München (epd). Eine Kirche, die sich hinter ihre eigenen Mauern zurückzieht, ist laut dem Münchner Erzbischof Reinhard Marx nicht zukunftsfähig. Stattdessen müsse sie sich als "lernende Organisation" verstehen, "die neue Erfahrungen aufnimmt, Fehler korrigiert, sich ändert und sich in jeder Zeit neu auf den Weg macht, das Evangelium zu leben und zu bezeugen", schreibt Kardinal Marx in einem Hirtenbrief, der am Sonntag in den Gottesdiensten im Erzbistum verlesen werden soll. Zu einer Erneuerung gehöre vor allem auch "der ehrliche und schmerzende Blick auf die Gewalt und den Missbrauch, den insbesondere Kinder und Jugendliche sowie Schutzbefohlene in der Kirche erlitten haben."

Diese Erfahrungen dürften nicht "aus unserem Gedächtnis als Erzbistum" getilgt werden, sondern es gelte, daraus zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Für ein mutiges und beherztes Weitergehen müsse man sich auch mit der Frage auseinandersetzen, ob die Gemeinschaft der Kirche notwendig ist - und zwar um der Menschen willen, nicht um ihrer Selbsterhaltung.

Mitte Januar war das unabhängige Missbrauchsgutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl erschienen, das sich mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum München zwischen 1945 und 2019 beschäftigt. Darin fanden sich Hinweise auf mindestens 497 Opfer und 235 Täter - darunter 173 Priester.