Der Notenschluss ist vorüber, der Druck fällt ab und die Stimmung in den Klassenzimmern ist erfüllt von Freiheit und der Vorfreude auf unbeschwerte Sommerferien. Fast alle Schüler*innen kennen dieses Gefühl, nur ein paar Kinder und Jugendlichen sind davon ausgeschlossen. Sie werden das Schuljahr nicht schaffen. Statt Freiheit müssen sie auf die Nachprüfungen pauken und Abschied nehmen von den Klassenkameradinnen.

Es wird zurecht diskutiert, ob Sitzenbleiben pädagogisch sinnvoll ist. Fakt ist, dass in Bayern 3,3 Prozent der Schüler*innen durchfallen. Diese Kinder und Jugendlichen brauchen besondere Begleitung, damit sie an der Erfahrung des Scheiterns nicht zerbrechen, sondern vielleicht sogar wachsen können.

Für evangelische Schulen in Bayern ist das nicht nur ein pädagogischer Auftrag, sondern ein Akt der Seelsorge. In der Lebensbegleitung der Schüler*innen in solchen Krisenmomenten zeigt sich, ob sich christlicher Glaube in der Schule bewährt und Evangelium im Schulalltag erfahrbar ist. 

Warum Sitzenbleiben den Selbstwert nicht bestimmen darf

Es entscheidet sich nicht am Zeugnistag, wie heil junge Menschen das Schulversagen durchstehen. Entscheidend ist vielmehr, welche pädagogische Grundhaltung sie täglich an ihrer Schule erleben. 

Leistungsmessung und Konkurrenz gehören zum Schulalltag. Kinder und Jugendliche möchten sich im gegenseitigen Wettkampf messen. Sie müssen aber auch immer wieder spüren können, dass der Wert ihrer Person nicht von ihrer Leistung abhängt und dass mit Schulnoten nur ein kleiner Teil persönlicher Leistungen erfasst wird. Ambiguitätstoleranz, Empathie, Impulskontrolle, gewaltfreien Kommunikation, usw. ist in der Schulgemeinschaft ebenso zu würdigen, wie einen Notendurchschnitt von 1,0. 

Gott hat uns Menschen mit vielfältigen Begabungen beschenkt. Sie haben alle ihren Wert. Kein Kind kann gar nichts. Jedes hat seine Stärken und Schwächen. Wenn Elternhaus und die Schulfamilie den jungen Menschen zu Hause und im Schulhaus Frei- und Schutzräume eröffnen, in denen sie die ihnen geschenkten Begabungen erproben und entfalten können, relativiert sich die Bedeutung eines Jahreszeugnisses ganz von selbst. 

Was Eltern nach einem schlechten Zeugnis tun können

Es gibt viele Anlässe im Schulalltag und zu Hause einen jungen Menschen unabhängig von seinen Schulleistungen zu würdigen.

  • Gemeinsame Mittagessen, bei denen die Kinder und Jugendlichen von ihrem Schulvormittag erzählen können sind wichtiger als elterlicher Unterstützung bei den Hausaufgaben.
  • Wirkliches Interesse und gemeinsam verbrachte Zeit helfen mehr als gut gemeinte Sätze wie "Das schaffts du schon!", Ich weiß, dass du das kannst!", "Trau dir mehr zu!" "Glaub an dich!"
  • Eltern, die ihre Sorgen und Ängste ums eigene Kind reflektieren und emotional steuern können, werden frei von überzogenen Erwartungen und der Dramatisierung einzelner Noten. So helfen sie ihrem Kind beim Aufbau eines gesunden Selbstbildes.
  • Dürfen Kinder und Jugendlichen als Betroffene an "Lehrer-Eltern-Sprechstunden" teilnehmen, wird mit ihnen gesprochen und sie müssen nicht sorgenvoll imaginieren, worüber die Erwachsenen wohl geredet haben könnten.
  • Lernentwicklungsgespräche stellen die Stärken in den Vordergrund und eröffnen neue Perspektiven.
  • Wertschätzende Kommentare unter Leistungserhebungen würdigen die individuellen Lernfortschritte.
  • Die Schulleitung kann Einladungen ins Direktorat aussprechen, um den Schüler*innen zu außergewöhnlichen Leistungen, die außerhalb der Schule erbracht werden, gratulieren zu können.
  • Lehrkräfte haben Zeit für pädagogische Notenkonferenzen, in denen sie die Stärken und Persönlichkeit eines Kindes insgesamt würdigen und nicht nur auf die Schulfächer achten
  • Auf Treffen der gesamten Schulgemeinschaft werden nicht nur die Klassenbesten geehrt, sondern auch der ehrenamtliche Einsatz der Schulsanitäter, Streitschlichter, die Technikgruppe, sportliche Erfolge und vieles mehr.
  • Es gibt auch Abschiedsriten für die Kinder und Jugendlichen, die ihre Klasse oder Schule zum Ende des Schuljahres verlassen müssen.

Wertschätzung wirkt stärker als jede Schulnote

Lisa hat das Klassenziel nicht erreicht. Beschämt und voll Sorge, wie die Eltern wohl reagieren, geht sie nach Hause. Was wird geschehen? Zuhause gibt es eine Umarmung und ein Geschenk. Lisa packt es völlig überrascht aus. Es ist ein Aquarellkasten. Lisa malt für ihr Leben gerne. "Wir haben gedacht", sagt der Vater augenzwinkernd, "jetzt hast du ja Zeit zum Malen."