Wenn das Telefon klingelt, weiß niemand, wer am anderen Ende der Leitung wartet. Vielleicht ein Mensch, der einsam ist. Vielleicht jemand, der gerade einen geliebten Menschen verloren hat. Vielleicht ein Jugendlicher, der nicht mehr weiß, wie er mit der Sucht eines Elternteils umgehen soll. Oder jemand, der darüber nachdenkt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Seit Jahrzehnten ist die TelefonSeelsorge Ostoberfranken für genau diese Menschen da. Rund um die Uhr. An 365 Tagen im Jahr. Für dieses außergewöhnliche Engagement ist sie nun mit dem Ehrenamtspreis 2026 der Versicherungskammer Stiftung für Oberfranken ausgezeichnet worden.

Für Diakonin Elisabeth Peterhoff ist die Auszeichnung weit mehr als ein Preis. Sie ist vor allem eine Würdigung der Menschen, die meist unsichtbar bleiben.

"Es ist für uns eine große Ehre und Freude", sagt sie. "Vor allem für unser ehrenamtliches Team. Ihr Dienst geschieht im Verborgenen und sie können dafür nie öffentlich gewürdigt werden, weil die TelefonSeelsorge ihren Anrufenden Anonymität zusichert." Gleichzeitig sei der Preis eine Bestätigung dafür, wie unverzichtbar das Angebot geworden ist. "Mit unserem 24-Stunden-Dienst für Menschen in Krisen, in Not oder Einsamkeit sind wir heute wichtiger denn je."

Einsamkeit als großes gesellschaftliches Thema

Die Themen, über die Menschen sprechen möchten, könnten unterschiedlicher kaum sein. Familienkonflikte, Trennungen, finanzielle Sorgen, Trauer, psychische Erkrankungen oder Suizidgedanken gehören ebenso dazu wie alltägliche Überforderung. Doch ein Thema zieht sich inzwischen durch viele Gespräche.

"Einsamkeit ist ein großes Thema in unserer Gesellschaft", sagt Peterhoff. "Viele unserer Anrufenden sind einsam. Für sie einfach ein Gegenüber zu sein, ist oft schon unglaublich wichtig."

Gerade in einer Zeit, in der digitale Kommunikation allgegenwärtig ist, wächst offenbar das Bedürfnis nach einem Menschen, der einfach zuhört. Ohne zu bewerten. Ohne Ratschläge aufzudrängen. Ohne Zeitdruck.

Zuhören mit dem Ohr des Herzens

Genau dieses Zuhören lernen die Ehrenamtlichen in einer umfangreichen Ausbildung. Mindestens 120 Stunden investieren sie, bevor sie ihren ersten Dienst übernehmen. Auf dem Lehrplan stehen Psychologie, Seelsorge, Kommunikation, Biografiearbeit sowie der Umgang mit schwierigen Themen wie Einsamkeit oder Suizidalität. Dazu kommen Hospitationen, Gruppenübungen und viel Selbstreflexion.

Die wichtigste Fähigkeit lasse sich dennoch kaum in Lehrbüchern vermitteln.

"Aktives Zuhören bedeutet, mit dem Ohr des Herzens ganz aufmerksam beim Anrufenden zu sein", erklärt Peterhoff. Es gehe darum, Gefühle wahrzunehmen, zwischen den Zeilen zu hören und Menschen Resonanz zu geben, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

Vertrauen durch Anonymität

Dass Menschen überhaupt den Mut finden anzurufen, hat einen einfachen Grund: Sie müssen nichts von sich preisgeben.

Unter den kostenfreien Rufnummern 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116123 erreichen Hilfesuchende rund um die Uhr einen Gesprächspartner. Namen, Telefonnummern oder persönliche Daten werden nicht aufgezeichnet oder gefragt.

"Gerade diese Anonymität schätzen unsere Anrufenden sehr", sagt Peterhoff. Sie ermögliche es vielen Menschen überhaupt erst, über ihre Sorgen zu sprechen.

Niemand trägt die Last allein

Die Gespräche können belastend sein. Deshalb werden die Ehrenamtlichen nicht allein gelassen. Regelmäßige Supervisionen, Fortbildungen, professionelle Begleitung sowie gemeinsame Wochenenden sorgen dafür, dass auch diejenigen Unterstützung bekommen, die anderen helfen.

"Das Team trägt sich gegenseitig", beschreibt Peterhoff den Zusammenhalt. Neue Ehrenamtliche würden mit offenen Armen aufgenommen und seien schon nach kurzer Zeit Teil einer starken Gemeinschaft.

Krisen verändern auch die Gespräche

In den vergangenen Jahren habe sich die Arbeit spürbar verändert. Nicht nur die persönlichen Krisen nähmen zu, sondern auch die gesellschaftlichen Verunsicherungen.

"Die vielen gleichzeitigen Krisen und Veränderungen führen zu mehr Ängsten und noch mehr Einsamkeit", beobachtet Peterhoff. Besonders erschütternd sei für sie eine Entwicklung: "Etliche Menschen haben inzwischen mehr Vertrauen zur TelefonSeelsorge als zu ihren eigenen Mitmenschen."

Ein Satz, der nachdenklich macht. Denn er beschreibt nicht nur die Bedeutung der TelefonSeelsorge, sondern auch den Zustand einer Gesellschaft, in der viele Menschen niemanden mehr haben, dem sie sich anvertrauen können.

Ein offenes Ohr kann Leben verändern

Wie wichtig dieses Zuhören sein kann, erlebt Peterhoff immer wieder. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihr Gespräche mit Jugendlichen, die unter der Suchterkrankung eines Elternteils leiden.

Am Ende solcher Telefonate hätten viele zum ersten Mal das Gefühl, mit ihren Sorgen nicht allein zu sein. Sie erhielten konkrete Hinweise, an wen sie sich wenden könnten, und wüssten zugleich: Bei der TelefonSeelsorge finden sie jederzeit jemanden, der zuhört.

Wer selbst überlegt, sich ehrenamtlich zu engagieren, den ermutigt Peterhoff ausdrücklich: "Machen Sie sich auf den Weg. Der Dienst bei der TelefonSeelsorge ist eine große Bereicherung für das eigene Leben. Man lernt sich selbst besser kennen und wird Teil eines Teams, das füreinander da ist."

Der Ehrenamtspreis würdigt damit nicht nur jahrelanges Engagement. Er macht auch sichtbar, wie wertvoll etwas sein kann, das man weder sehen noch anfassen kann: ein offenes Ohr, das genau dann da ist, wenn ein Mensch es am dringendsten braucht.