Es gibt Abende, an denen man schon beim Betreten des Zuschauerraums ahnt, dass man Zeuge von etwas Besonderem wird. Der ausverkaufte Nürnberger Serenadenhof bot dafür die passende Kulisse. Gleich zweimal hintereinander gastierten Gerhard Polt und die Well-Brüder hier mit ihrem Programm "Apropos" – und die Vorzeichen hätten kaum emotionaler sein können. Denn nach Jahrzehnten gemeinsamer Bühnenarbeit wollen der 84-jährige Gerhard Polt sowie Christoph "Stofferl", Michael und Karl Well künftig deutlich kürzertreten. Es ist keine offizielle Abschiedstournee, aber doch der leise Ausklang einer Zusammenarbeit, die das politische Kabarett und die satirische Volksmusik über ein halbes Jahrhundert geprägt hat.
Dabei vermeiden die vier jede Form von Sentimentalität. Statt großer Abschiedsreden liefern sie genau das, weshalb ihr Publikum seit Jahrzehnten kommt: scharf beobachteten Humor, anarchische Musikalität und eine gehörige Portion bayerischen Grant. Trotzdem liegt über dem mehr als zweistündigen Abend eine kaum zu überhörende Wehmut. Schließlich verabschiedet sich hier eine Kunstform, deren Mischung aus Volksmusik, Satire und politischer Gesellschaftsanalyse heute beinahe einzigartig geworden ist.
Lust am Unsinn
Schon die Well-Brüder zeigen, dass Alter und Spielfreude zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Zwar sieht man Christoph, Michael und Karl Well ihre jahrzehntelange Bühnenerfahrung an. Hört man ihnen jedoch zu, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Kaum jemand verbindet musikalische Virtuosität mit so spielerischer Leichtigkeit. Das Instrumentarium wirkt beinahe grenzenlos: Tuba, Harfe, Alphorn, Trompeten, Klarinetten, Flöten, Okarina oder Ukulele wechseln im Minutentakt. Dazu kommen dreistimmiger Gesang, Gstanzln und eine Präzision, die trotz aller augenzwinkernden Albernheit höchsten musikalischen Ansprüchen genügt. Gerade diese Verbindung aus handwerklicher Perfektion und hemmungsloser Lust am Unsinn macht die Well-Brüder seit jeher unverwechselbar.
Gerhard Polt selbst wirkt inzwischen körperlich fragiler als noch vor einigen Jahren. Seine Stimme ist leiser geworden, seine Bewegungen sparsamer. Doch seine Bühnenpräsenz ist ungebrochen. Der fast zwei Meter große Kabarettist benötigt keine großen Gesten. Es genügt oft ein trockener Satz, eine kurze Pause oder ein scheinbar beiläufiger Blick, um das Publikum zum Lachen zu bringen. Seine Figuren leben von der Präzision der Beobachtung. Nie erhebt er sich moralisch über seine Charaktere. Er lässt sie vielmehr selbst ihre Absurdität entlarven.
So begegnet man erneut jenen wohlhabenden Zugereisten, die sich am Tegernsee mit Trachtenjanker und Dialektfetzen möglichst schnell als Einheimische inszenieren wollen, gleichzeitig aber gegen den Schneepflug klagen, wenn dieser den Winterdienst zu gewissenhaft erledigt. Ebenso köstlich ist die Geschichte jenes Neureichen, dessen Selbstbewusstsein mit einem BMW 7er wächst – bis das Luxusauto nicht mehr in die heimische Garage passt. Polts Humor war nie laut. Er lebt von der Lakonie. Gerade deshalb treffen seine Pointen oft umso präziser.
Die Verfehlungen des Messdieners
Dazwischen blitzen immer wieder autobiografische Erinnerungen auf. Polt erzählt von seiner Zeit als Ministrant und von jenem Messdienerkollegen, der einst in den Messwein urinierte. Bis heute, so berichtet er mit gespieltem Ernst, überweise dieser ihm regelmäßig Geld, wenn die Kasse knapp werde – gewissermaßen als lebenslange Wiedergutmachung. Solche bewusst flachen Kalauer gehören ebenfalls zu Polts Repertoire. Nicht jede Pointe besitzt dieselbe Schärfe wie seine gesellschaftspolitischen Beobachtungen. Manchmal verliert der Abend dadurch etwas an Tempo. Doch gerade diese Mischung aus feinem Sprachwitz und volkstümlichem Blödsinn war immer Teil seines Humors.
Auch die Well-Brüder bleiben ihren Lieblingsthemen treu. Aufgewachsen unweit des Wallfahrtsortes Altötting, nehmen sie Religion und Kirche ebenso liebevoll wie respektlos aufs Korn. Besonders gelungen gerät die Geschichte eines afrikanischen Pfarrers mit nahezu unaussprechlichem Namen, der bei einem Feuerwehrjubiläum den Gottesdienst hält und dabei weit authentischer wirkt als die siebzig Feuerwehr-Ehrenjungfrauen, die während der Fahnenweihe eine perfekt einstudierte Tanzchoreografie aufführen. Es sind genau diese liebevoll gezeichneten Milieustudien, in denen sich Provinz, Brauchtum und menschliche Eitelkeit auf wunderbare Weise begegnen.
Natürlich darf auch die Politik nicht fehlen. Markus Söder wird ebenso bedacht wie Donald Trump oder FIFA-Präsident Gianni Infantino. Söders angebliche Chancen auf das Kanzleramt kommentieren die Well-Brüder mit der Bemerkung, als Franke könne er das historische Handicap bayerischer Kanzlerkandidaten vielleicht umgehen. Nürnbergs Stadtspitze empfehlen sie augenzwinkernd, genügend Geld für das geplante Interims-Opernhaus in der ehemaligen Kongresshalle zurückzulegen – nicht dass am Ende die eigentliche Opernsanierung auf der Strecke bleibe. Auch der Fußball bekommt sein Fett weg, wenn Infantino als einer dargestellt wird, der sogar Donald Trump persönlich die Eintrittskarten verkauft und sich jeder Macht andient.
Nürnberger Lokalkolorit
Erfreulich ist dabei, wie selbstverständlich die Künstler den lokalen Bezug herstellen. Christoph Well bedankt sich beim Concertbüro Franken für die jahrzehntelange Zusammenarbeit und erklärt dem Nürnberger Publikum, dass überall dort, wo Kultur in die Provinz komme, aus der Provinz plötzlich die Provence werde. Solche kleinen regionalen Spitzen schaffen Nähe, ohne anbiedernd zu wirken.
Überhaupt funktioniert der Abend gerade deshalb so gut, weil Musik und Kabarett niemals nebeneinanderstehen, sondern ineinander übergehen. Ein virtuoses Musikstück mündet in ein Gstanzl, daraus entwickelt sich ein Dialog mit Polt, ehe der nächste satirische Monolog folgt. Diese Form beherrschen nur wenige Ensembles in vergleichbarer Perfektion.
Am Ende bleibt weit mehr als bloße Nostalgie. Natürlich schwingt Traurigkeit mit. Man weiß, dass man diese vier Künstler vermutlich nicht mehr allzu oft gemeinsam erleben wird. Ihre Form des politischen Kabaretts, das nie belehrend wirkt, sondern aus genauer Beobachtung entsteht, scheint heute fast aus der Zeit gefallen. Gerade deshalb entfaltet sie noch immer ihre enorme Wirkung.
Als der lang anhaltende Schlussapplaus durch den Serenadenhof hallt, stehen auf beiden Seiten Dankbarkeit und Respekt im Mittelpunkt. Das Publikum bedankt sich für Jahrzehnte voller Humor, Sprachkunst und musikalischer Brillanz. Und Polt sowie die Well-Brüder bedanken sich für ein Publikum, das ihnen all die Jahre gefolgt ist.
So endet der Abend nicht mit einem großen Paukenschlag, sondern mit jener leisen Melancholie, die den besten Humor oft begleitet. Man lacht – und merkt erst danach, dass man gleichzeitig Abschied genommen hat.