Das Open Beatz-Festival in Herzogenaurach ist Süddeutschlands größtes elektronisches Musikfestival. Rund 25.000 Besucher*innen aus aller Welt feierten am vergangenen Wochenende mehr als 100 Acts aus EDM, Techno, Goa und Hardstyle. Seit 2018 gibt es dort eine Open Church, betrieben von der evangelischen Kirche, und seit Beginn ist sie fest in das Konzept des Festivals integriert. Wir haben dort mit einem der Freiwilligen gesprochen.
Du bist schon seit einigen Jahren bei der Open Church dabei. Was genau ist die Open Church, und was erwartet die Festivalbesucher hier?
Jonas Simmerlein: Die Open Church ist eine kleine Festival-Kirche. Hier haben wir ein Zelt, in dem die Gäste Ruhe finden und zu sich kommen können. Wir sind rund um die Uhr hier und haben immer Leute vor Ort, um anderen beizustehen, wenn es ihnen schlecht geht oder wenn sie einfach jemanden zum Reden brauchen. In unserem Zelt haben wir eine Gebetswand, an der Gebetsanliegen aufgehängt werden können. Außerdem kann man hier seine elektronischen Geräte aufladen. Ein besonderes Merkmal ist, dass wir die Menschen segnen können, sei es Paare, Freunde oder andere Beziehungen. Die Liturgie, die wir hier haben, wird von vielen sehr geschätzt. Unser Ziel ist es, einen sicheren Raum für die Gäste und Besucher*innen zu schaffen.
"Unser Ziel ist es nicht, jemanden zu bekehren."
Was sind deine und die Aufgaben der anderen Freiwilligen hier?
Als Freiwillige sind wir in erster Linie Ansprechpersonen für die Menschen hier. Wir tragen kein spezielles Outfit, sondern sind einfach vor Ort und hören den Menschen zu, wenn sie reden möchten. Unser Ziel ist es nicht, jemanden zu bekehren, sondern vielmehr ein Ort zu sein, an dem die Leute zur Ruhe kommen können und dem Trubel entfliehen. Wir beten für die Menschen und segnen sie, wenn sie das wünschen. Jeder von uns Freiwilligen bringt seine eigene Biografie und seinen individuellen Glauben mit. Es gibt keine gemeinsame Agenda; wir sind einfach Christ*innen, die zeigen wollen, dass wir dazugehören und da sind, wenn jemand reden möchte oder einen Raum zum Nachdenken und Beten braucht.
Wie lange engagierst du dich bereits in der Open Church auf dem Open Beatz Festival?
Ich bin seit 2018 dabei und gehörte zu den Gründungsmitgliedern. Ich habe damals auch am Design mitgearbeitet und zum Beispiel die Fußwaschung eingeführt, eine weitere von unseren Angeboten. Es ist erfreulich zu sehen, dass das Ganze mit den Jahren gewachsen ist und mittlerweile viele engagierte Menschen dabei sind. Wir tun das alles ehrenamtlich und aus Leidenschaft, ohne Bezahlung.
"Als angehender Pfarrer möchte ich den Menschen hier auf Augenhöhe begegnen und ihnen beistehen."
Du promovierst ja im Bereich der Sinnsuche und Theologie in Wien. Wie bringst du deine Erfahrungen als Theologe und angehender Pfarrer in die Open Church mit ein?
Meine theologischen Kenntnisse sind hier manchmal gefragt, vor allem, wenn Leute theologische Fragen haben oder sich bestimmte Texte aus der Bibel nicht erklären können. Als angehender Pfarrer möchte ich den Menschen hier auf Augenhöhe begegnen und ihnen beistehen. Viele suchen hier nach Antworten, insbesondere wenn sie aus Kirchen kommen, die queere Menschen nicht segnen. In solchen Momenten ist es hilfreich, jemanden mit theologischem Hintergrund zu haben, der sich mit diesen Fragen auseinandersetzen kann. Neben meiner theologischen Expertise ist mir jedoch vor allem wichtig, einfach für die Menschen da zu sein und ihnen zuzuhören.
Was macht für dich ein gelungenes kirchliches Projekt aus?
Ein gelungenes kirchliches Projekt zeichnet sich für mich dadurch aus, dass es im Kontext der Menschen stattfindet, ohne sich als Fremdkörper zu fühlen. Es ist wichtig zu zeigen, dass wir auch Teil der Szene sind und dass die Kirche nicht versucht, die Menschen in ihr Paradigma zu zwängen. Stattdessen sind wir hier und lassen uns auf die Bedürfnisse der Leute ein. Das bedeutet, dass wir auch ihre Eigenheiten und Besonderheiten respektieren, sei es bei der Gestaltung von Liturgie oder anderen Angeboten. Wir wollen ein sicherer Ort sein, an dem Menschen in jedem Zustand willkommen sind.
"Es kommen auch kritische Gäste, die mit der Kirche nichts zu tun haben wollen."
Welche Leute besuchen die Open Church und nehmen die Angebote wahr?
Die Gäste sind super divers. Es kommen Menschen aus der ganzen Welt hierher, da das Festival bereits recht groß ist. Es sind Leute dabei, die kirchlich sozialisiert sind und sich über die Verbindung zur Kirche freuen. Aber es kommen auch kritische Gäste, die mit der Kirche nichts zu tun haben wollen. Wir nehmen alle auf und bieten Raum für Gespräche und Austausch.
Glaubst du, dass Projekte wie die Open Church Kirche und Religion wieder mehr in die Mitte der Gesellschaft bringen können?
Ich habe lange über diese Frage nachgedacht, und während das traditionelle Modell der Volkskirche seine Zeit hatte und sich verändert, glaube ich, dass es auch Platz für neue Formen von Religion geben wird. Unser Ziel ist nicht unbedingt, die Institution Kirche zu stärken, sondern vielmehr den Spirit von Gemeinschaft und Fürsorge zu leben. Wenn wir uns zu sehr auf die Produktivität konzentrieren, verlieren wir vielleicht diesen besonderen Geist, der hier in der Open Church spürbar ist.
"Viele unserer Mitarbeiter waren früher selbst Gäste."
Was muss man tun, um sich in der Open Church zu engagieren?
Wir heißen alle willkommen, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zur Kirche. Es ist hilfreich, ein gewisses Mindset zu haben, dass man hier sein möchte und eine Verbindung zum größeren Kontext des Christentums spürt. Aber im Grunde genommen ist jeder willkommen, der Lust hat, sich einzubringen. Viele unserer Mitarbeiter waren früher selbst Gäste und haben sich dann entschieden, Teil des Teams zu werden. Es gibt keine Voraussetzungen oder Glaubensprüfungen – jeder, der Interesse hat, kann gerne mitmachen.