für Sozialwesen kamen im Schuljahr 1970/71 die ersten sieben männlichen Schüler an die Schule. 1976 wurden schließlich auch in der Grundschule erstmals 20 Jungen aufgenommen.

Heute umfasst die Wilhelm-Löhe-Schule eine Grundschule, Mittelschule, Realschule, ein Gymnasium sowie eine Fachoberschule, die seit 2016 neben Sozialwesen auch die Ausbildungsrichtung Wirtschaft und Verwaltung anbietet.

Träger ist das evangelische Dekanat Nürnberg. Das evangelische Profil zeigt sich in Offenheit. Noch vor 14 Jahren galt für die Aufnahme ein Taufkriterium, wie der Leitende Direktor Pfarrer Mark Meinhard erklärt. "Wir haben einen Auftrag, der in die Gesellschaft hineinwirkt". Zudem verwirkliche man eine Idee Wilhelm Löhes. Der Gründer der Diakonie Neuendettelsau prägt die Schule bis heute.

Meinhard verweist auf die konsequente Ausrichtung auf Teilhabe, Inklusion und individuelle Förderung. Auch die weitgehende Barrierefreiheit des Schulgebäudes sei Ausdruck dieses Denkens. "Der Gedanke, für alle eine Schule zu ermöglichen, spielt bis heute eine große Rolle", sagt er. Grundlage sei ein christliches Menschenbild, das jeden Menschen unabhängig von Leistung oder Noten wertschätzt.

Die Schule beschreibt ihr Leitbild mit den Worten "Miteinander leben, lernen, glauben im Spielraum christlicher Freiheit". Dieser "Spielraum" bedeutet für Meinhard vor allem pädagogische Freiheit innerhalb der staatlichen Vorgaben. Wie das konkret aussieht, zeigt sich etwa im außergewöhnlich breiten Wahlunterricht. In fast 100 Kursen am Nachmittag begegnen sich Kinder und Jugendliche verschiedener Schularten auf Augenhöhe. "Da erlebt ein Mittelschüler vielleicht, dass er im Fußball genauso stark oder stärker ist als ein Gymnasiast. Und trotzdem sind beide Teil desselben Teams", sagt Meinhard.

Der Pausenhof der Löheschule vor 100 Jahren
Der Pausenhof der Löheschule vor 100 Jahren.

Schüler übernehmen Verantwortung für andere

Stolz sei er auf die zahlreichen Projekte, bei denen ältere Schüler Verantwortung für jüngere übernehmen. Grundschulkinder beobachten gemeinsam mit Gymnasiasten in der schuleigenen Sternwarte die Sonne oder den Nachthimmel. Fachoberschüler absolvieren Praktika in der Grundschule oder im Ganztag. Hinzu kommen Begabtenförderung über alle Schularten hinweg, Robotik-Projekte, Musikensembles, Chorklassen, ein Astronomielabor, Kooperationen mit dem Musikfest ION, dem Windsbacher Knabenchor und dem chinesischen Bildungsnetzwerk.

Ein Alleinstellungsmerkmal ist das Beratungszentrum mit sozialpädagogischer und psychologischer Beratung von Schülern, Eltern und Lehrkräften. Das Zentrum begleitet Kinder bei Schulangst, nach längeren Erkrankungen, bei familiären Krisen oder nach psychischen Belastungen. Ergänzt wird dieses Angebot durch Schulseelsorge, Schultheologie und eine Religionsfachschaft mit 32 Lehrkräften.

Keine Erweiterung in Sicht

Besonders gefragt ist die Schule in der Grundschule. Jedes Jahr stehen lediglich 48 Plätze zur Verfügung. Im vergangenen Schuljahr gingen dafür rund 180 Anmeldungen ein. Dennoch wird die lange geplante Erweiterung der Grundschule vorerst nicht umgesetzt. Der Grund liegt in den finanziellen Rahmenbedingungen für Privatschulen. Zwar hätte die Schule für einen Neubau eine hohe staatliche Förderung erhalten. Das Problem ist jedoch die Vorfinanzierung. "Die Auszahlung der Fördergelder dauert schätzungsweise acht bis zwölf Jahre", erklärt Meinhard. Die Schule müsste die Millionenbeträge zunächst selbst aufbringen.

Die Diskussion um die Erweiterung verweist zugleich auf die besonderen Herausforderungen privater Schulträger. Anders als staatliche Schulen müssen evangelische Schulen Gebäudeinvestitionen vorfinanzieren und einen Teil ihrer Kosten über Schulgeld decken. "Wir werden vom Staat nicht zu hundert Prozent refinanziert", sagt Meinhard. Gleichzeitig müsse man langfristig planen und die wirtschaftliche Entwicklung im Blick behalten.

Hinzu kommen gesellschaftliche Veränderungen. Obwohl die Schülerzahlen in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gestiegen sind, blickt die Schulleitung mit Aufmerksamkeit auf die Zukunft. Die Zahl evangelischer Christen in Nürnberg geht zurück. Gleichzeitig wirkt sich der demografische Wandel zunehmend auf die Zahl der Kinder aus. Während Nürnberg insgesamt wächst, sinken bundesweit die Geburtenzahlen. Erste Kindergärten müssen bereits schließen. "Es ist schwer abzuschätzen, wie sich die Zahl der Grundschulkinder entwickelt", sagt Meinhard.

Er sehe seine Aufgabe auch als Teil kirchlicher Zukunftsgestaltung. "Ich glaube daran, dass evangelische Kirche in die Gesellschaft hineinwirken muss. Schule ist dafür eine ganz wichtige Möglichkeit." Hier könne man werteorientiert arbeiten und junge Menschen begleiten. "Das macht viel Freude."

Genau darum geht es auch beim Jubiläum. Einer der zentralen Höhepunkte wird am 20. Juli eine Podiumsdiskussion unter dem Titel "Bildung trifft Haltung" sein. Für Meinhard steht dieses Thema im Zentrum der Feierlichkeiten: "Die 125 Jahre sind für uns Anlass, noch einmal über die Idee nachzudenken, die hinter dieser Schule steht." Noch einmal gefeiert wird dann am Mittwoch, 29. Juli. Schüler, Lehrkräfte sowie Ehemalige blicken dabei auf die Entwicklung von der evangelischen höheren Mädchenschule zur heutigen kooperativen Gesamtschule zurück und würdigen zugleich die christlichen Werte, die das Profil der Schule bis heute prägen.

Das Kollegium der Löheschule im Jahr 1924
Das Kollegium der Löheschule im Jahr 1924.