Mainz, Fürth (epd). Die Schriftstellerin und Übersetzerin Natascha Wodin (76) erhält für ihr Gesamtwerk den Joseph-Breitbach-Preis 2022. Die Bücher der in Fürth geborenen, russisch-ukrainisch-stämmigen Autorin erzählten von der "Verletzlichkeit und Nacktheit des Menschen" und zeichneten "eine Dringlichkeit und zarte, aber unerbittliche Wucht aus", teilte die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur am Freitag mit. Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung wird von der Akademie und der "Stiftung Joseph Breitbach" vergeben und soll am 16. September in Koblenz verliehen werden.
Nach Ansicht der Jury entwickeln die Bücher Wodins "durch ihr Thema der erweiterten Autobiografie eine Erzählhaltung ganz eigener Art, deren Sog den Leser in den Glutkern politischer und menschlicher Abgründe führt". Als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter nehme sie etwa in ihrem Buch "Sie kam aus Mariupol" den historischen Komplex von Schuld und Scham in den Blick, der bis in die Gegenwart reiche. Auch ihr jüngster Roman "Nastjas Tränen" erzähle von den Spuren politischer Erschütterungen in persönlichen Beziehungen.
Natascha Wodin wuchs erst in deutschen Lagern für Displaced Persons, dann - nach dem frühen Tod der Mutter - in einem katholischen Mädchenheim auf. Ihr Romandebüt "Die gläserne Stadt" erschien 1983, es folgten zahlreiche Veröffentlichungen, darunter die Romane "Nachtgeschwister" und "Irgendwo in diesem Dunkel". Für "Sie kam aus Mariupol" bekam sie 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse. Wodin ist unter anderem auch Trägerin des Hermann-Hesse- und des Alfred-Döblin-Preises.
Der Joseph-Breitbach-Preis wird seit 1998 jährlich verliehen und soll an den deutsch-französischen Schriftsteller Joseph Breitbach (1903-1980) erinnern. Bisherige Preisträger sind unter anderen Herta Müller (2003), Ursula Krechel (2009), Navid Kermani (2014), Nora Bossong (2020) und Karl-Heinz Ott (2021).