"Normalerweise würde man sagen, es gibt einen Graubereich, aber in diesem Fall war das ein Rotbereich", sagt der evangelische Pfarrer Frank Witzel. Er ist Beauftragter für Motorradseelsorge im Dekanat Würzburg und hat sich in der extremen Hitzewelle Ende Juni entschieden, den Motorrad-Gottesdienst an der Autobahnkirche Geiselwind abzusagen. "Ich habe es selbst ausprobiert, bei der Hitze zu fahren, und festgestellt, dass man kreislaufmäßig wirklich ein Problem in der Schutzkleidung bekommt, sobald man absteigt und der Fahrtwind weg ist."
Im Vorbereitungskreis habe man gemeinsam beschlossen, dass man Temperaturen bis zu 40 Grad weder den Gästen noch den Hauptamtlichen oder den ehrenamtlichen Helfern zumuten könne. "Für diese Menschen tragen wir die Verantwortung", erklärt der Seelsorger. "Und wir haben nur positive Rückmeldungen auf diese Entscheidung bekommen."
Wissenschaftlerin warnt vor zu langem Abwarten
Für Susanne Breitner-Busch, Wissenschaftlerin am Helmholtz-Zentrum München und der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, eine richtige Entscheidung. Sie sehe zwar, dass es durchaus ein Bewusstsein gebe, dass Hitze vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen, ältere Menschen oder Kinder gefährlich werden könne, "trotzdem habe ich immer noch das Gefühl, dass viele erst mal abwarten und schauen".
Breitner-Busch forscht dazu, wie sich Umweltfaktoren auf die Gesundheit auswirken, und würde sich ein entschiedeneres Vorgehen vor allem vonseiten der Politik wünschen. In Baden-Württemberg habe beispielsweise das Kultusministerium Ende Juni eine offizielle Empfehlung veröffentlicht, Sportveranstaltungen abzusagen. "Es sind aber eben nur Empfehlungen und keine gesetzlichen Vorgaben."
Das sei in Ländern, die mehr Erfahrung mit Hitze haben, besser geregelt. In Spanien gilt seit diesem Jahr etwa ein neuer Tarifvertrag, der starke Hitze ausdrücklich als Gesundheitsrisiko einstuft und Beschäftigte im Gastgewerbe durch besondere Maßnahmen schützt. So muss im Extremfall die Außengastronomie geschlossen werden, wenn keine ausreichenden Abkühlmöglichkeiten für Mitarbeitende gewährleistet werden können. "Ich denke, diese Länder werden bei der letzten Hitzewelle sehr verwundert nach Deutschland geschaut haben."
Deutschland hat keine festen Hitzeschwellen
Auch in Deutschland gebe es natürlich Arbeitsschutzmaßnahmen, aber keine festgelegten Hitzeschwellen, ab denen nicht mehr "business as usual" gelte. Ähnlich sei es an Schulen, wo Schulleitungen selbst entscheiden müssen, ob und ab wann sie hitzefrei geben. Ebenfalls selbstständig für Hitzeschutzmaßnahmen entschieden hat sich Ende Juni der Bayerische Fußball-Verband (BFV). Er sagte am Donnerstag (25. Juni) alle Spiele für das folgende Wochenende ab. Davon betroffen waren bayernweit fast 4.400 Partien der Juniorinnen und Junioren - die Erwachsenen waren schon in der Sommerpause.
Man habe sich nach der Hitzewarnung vom Deutschen Wetterdienst die Woche über schon auf eine mögliche Absage vorbereitet, erzählt der stellvertretende BFV-Geschäftsführer Fabian Frühwirth. Als klar gewesen sei, dass die Extremhitze wie angekündigt komme, habe man die Entscheidung getroffen, "weil man kein unnützes Risiko eingehen muss". "Das war das erste Mal, dass wir flächendeckend alle Spiele wegen Hitze abgesagt haben", sagt Frühwirth. Allerdings habe er mitbekommen, dass manche Vereine trotzdem Testspiele durchgeführt haben.
Warum Hitze nicht für alle gleich gefährlich ist
Wichtig ist für Susanne Breitner-Busch, dass nicht für alle Menschen Hitze ab den gleichen Temperaturen belastend sei. Wer Probleme mit dem Herz-Kreislauf-System habe, müsse möglicherweise schon ab 30 Grad besonders achtsam sein. Auch andere individuelle Faktoren könnten dazu führen, dass manche Hitze besser vertragen als andere. Dazu kommen Umweltfaktoren wie die Luftfeuchtigkeit, die den Abkühlungsprozess des Körpers behindert, oder Luftschadstoffe wie Ozon oder Feinstaub, die das Atmen erschweren können.
Deshalb sei es sinnvoll, sich an allgemeine Hitzeschutzempfehlungen zu halten, wie anstrengende Tätigkeiten in die frühen Morgenstunden zu verlegen, viel zu trinken und sich ab mittags nach Möglichkeit im Schatten oder innen aufzuhalten. Für Menschen, die regelmäßig Medikamente nehmen, sei es in manchen Fällen ratsam, die Medikation nach Absprache mit Arzt oder Ärztin anzupassen, da einige Stoffe Auswirkungen auf die Schweißproduktion, das Durstgefühl oder die Temperaturregulation im Körper haben könnten.
Zugleich müsse das Bewusstsein dafür steigen, dass manche Tätigkeiten wie Joggen oder Radfahren bei einer extremen Hitzewelle keine gute Idee seien. "Da gibt es an vielen Stellen noch Aufklärungsbedarf, dass Hitze auch für gesunde Menschen gefährlich werden kann." Breitner-Busch, die auch am Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung tätig ist, hofft, dass bei der kommenden Hitzewelle schneller und entschiedener reagiert wird.