Das Oktoberfest ist ein Phänomen. Fast das ganze Jahr über hört und sieht man nichts von dem Riesenevent. Auf der Theresienwiese rutschen Skater über den Asphalt, ein paar Kinder spielen Fußball. Doch dann, mit einem Schlag, strömen innerhalb weniger Tage rund sechs Millionen Menschen auf das Gelände. Innerhalb kürzester Zeit vertilgen sie aus großen Krügen literweise das Bier, stellen sich auf Bierbänke und grölen Lieder. Oder sie wanken in ein Fahrgeschäft und lassen sich durch die Luft schleudern.
"Die Festwiese, die größte, glaub ich, der Welt, ist herrlich anzuschauen, alle Münchner sind lustig, diese Stadt ist wie gemacht für Feste; feiert sie, zeigt sie ihr wahres Gesicht",
schrieb die Schauspielerin Erika Mann nach ihrem Besuch. Tatsächlich lockt das Volksfest jedes Jahr Millionen Menschen an. 2010 feierte die Landeshauptstadt 200 Jahre Oktoberfest.
Heute kommen Gäste aus aller Welt nach München. Das war nicht immer so. Noch Anfang der 1990er-Jahre kamen rund 60 Prozent der Wiesnbesucher aus München, nur etwa acht Prozent waren ausländische Gäste. Die Wiesn war damals vor allem ein Fest der Münchner – und ein beliebtes Ausflugsziel für Familien.
König Ludwig I. feierte Hochzeit mit Prinzessin Therese
Seinen Ursprung nahm das Oktoberfest 1810: Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I., heiratete am 12. Oktober Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Die Hochzeitsfeierlichkeiten wurden am 17. Oktober mit einem Pferderennen auf einer Wiese vor den Toren der Stadt beendet. Auf dieses Rennen geht das Oktoberfest zurück. Die Wiese wurde zu Ehren der Braut später Theresienwiese genannt.
In den folgenden Jahren wurde das Fest wiederholt. Wegen Kriegen, Epidemien und zuletzt der Corona-Pandemie musste das Oktoberfest seit 1810 insgesamt 26-mal ausfallen.
In den ersten Jahren des Oktoberfestes brachte man seine Brotzeit selbst mit und bekam sein Bier noch vom Fass. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Wiesn zunehmend zu einem Bier- und Volksfest. Ein stärkeres, als Märzen bezeichnetes Bier wurde ab 1872 im Schottenhamel ausgeschenkt. Das damalige Märzen war ein stärkeres Bier als das zuvor übliche Sommerbier.
Heute hat das Wiesnbier mit dem historischen Märzen allerdings nicht mehr viel gemeinsam: Ausgeschenkt wird ein spezielles Festbier, das mit etwa 5,8 bis 6,4 Prozent Alkohol stärker ist als gewöhnliches Münchner Bier.
Die Wiesn war lange gar nicht so "bayerisch"
Wer heute an das Oktoberfest denkt, denkt fast automatisch an Dirndl und Lederhosen. Dabei war Tracht auf der Wiesn lange alles andere als selbstverständlich.
Auf historischen Fotos aus den 1970er-, 1980er- und frühen 1990er-Jahren tragen die meisten Besucher ganz normale Alltagskleidung. Männer kommen in Hemd und Hose, Frauen in Blusen, Röcken oder Kleidern. "Tracht" war vor allem bei Trachtenvereinen und beim traditionellen Trachten- und Schützenzug zu sehen.
Das hatte auch einen einfachen Grund: Für viele Münchner war die Tracht lange zu bäuerlich. Wer in der Stadt etwas auf sich hielt, wollte nicht unbedingt aussehen wie ein Bauer aus dem Umland. Erst in den 1990er-Jahren begann sich das zu ändern. Mitte des Jahrzehnts tauchte auch Münchens Oberbürgermeister Christian Ude beim Fassanstich erstmals in Lederhose auf. Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre wurde Dirndl und Lederhose bei jungen Leuten endgültig zum Trend.
Was heute wie uraltes Wiesn-Brauchtum aussieht, ist also teilweise eine ziemlich junge Mode.
Völkerschauen: Die dunkle Seite der Wiesn-Geschichte
Zur Geschichte des Oktoberfestes gehört allerdings auch ein Kapitel, das heute kaum noch zum Bild der weltoffenen Wiesn passt: die sogenannten Völkerschauen.
Dabei wurden Menschen aus anderen Regionen und Kulturen einem zahlenden Publikum als vermeintlich "exotische" Attraktion präsentiert. Die erste Völkerschau auf dem Oktoberfest ist für 1879 dokumentiert. In den folgenden Jahrzehnten gehörten solche Veranstaltungen regelmäßig zum Wiesnprogramm.
Besonders im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert waren die Schauen ein lukratives Geschäft. Zu sehen waren unter anderem sogenannte "Nubier", Beduinen, Samoaner und Menschen aus Afrika und Asien. Schausteller wie Carl Gabriel machten mit aufwendig inszenierten "Exotenschauen" auf sich aufmerksam. 1901 präsentierte Gabriel beispielsweise ein "Beduinen-Lager", später folgten weitere Völkerschauen.
Die Veranstaltungen spiegelten den kolonialen und rassistischen Blick ihrer Zeit wider: Menschen wurden nicht als Individuen wahrgenommen, sondern als "exotische" Schauobjekte. Noch 1959 fand mit der "Völkerschau Hawaii" eine solche Veranstaltung in München statt. Sie gilt als die letzte Völkerschau auf dem Oktoberfest.
Das gehört zur Geschichte der Wiesn genauso wie Bierzelte, Karussells und Trachten – auch wenn es heute verständlicherweise kaum noch Teil der touristischen Erzählung ist.
Oktoberfest: Bierpreis erhöht sich jedes Jahr
Statt einiger Kreuzer kostet eine Maß inzwischen mehr als fünfzehn Euro – und wer die Damen beobachtet, die bis zu zehn Krüge gleichzeitig an den Tisch schleppen, rundet den Betrag meist freiwillig noch auf.
Wenn sich auch der Bierpreis erhöht hat: An Traditionen mangelt es dem Oktoberfest nicht. Dazu gehört der berühmte Ausruf "O'zapft is" des Münchner Oberbürgermeisters, wenn er das erste Bierfass ansticht. Diese Tradition gibt es allerdings erst seit 1950: Damals zapfte Oberbürgermeister Thomas Wimmer im Schottenhamel erstmals das erste Fass an. Mit 17 Schlägen stellte er dabei zugleich den bis heute wenig schmeichelhaften Rekord für den Anstich auf.
Heute liegt der Rekord bei zwei Schlägen. Wie viele Schläge der Oberbürgermeister benötigt, sorgt deshalb jedes Jahr für Spannung.
Trachtenzug und Wiesngottesdienst
Auch der Trachten- und Schützenzug ist jünger als das Oktoberfest selbst. Ein Volkstrachten-Festzug fand erstmals 1895 auf dem Oktoberfest statt und wurde zum Vorbild für den heutigen Zug am ersten Wiesnsonntag.
Heute ziehen Tausende Trachtlerinnen und Trachtler sowie Schützinnen und Schützen durch die Münchner Innenstadt zur Theresienwiese. Was dabei heute wie eine uralte Tradition wirkt, ist also ebenfalls Ergebnis einer Entwicklung.
Zur Tradition zählt außerdem der Oktoberfest-Gottesdienst, bei dem Schaustellerseelsorger der evangelischen und der katholischen Kirche mit Marktkaufleuten und Schaustellern Gottesdienst feiern. Gelegentlich wird dabei zwischen Bierbänken und Wiesnkapelle ein kleines Kind getauft oder ein Ehepaar getraut.
Und schließlich gehört zur Wiesn das Böllerschießen am Fuße der monumentalen Bronzestatue der Bavaria.
Oktoberfest mit neuen Fahrgeschäften
Natürlich mangelt es dem Volksfest nicht an Innovationen. Aus den ersten Karussells und Schaukeln entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine riesige Auswahl an Fahrgeschäften, Schaubuden und anderen Attraktionen.
Dabei war die Wiesn schon früh ein Ort spektakulärer Unterhaltung. Neben Fahrgeschäften gab es im 19. und frühen 20. Jahrhundert Panoramen, Varietés, Museen, exotische Tiere und eben auch Völkerschauen. Die Wiesn war also schon damals weit mehr als ein einfaches Bierfest.
Gelegentlich sorgten die Fahrgeschäfte auch für Proteste. So empört sich ein Polizeikommentar von 1900 über ein Karussell:
"Auf diesen Pferden waren Frauenpersonen zu beobachten, die in geradezu widerlicher, allen Anstand verspottender Weise, auf den Pferden herumarbeiteten. Mit rothen Gesichern, teilweise oft aufgelösten Haaren, konnten sie mit ihrem widerlichen Gebaren gar kein Ende finden."
Auch wirtschaftlich ist die Wiesn längst ein wichtiger Faktor für München. Nach Berechnungen der Landeshauptstadt wird der Wirtschaftswert des Oktoberfests 2025 auf rund 1,57 Milliarden Euro geschätzt. Darin enthalten sind unter anderem die Ausgaben der Besucher auf dem Festgelände sowie für Einkäufe, Dienstleistungen, Gastronomie und Übernachtungen in München.
Wiesn ist ein Phänomen
Heute ist das Oktoberfest ein globales Ereignis. Millionen Menschen aus aller Welt reisen nach München, viele tragen Dirndl und Lederhose, reservieren Tische in den großen Festzelten und posten ihre Wiesnerlebnisse in sozialen Netzwerken.
Dabei ist gerade die Geschichte der Wiesn voller Überraschungen: Was heute als Tradition gilt, ist oft gar nicht so alt. Das Dirndl als Wiesn-Massenphänomen ist gerade einmal wenige Jahrzehnte alt. Der berühmte Fassanstich wurde erst 1950 erfunden. Und noch bis 1959 gehörten Völkerschauen zur Geschichte des Münchner Oktoberfests.
Das Oktoberfest ist eben nicht nur ein Stück bayerische Tradition. Es ist auch ein Spiegel seiner jeweiligen Zeit – mit ihren Moden, ihren Vergnügungen, ihren Vorurteilen und ihren gesellschaftlichen Veränderungen.
Oktoberfest
Unser Dossier zum Oktoberfest gibt es unter diesem Link.