München (epd). Der Betroffenenbeirat im Erzbistum München wirft Kardinal Reinhard Marx seit Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachten im Januar Untätigkeit vor. Man habe sich daher erneut für einen offenen Brief entschieden, weil seit Veröffentlichung des Gutachtens "keinerlei Aktivitäten seitens Kardinal Marx erkennbar sind, die ein dezidiertes Handeln und auch Umsetzen der Empfehlungen erkennen lassen", teilte Richard Kick, Mitglied des unabhängigen Betroffenenbeirats in der Erzdiözese München und Freising, am Dienstag mit. "Wir als Betroffene sind entsetzt ob dieser Untätigkeit."
Der Beirat fordert in dem offenen Brief an Marx grundsätzlich mehr Mitgefühl für die Opfer sexueller Gewalt. "Um das Leid der überaus großen Zahl an Opfern sexualisierter Gewalt nicht noch weiter zu vergrößern, ist es an der Zeit, sie auch endlich empathisch wahrzunehmen." Marx müsse daher in persönlichen Kontakt mit Betroffenen treten. Außerdem brauche es eine unabhängige Ombudsstelle als Interessenvertretung. Diese solle auch das "Machtungleichgewicht" zwischen Betroffenen und Kirche ausgleichen.
Kick forderte darüber hinaus Akteneinsicht für Missbrauchsgeschädigte, damit sie wüssten, wie ihr Fall konkret behandelt wurde. Weiter fordert Kick von Marx eine "ernsthafte und angemessene finanzielle Anerkennungs- und Entschädigungsleistung" für Betroffene. Außerdem müsse der Betroffenenbeirat, der im März 2021 seine Arbeit aufgenommen hatte, personell und finanziell gestärkt werden, um seine vielfältigen Aufgaben sachgerecht wahrnehmen zu können.
Mitte Januar hatte die Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl ihr unabhängiges Gutachten über Fälle sexueller Gewalt im Münchner Erzbistum in den Jahren 1945 bis 2019 vorgestellt. Die Gutachter fanden Hinweise auf mindestens 497 Opfer und 235 Täter, davon 173 Priester. In dem Gutachten wurde auch Kardinal Marx ein unangemessener Umgang mit Fällen sexueller Gewalt vorgeworfen, ihm aber auch Willen zur Aufklärung attestiert. Viele Katholiken traten daraufhin aus ihrer Kirche aus.