Christliche Inhalte erleben seit einigen Jahren einen Aufschwung in den sozialen Medien. Junge Menschen teilen Bibelverse auf Instagram, sprechen auf TikTok über ihren Glauben oder berichten auf YouTube von ihrem Alltag als Christ:innen. Viele dieser sogenannten "Christfluencer:innen" wollen Gemeinschaft schaffen, Orientierung geben und über ihren Glauben ins Gespräch kommen. 

Doch nun sorgt eine neue Entwicklung für Diskussionen: Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet demnach Akteure und Gruppierungen, die christliche Motive nutzen, um extremistische Ideologien zu verbreiten. In diesem Umfeld gebe es teilweise auch Kontakte und Vernetzungsbestrebungen zur AfD. 

Nicht der Glaube steht im Fokus, sondern extremistische Ideologien

Der Verfassungsschutz beobachtet nicht christliche Influencer:innen allgemein und auch nicht Menschen, die ihren Glauben öffentlich teilen. In ihrer Antwort auf eine Anfrage aus dem Bundestag beschreibt die Bundesregierung vielmehr Akteur:innen, die christliche Motive und religiöse Sprache nutzen, um Aussagen gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen oder Verschwörungserzählungen ideologisch zu begründen. Das Handeln dieser Personen richte sich nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung. 

Es geht also nicht um Religion an sich oder Mission, sondern um die Verbindung von religiösen Botschaften mit rechtsextremen, demokratiefeindlichen oder menschenfeindlichen Inhalten.

Warum die AfD nicht der eigentliche Grund für die Beobachtung ist

In einigen Überschriften ist die Rede davon, dass die Christfluencer:innen aufgrund von Kontakten zur AfD beobachtet werden. Daraufhin fragen manche Kommentare: "Warum sind Kontakte zur AfD ein Fall für den Verfassungsschutz?" 

In Deutschland ist allein der Kontakt zur AfD nicht verboten, die Partei ist weiterhin zugelassen und nimmt an Wahlen teil. 

Der Verfassungsschutz nennt die AfD auch nicht als Grund für die Beobachtung. Vielmehr werden Personen oder Netzwerke beobachtet, die nach Einschätzung der Behörden extremistische Ideologien verbreiten und dabei religiöse Motive nutzen. Die festgestellten Kontakte zur AfD werden in diesem Zusammenhang als Teil eines politischen Netzwerkes erwähnt. 

Religion als politische Legitimation: Wo Sicherheitsbehörden Grenzen ziehen

Mit anderen Worten: Das Problem ist nicht die bloße Parteinähe, sondern die Kombination aus religiöser Legitimation, demokratiefeindlichen Positionen, Verschwörungserzählungen und politischen Vernetzungen. Die Titel der Artikel und Social-Media-Beiträge sind also eher plakativ.

Um welche Christfluencer:innen es sich konkret handelt, ist nicht bekannt. Die Bundesregierung nennt keine genauen Namen. Sie begründet dies damit, dass laufende Beobachtungen und weitere Erkenntnisgewinnung nicht gefährdet werden sollen. 

Wenn Glaubensbotschaften mit Ausgrenzung und Verschwörungen verschmelzen

In den vergangenen Jahren haben wir und andere Medien jedoch immer wieder über einzelne christlich-fundamentalistische Netzwerke, reichweitenstarke Social-Media-Kanäle und Influencer:innen berichtet, die religiöse Botschaften mit queerfeindlichen, antifeministischen, rassistischen oder verschwörungsideologischen Aussagen verbinden.  

Gerade auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube verschwimmen dabei häufig die Grenzen zwischen Glaubenszeugnis, politischer Meinung und ideologischer Agitation. Für viele Menschen sind christliche Symbole mit Vertrauen verbunden. Wer Bibelverse zitiert, von Nächstenliebe spricht oder sich als gläubig präsentiert, wirkt zunächst glaubwürdig. 

Wenn religiöse Sprache jedoch dazu benutzt wird, Menschen aufgrund ihrer Herkunft, sexuellen Orientierung oder Lebensweise abzuwerten, entsteht der Eindruck, der christliche Glaube rechtfertige Ausgrenzung. Das schadet nicht nur den Betroffenen, sondern auch der Glaubwürdigkeit von Kirche und Christentum insgesamt. 

Viele Christ widersprechen menschenfeindlichen Deutungen deutlich

Viele evangelische und katholische Christ:innen würden sich von solchen Positionen deutlich distanzieren. Der christliche Glaube kennt unterschiedliche politische Überzeugungen. Doch die biblische Botschaft wird problematisch verkürzt, wenn einzelne Verse herausgegriffen werden, um Hass, Ausgrenzung oder demokratiefeindliche Vorstellungen zu legitimieren.

Gerade die großen Kirchen engagieren sich seit Jahren für Menschenwürde, Demokratie, Religionsfreiheit und den Schutz von Minderheiten.  

Die aktuelle Debatte sollte deshalb nicht dazu führen, alle christlichen Social-Media-Angebote unter Generalverdacht zu stellen. Viele Creator:innen teilen schlicht ihren Glaubensalltag, beantworten Fragen zu Bibel und Kirche oder schaffen digitale Gemeinschaften. Wer nach konstruktiven christlichen Angeboten sucht, wird beispielsweise bei Projekten kirchlicher Netzwerke wie dem Yeet-Netzwerk oder bei den "Sae-Leuten" der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern fündig.

Entscheidend ist dabei immer, ob ein Angebot zu Offenheit, Dialog und Respekt führt oder ob es mit Angst, Feindbildern, Ausgrenzung und dem einen richtigen Weg, das eigene Leben zu gestalten, arbeitet. 

Die eigentliche Herausforderung für Kirche und Gesellschaft

Wie geht es jetzt weiter? Derzeit gibt es keine Hinweise auf Verbote oder konkrete Maßnahmen gegen bestimmte Influencer:innen. Die Sicherheitsbehörden beobachten nach eigenen Angaben Entwicklungen und Netzwerke, die sie als extremistisch einschätzen. 

Die Debatte dürfte dennoch weitergehen. Denn sie berührt eine grundlegende Frage: Wie können Kirchen, Gemeinden und Christ:innen ihren Glauben öffentlich leben, ohne dass religiöse Sprache von politischen Extremisten vereinnahmt wird?

Gerade in sozialen Medien wird diese Frage in Zukunft vermutlich noch wichtiger werden.