Wenn mir die Menschen zu den Ohren herauskommen und ich sie nicht mehr sehen kann, weiß ich, dass es Zeit ist. Wenn ich keine Buchstaben mehr zu ertragen vermag und mir schwindlig wird vom Starren auf die Apps meines Handys, weiß ich, dass es allerhöchste Zeit ist. Und wenn ich kotzen könnte bei der Vorstellung, eine neue Kolumne schreiben zu sollen, weiß ich, dass es eigentlich schon viel zu spät ist.
Das Einzige, was dann noch hilft, ist die sofortige Flucht — in der Regel in eine einsame offene Kirche irgendwo in the middle of nowhere. Da sitze ich dann wie der gepeinigte Oberengadinpilger Friedrich Nietzsche, stiere — anders als Nietzsche — den Gekreuzigten vor mir im Altarraum an und warte darauf, dass eins zu zwei wird und ein Wunder geschieht.
"Steig herab vom Kreuz", flüstere ich in die Stille. "Steig herab, lass ein Wunder geschehen. Lass verdammt nochmal ein Wunder geschehen, Herr. Gib mir Frieden. Gib deiner fürchterlichen Welt Frieden. Heile mich an Leib und Seele. Und heile die Wunden dieser misshandelten und auf die schiefe Bahn geratenen Schöpfung, die deine Handschrift schon lange nicht mehr trägt."
Aber so sehr ich auch flehe, nie geschieht etwas. Der Schmerzensmann macht keinen Mucks. Er bleibt gekreuzigt wie eh und je. Ein Bild des Jammers. Ein Bild des Friedens. Ein Rätsel.
"Sag was!", sage ich. "Sag halt endlich mal was. Ein klitzekleiner Beweis, dass ich in meinem Elend nicht allein auf der Welt bin und dass auch die Welt nicht mit sich und ihrem Elend allein ist, würde mir schon genügen."
Doch der ewigjunge alte tote Heiland am Kreuz lässt nicht mit sich handeln und vielleicht auch nicht mit sich reden. Er tut, was er in den letzten zweitausend Jahren immer getan hat. Er hängt an seinem Kreuz.
Als Theologe weiß ich oder habe es zumindest gelernt, dass er dort hängt, weil er das Kreuz der Welt trägt und dass das seine seltsam göttliche Weise ist, das Kreuz der Welt und am Ende auch mein Kreuz aus der Welt zu schaffen, mich aufatmen zu lassen und mir Hoffnung zu geben.
Als unzufriedener Mensch, der sich hin und wieder nach Wundern und etwas mehr Eindeutigkeit sehnt und tagtäglich mitansehen muss, dass das Kreuz der Welt nicht im geringsten aus der Welt geschafft ist, überfallen mich allerdings immer wieder Zweifel an dieser eigenwilligen und eigensinnigen Weltrettung Jesu. Vielleicht ist der Glaube an den Heiland ja nur der Strohhalm derjenigen, die auf Gedeih und Verderb an etwas glauben wollen, um nicht vollends in die metaphysische Trostlosigkeit oder Gleichgültigkeit abzustürzen.
Doch wie auch immer. Ich sitze vor ihm und starre ihn an, den stummen toten Heiland und sein Kreuz mit der Aufschrift "Das Heil der Welt". Ich bin hierher gefahren, habe mein Heil in der Flucht gesucht und habe das Heil der Welt gefunden. Und doch fühle ich mich nicht so, als sei ich der Heillosigkeit entronnen.
Was soll ich nur machen?
"Geh nach Lohndorf", sagt es von irgendwoher, wahrscheinlich aus dem tiefsten Inneren meines aufgewühlten Hirns oder Herzens. Vielleicht auch aus meiner durstigen Kehle heraus. Der Gekreuzigte vor mir hätte sich wahrscheinlich gehütet, mir in meiner Seelennot einen derart ungeistlichen, abgrundtief profanen, eher die Kehlennot als die Seelennot lindernden Vorschlag zu machen. Wobei das mit der Kehle so profan ja übrigens gar nicht ist. Die hebräische Sprache jedenfalls kennt keinen Unterschied zwischen dem Wort für "Seele" und dem Wort für "Kehle". Wenn es also im Alten Testament heißt: "Lobe den Herrn, meine Seele!", dann heißt das eigentlich: "Lobe den Herrn, meine Kehle!" Alles, was Lebensodem hat, also beseelt ist, soll den Herrn loben. Und dieser Lebensodem kommt aus der Kehle, dem Sitz der Seele, also dorther, wohin auch das gute Lohndorfer Bier fließt.
Geh nach Lohndorf
Ich kenne einen Durstigen, der als regelmäßiger Kirchgänger am Ende langer Gottesdienste regelmäßig klagt, wie bedauerlich es sei, dass die Gesangbücher anders als die Bierkrüge keine Henkel hätten. Vielleicht sollte ich ihm einmal in Aussicht stellen, dass der Gott der Hebräer aufgrund des erwähnten hebräischen Homonyms von "Kehle" und "Seele" womöglich Sinn für seine Klage hat und daher die Vorstellung, man könnte Gott auch mit Bierkrügen loben, mitnichten gotteslästerlich, sondern womöglich ein spezieller Ausdruck des Schöpfungsdanks sei.
"Geh nach Lohndorf."
"Lohndorf", denke ich. Der Ort, an dem zwar nicht Milch und Honig, aber ein ungeheuer süffiges Bier fließt und die Geselligkeit an nahezu jedem Abend über die Ufer der an sich ja doch eher stillen und einsilbigen oberfränkischen Wasser tritt.
Soll ich wirklich schon wieder dahin, um zu "trainieren" für die bevorstehende Kirchweih, wie einer meiner Stammtischbrüder mir in den vergangenen Wochen zigmal geraten und mir dabei jedesmal seinen Ellenbogen freundschaftlich in meine gottseidank aufgrund des besagten Trainings allmählich weicher und nachgiebiger werdende Seite gerammt hat?
Soll ich wirklich dahin? Ich suche doch nicht weltlich flüssige, sondern nachdrücklich und aus dem Innersten meiner Seele heraus geistliche Nahrung. Ich lechze in den Kirchlein auf dem Jura und mitunter sogar im Bamberger Dom, auf dem dortigen Michelsberg und — wenn meine kryptokatholische Seele gar nicht mehr zu bremsen ist — sogar in Vierzehnheiligen nach so etwas wie zweifelsfreier Evidenz der göttlichen Wahrheit, die ich, wenn ich meine Tage habe, nur und ausschließlich in katholischen Kirchen zu finden glaube. Also an geweihten, heiligen Orten, für die ich irgendwann das Wort "andersweltlich" erfunden habe.
"Lohndorf ist auch andersweltlich", raunt mir der Schalk in meinem Nacken zu, der sich beim Gedanken an die schönste Brauereiwirtschaft Oberfrankens jetzt skrupellos und immer unwiderstehlicher meldet.
Klammer auf: Ich gelobe übrigens an dieser Stelle hoch und heilig, dass ich keinen Cent Provision von der Brauereiwirtschaft Hölzlein für diese Kolumne bekommen habe. Vielleicht springt ein Seidla oder ein gut eingeschenkter Helmut-Schnitt (nicht Helmut Schmidt!) auf der Kärwa heraus. Darüber wäre ich nicht böse. Aber in meine Taschen ist nichts geflossen. Großes Indianerehrenwort. Und Klammer zu.
Ja, Lohndorf ist andersweltlich. Und zwar deshalb, weil man dort zumal bei sonnigem Wetter den Himmel über dem Land und über der Erde mehr spürt als anderswo und also die Welt dort eine heilere Welt ist. Und in dem Augenblick, in dem ich das schreibe, bin ich mir völlig darüber im Klaren, dass das zwar wahr, aber zugleich eine maßlose Übertreibung ist.
Beim Wort "maßlos" schießt mir, vielleicht auch aus einem größer werdenden Durstempfinden heraus, übrigens sofort die Frage in den Kopf, warum in oberfränkischen Bierwirtschaften und auch auf oberfränkischen Kellern kaum Maßkrüge ausgeschenkt werden. Vielleicht ist der Franke klüger, also lebensweiser als der Oberbayer, und trinkt lieber nicht so gern abgestandenes, sondern frisches Bier. Vielleicht trinkt der Oberbayer aber einfach nur schneller. Wie auch immer. Mal sehen. Am Ende trinke ich bei der Kärwa diesmal wirklich eine Maß, wenn mein Trainingszustand es zulässt. Um Eindruck zu machen bei den wirklich Trainierten.
Wo war ich? Ach ja, beim Himmel über Lohndorf. Man spürt ihn, sagte ich, mehr, intensiver und näher über sich, diesen Himmel. Ebenso spürt man die Weite und Offenherzigkeit der Welt dort mehr um sich als in anderen Weltgegenden. Damit will ich nichts gegen die zahllosen anderen Lohndorfs gesagt haben, die es auf Gottes Erdball zweifellos gibt und in denen andere Menschen sicherlich ähnliche, vielleicht sogar dieselbe Erfahrung machen, die ich zufälligerweise, provinzialitätsgeschuldet oder gottesfügungsbedingt halt in Lohndorf mache.
Die Erfahrung, die ich meine und die man in einer Ortschaft vielleicht nur als Fremder machen kann, der nicht ganz dazu gehört, sondern das Ganze immer auch zugleich von außen betrachtet, ist die Erfahrung, für die die Sprache ein unerträglich verkitschtes und leider auch politisch von Parteien unterschiedlicher Couleur durch den Schmutz gezogenes, aber eben auch einzigartiges und unzerstörbares Wort hat. Das Wort Heimat.
"Heimat", schrieb der Philosoph Theodor W. Adorno, "ist das Entronnensein". Und für mich, der ich mindestens zweimal in der Woche die Flucht aus der mehr oder weniger großen Stadt ins Ellerntal ergreife, stimmt das fraglos. Wenn ich es daheim nicht mehr aushalte, versuche ich irgendwie in meine Lohndorfer Wahlheimat zu entrinnen. Dabei bin ich mir gar nicht sicher, ob man sich eine Heimat wählen kann. Wahrscheinlich ist es eher so, dass man von der Wahlheimat gewählt wird.
Heimat: Das Entronnensein
Meine arme, ob meiner Lohndorfsucht zunehmend verzweifeltere, mich zwar grundsätzlich gern, aber gelegentlich "nur" aus Liebe — und weil sie mich hin und wieder glücklich sehen will — nach Lohndorf begleitende Frau hat mir übrigens geraten, doch endlich einmal einen Aushang an der Evangelischen Hochschule Nürnberg zu machen. — Ich merke an dieser Stelle vorsorglich an, dass die Evangelische Hochschule Nürnberg ebensowenig wie die Brauerei Hölzlein in Lohndorf Auftraggeberin für diese Kolumne war.
Der Aushang, der meiner Frau vorschwebt, könnte in der gebotenen Nüchternheit und Sachlichkeit etwa so lauten: "Theologieprofessor sucht Chauffeur*in für gelegentliche private Wirtshausfahrten aufs oberfränkische Land. Verpflegung und nichtalkoholische Getränke auf Wunsch inbegriffen. Etwas Zeit vonnöten. Fahrten, mindestens zweimal wöchentlich und vorzugsweise freitags, sonntags und dienstags, ausschließlich in diversen verbrennungsmotorgetriebenen Zuffenhausener Modellen. Hinfahrt gerne als Beifahrer*in. Rückfahrt grundsätzlich als Fahrer*in. Fahrpraxis vorausgesetzt. Versierter Umgang mit Schaltgetrieben unabdingbar."
Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich diesen Aushang wirklich machen soll. Allerdings glaube ich wirklich, dass es schlechtere und ganz sicherlich auch schlechter bezahlte Jobs für Studierende gibt.
Klammer auf: Liebe Studierende! Wenn Sie diese Kolumne erstnehmen und mich fahren möchten, dann melden Sie sich gern — so sagt man das heute; früher hieß es "bitte" — bei mir. Wir werden uns sicher einig. Ich beschäftige Sie privat, ausdrücklich nicht im Auftrag der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Klammer in der Klammer auf: Ich hoffe inständig, dass es sich dabei nicht um ein dienstrechtliches Vergehen etwa im Sinne einer Verführung Schutzbefohlener zur hinterweltlerischen Provinzialität und zur Abhängigkeit von mit dieser Provinzialität einhergehenden rückständigen Mentalitäten oder gar von moralisch fragwürdigen Sportwagen handelt. Falls doch, wird meine Hochschulleitung bestimmt gern mit einem klärenden Schreiben oder einer öffentlichen Stellungnahme auf mich zukommen. Klammer in der Klammer zu. Klammer zu.
Heimat also. Der Ort, an dem es mir scheint, als sei das, wonach ich mich sehne, schon Wirklichkeit, also nicht nur Illusion, sondern Realität. Der Ort, der jede Sehnsucht stillt. Franz Schuberts berühmtes Lied "Der Lindenbaum" zeugt davon. Zugleich zeugt es davon, dass zu jeder Vorstellung von Heimat wie zu jeder Vorstellung vom Paradies deren Unerreichbarkeit gehört.
Als Heidelberger Studierende träumten wir von dem imaginären Dorf Ubschting. Ubschting war der Ort, an dem wir alle wie in einer großen Wohngemeinschaft leben, lieben, spielen und uns das Leben schön oder zumindest erträglicher als anderswo machen wollten. Ubschting, das war der Inbegriff von Freundschaft, Glück, Zusammengehörigkeit und Friede. Ubschting, das war sozusagen eine Art eschatologische Kommune Eins. Ubschting, das war die Heimat und die heile Welt schlechthin. Leider kannte der spätere Boden der Tatsachen der aus dem Studium in die Welt Verschlagenen und Verstreuten kein Ubschting, sondern nur die Erinnerung daran, dass wir einmal von diesem Ubschting geträumt hatten.
Wie in Schuberts Lied hätte es natürlich auch in Ubschting einen Lindenbaum am Brunnen vor dem Tore gegeben. Der Winterreisende, der sich in der Eiseskälte seiner trostlosen Gegenwart an diesen Lindenbaum erinnert, um sich an seiner Erinnerung und an den Tränen dieser Erinnerung auf den gefrorenen Wangen zu wärmen, befindet sich allerdings nicht auf dem Weg ins imaginierte dörfliche Ubschting-Idyll. Er wandert nicht ins Lohndorf seiner Welt. Er ist unterwegs ins Nichts. Und weil er weiß, dass er nur im Grab Erlösung finden wird, weiß er, dass alles, was er sich herbeiträumt, Illusion ist.
Als er im Schneesturm die Augen schließt, sieht er ihn wieder vor sich, den alten Lindenbaum: "Und seine Zweige rauschten / Als riefen sie mir zu: / Komm her zu mir, Geselle, / Hier findst du deine Ruh‘!" Aber im nächsten Moment weiß er, was er schon die ganze Zeit über wusste. Er weiß, dass kein Weg zurück in die verlorene Zeit führt. Und doch denkt er sich: "Nun bin ich manche Stunde / Entfernt von jenem Ort, / Und immer hör‘ ich‘s rauschen: / Du fändest Ruhe dort!"
Das letzte Verb steht bezeichnenderweise im Konjunktiv. Und der Unterschied zwischen diesem Konjunktiv "fändest" und dem Indikativ "findest" ist der Unterschied zwischen Nichts und Alles. Der Klang des Ortsnamens Lohndorf ist für mich sozusagen das Äquivalent dieses "fändest". "Lohndorf", das ist ein Indikativ, von dem ich weiß, dass er ein Konjunktiv ist. Ja, ich finde Ruhe dort. Und zugleich finde ich sie dort nicht, die Ruhe, die ich eigentlich suche und die mich in die einsamen Kirchen zieht, wo sie auch nicht ist, diese Ruhe, wo mir jedoch klar wird, dass alle Ruheorte dieser Welt nur ein Abglanz, aber immerhin ein Abglanz jener ganz anderen Ruhe, jenes ganz anderen Friedens, jenes ganz anderen Heils und jener ganz anderen Heimat sind.
Im Konjunktiv: Der Lindenbaum und die Illusion
Warum also nicht nach Lohndorf? Warum sollte sie nicht dort sein, die Schwelle zum Paradies, dessen Tür nur von der anderen, göttlichen Seite her geöffnet werden kann, weshalb man sich am besten auf just dieser Schwelle niederlässt, es sich auf dieser Schwelle gutgehen lässt und das Leben, das ja bekanntlich durchwachsen genug ist, aus vollem Herzen und vollen Vollbierkrügen feiert.
Weil ich nicht naiv und nicht blind bin, weiß ich natürlich, dass es hinter der schönen heimatlichen Oberfläche selbst der idyllischsten Ortschaft auch die Abgründe des Menschlich-Allzumenschlichen, vielleicht sogar des Unmenschlichen und ganz gewiss auch die großen und kleinen Leibes- und Seelennöte sowie die kleinen und großen Dramen und Katastrophen gibt.
Ich ahne, dass es unter den bunten Uniformen der Schützen, der Blaskapelle und der Feuerwehr und gewiss auch unter den prunkvollen liturgischen Gewändern des Pulks von Priestern, die samt dem hochwürdigsten Erzbischof von Bamberg anlässlich des Lohndorfer Ortsjubiläums einen eindrucksvollen, sonnen- und weihrauchdurchfluteten Festgottesdienst feierten, womöglich nicht nur rosig und sonnig bestellt ist. Wir leben in einer gefallenen Schöpfung. Und es gibt niemanden, auch den Geistlichsten aller Geistlichen und den Bestmöglichsten aller guten Menschen nicht, der von den Schattenseiten und vom Unheil dieser Schöpfung ausgespart wäre.
Ja, der Altbürgermeister von Lohndorf hatte wohl recht, als er beim Festfrühschoppen in seiner süffigen Rede, die ihm so in Fleisch und Blut übergegangen war, als hätte er sie mit der Muttermilch oder besser gesagt mit dem Lohndorfer Bier eingesogen, sagte: "Ich bin mir sicher, acht von neun Milliarden Menschen dieser Welt würden am liebsten in Lohndorf leben." Er hatte so sehr recht, dass ich nicht anders konnte, als zur Freude der vor mir sitzenden Blaskapelle von hinten heraus zu zischeln: "Achteinhalb".
Gewiss: Vorsätzliche Idyllezerstörung um des ideologischen Idealbilds noch idyllischerer und natürlich vor allem politisch korrekterer Idyllen willen ist zum deutschlandweitverbreiteten Volkssport derjenigen geworden, die sich für das Volk halten, aber längst den Kontakt zum Volk verloren haben und Orte wie Lohndorf und dessen Feste wahrscheinlich am liebsten in die Rumpelkammer des Ewiggestrigen und Reaktionären entsorgen würden.
Aber sie waren halt noch nie dort und haben noch nie beim Heiner einen Feuervogel gegessen, der leider kein Feuertäubchen ist, aber dem Aroma des Heiligen Geistes verdächtig nahe kommt. Vor allem haben sie vermutlich noch nie das Faszinosum des sogenannten "leeren Gewaafs" am eigenen Leib und an der eigenen Seele erlebt. Will heißen: jenes nahezu mystische Freiwerden von jeglicher zwanghaft sinnvollen oder krampfhaft bedeutsamen Konversation.
Ich finde ja, dass dieses leere Gewaaf geradezu Züge einer liturgischen Kommunikation trägt. Es ist gar nicht so wichtig, dass man immer alles versteht, was gesagt wird. Wichtiger ist der nicht endenwollende, nur vom Klang der aneinander anstoßenden Bierkrüge unterbrochene Sound derjenigen, die wahrscheinlich nicht allein wegen des Bieres, sondern vor allem wegen dieses leeren und daher ungeheuer erholsamen Gewaafs den Lohndorfer Stammtisch aufsuchen und sich für drei bis sieben so seelenerhebende wie zelltoxische Seidla in just diesen Sound hineinfallen lassen, der wahrscheinlich auch im Rascheln von Franz Schuberts beziehungsweise Wilhelm Müllers Lindenbaumblättern zu hören wäre.
Ich greife noch höher: Vielleicht ist in diesem Sound des Stammtischs und des schattigen lindenbestandenen und kiwistrauchumsäumten Biergartens ja sogar das Summen des Lieds der Schöpfung aus dem ersten Kapitel der Bibel zu hören.
Die Orte, an denen wir gerne sind, sind, so denke ich, die Orte, an denen dieser Sound durch den Krach, den Lärm und das Geschrei der Welt hindurchzuhören ist. Ich glaube also allen Ernstes, dass es sich bei diesem Sound um das Echo des Summens des Schöpfers handelt. Als er Himmel und Erde erschuf, muss er dieses Summen auf den Lippen gehabt haben. Dieses Summen, das Weltuterusmusik und Weltwiegenlied in einem ist. Vielleicht höre ich diesen Sound also deshalb so gern, weil er mich nicht nur an meinen oberfränkischen, sondern an meinen wahren außerweltlichen Ursprung erinnert und weil er mich immer aufs Neue mit der Hoffnung erfüllt, dass ich dieses schöpferische Summen in seiner ganzen Fülle wieder hören werde, wenn ich dereinst eingehe in Gottes Ewigkeit — von welchem seligen Ort oder unseligen Unort aus auch immer.
Ja, ich weiß, was ich da schreibe, ist starker Tobak und zweifellos gar sehr und gar skrupellos berauscht verklärend. Allerdings gelobe ich, im Augenblick der Abfassung dieser Kolumne so nüchtern zu sein, wie ein Mensch nur sein kann. Ich mache mir also trotz aller Verklärung keine Illusionen. Auch der Lohndorfer Schein trügt. So, wie schon immer jeder Schein getrogen hat, gerade der schönste. Sicher, Heimat ist der Ort, an dem das Herz höher schlägt. Aber wer wüsste nicht, dass gerade dort, wo das Herz höher schlägt, es auch unruhig und um so verzweifelter schlägt. Wer wüsste nicht, dass die Heimat einem auch das Herz brechen kann, nicht erst, wenn sie verloren ist und man sich in der Fremde nach ihr sehnt. Wer wüsste nicht, dass wahr ist, wovon das alte Frankenwaldlied in seiner letzten Strophe singt, nachdem in den Strophen zuvor Säulein geschlachtet, Feste gefeiert und Hochzeiten gehalten werden: "Einmal kommt der Tag, wo man sterben muss im Frankenwald."
Ja, dieser Tag kommt. Niemand weiß, wann er kommt. Gottseidank. Aber der Gevatter lauert auch dort und lässt sich vielleicht gerade dort nieder, wo er am weitesten entfernt scheint. Es ist sogar zu befürchten, dass er den Weg durch die Gartenzäune auf den Bierfilzen hindurch besonders leicht findet und dass er gerade die ereilt, die scheinbar nichts von ihrer Bierseligkeit zu scheiden vermag.
"Der Tod", schrieb der große Schriftsteller Paul Auster, "schlägt immer dann zu, wenn wir am wenigsten damit rechnen." So ist es. Doch sei es, wie es sei. Was wäre das Leben ohne die Illusion, es könnte unter dem Himmel vielleicht doch den Ort geben, der dem Garten Eden ähnelt und dessen Zugang nicht von abschreckend anzusehenden fürchterlichen Wächtern verstellt wäre! Was wäre das Leben, wenn das Leben nicht auch eine große Selbsttäuschung und Verdrängung wäre! Was wäre das Leben ohne die gelegentliche Autosuggestion seiner Unverwundbarkeit!
Wenn inmitten des farbenfrohen und wie gemalt wirkenden Lohndorfer Gemeindefests unter einem unfassbar gnädigen Sommerhimmel bei der Eucharistiefeier oder beim Frühschoppen jemand tot umgefallen wäre, hätte es wahrscheinlich zunächst niemand geglaubt. Zu unwirklich wäre die Anwesenheit des Sensenmanns in dieser Bilderbuchwelt erschienen. Man hätte vermutlich gemeint, sich in einem Schauspiel zu befinden, in dem die Schauspieler ja nur zum Schein sterben und wieder aufstehen, wenn die Szene abgedreht ist.
Wenn der Jürgen vom Lohndorfer Stammtisch über jemanden sagt, er sei ein "Schauspieler", dann ist das eigentlich ein vernichtendes Urteil. Ein Schauspieler ist einer, der nicht ernstzunehmen ist, weil er jemand zu sein vorgibt, der er nicht ist. Wenn der Jürgen jemanden als Schauspieler bezeichnet, dann hat er ihn durchschaut. Dann ist es allen klar, dass der Kaiser nackt und dass nichts dahinter ist hinter der Fassade.
Der Schauspieler und der Tod
Manchmal frage ich mich, ob der Jürgen nicht vielleicht auch mich für einen Schauspieler hält. Mich, den seltsamen Fremden aus dem fernen Erlangen, der aus unerfindlichen Gründen zusammen mit seiner Frau hier gestrandet ist und womöglich nur vorgibt, ein Pfarrer zu sein, um als jemand zu gelten und etwas herzumachen.
In meiner Heimatgemeinde Presseck gab es einmal einen solchen Hochstapler, den sogenannten Prälat Speck, der sich als Ruhestandsseelsorger ausgab und aufgrund der dankbaren Generosität der Pressecker wie die Made im Speck lebte, den er ja schon im Namen hatte. Eines Tages kam ihm der Ortsarzt zum Verdruss der beschämenderweise jahrelang hinters Licht Geführten allerdings auf die Schliche, weil das Specksche Latein bei der Messe irgendwie doch nicht so recht nach Latein klingen wollte.
Auf dem Zinndeckel meines Lohndorfer Stammkrugs steht "‘Pfarrer‘ Ralf". Das Wort "Pfarrer" hat der Heiner, der Wirt, in Anführungszeichen gravieren lassen. Vielleicht sind diese Anführungszeichen ein Zeichen dafür, dass man mir, dem Privatmann, den Pfarrer in Lohndorf doch nicht so recht abnimmt. Vielleicht bin ich den Lohndorfern ja doch nicht ganz geheuer — womöglich wegen meiner unpfarrerlichen Anmutung oder wegen meiner exaltierten Fahrzeuge, deren Farben irgendwie aber ja doch zu den Farben der römischen Liturgie passen, mit der die Lohndorfer ja jahraus, jahrein engstens verbunden sind. Vielleicht deuten die Anführungszeichen auf dem zinnenen Krugdeckel aber ja schlicht darauf hin, dass ein evangelischer Pfarrer in den erzkatholischen Ländern um Bamberg herum halt eben doch kein richtiger Pfarrer, sondern nur ein Pfarrerschauspieler sein kann.
Und wenn diesen Schauspieler — was der liebe Gott verhüten möge! — eines Tages am Stammtisch in Lohndorf der Tod ereilen sollte, dann wird der Jürgen mein bierseliges Ableben aller Wahrscheinlichkeit nach in der ihm eigenen trunkenen Trockenheit mit dem Wort "Schauspieler" kommentieren. Ich hoffe inständig, dass er sich dabei nicht täuscht, sondern dass sein Kommentar hellsichtig, prophetisch und visionär ist.
Denn genau so stelle ich es mir vor. Ich stelle mir vor, dass ich nach meinem sterbenden Zusammensinken in dieser Welt in einer anderen Welt wie ein Schauspieler wieder aufstehe. Ich stelle mir vor, dass ich in dieser Anderswelt angerührt werde vom Ewigen und dass dieser Ewige dann jenes Summen auf den Lippen hat, das er auch bei der Erschaffung der Welt auf den Lippen hatte. Und ich stelle mir vor, dass ich dann endlich dort bin, wo ich weder in Lohndorf noch in den Orten meiner Kindheit jemals war: in meiner wahren Heimat. Das stelle ich mir vor.
Aber jetzt ist erst einmal Kärwa in Lohndorf. Und so schön die himmlische Anderswelt auch sein mag: Ich nähme am liebsten noch möglichst lange mit der geliebten irdischen Anderswelt vorlieb. Und so hoffe ich, dass der Kirchweih dieses Sommers noch viele folgen werden und dass die guten Lohndorfer Geister noch lange mit ihrem "Pfarrer" anstoßen.
Prosit!
Ralf Frisch: "Mehr Opium fürs Volk"
Ob es um ganz alltägliche Dinge wie das Smartphone neben dem Kopfkissen oder um existenzielle Themen wie Schuld und Vergebung geht, ob er nach der Bedeutung von Christi Himmelfahrt oder nach dem spirituellen Gehalt von Christbaumleichen fragt: Ralf Frisch findet in seinen Kolumnen immer einen originellen Zugriff auf das Thema und eröffnet so neue, manchmal völlig unerwartete Perspektiven. Mit bissigem Humor und spitzer Feder hält er unserer Zeit den Spiegel vor, ganz in der Tradition des "weisen Narren". Seit 12. März 2026 erhältlich.