Hans Beheim, meist Hans Böhm genannt, in der Region bis heute bekannt als der "Pfeiferhannes". 550 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod erinnert Niklashausen wieder an jenen Mann, der lange vor Martin Luther Freiheit und Gerechtigkeit im Namen des Evangeliums predigte – und dafür auf dem Scheiterhaufen endete.

Dieses Jahr feiert der Ort das Jubiläum "550 Jahre Pfeifer von Niklashausen". Der Schriftsteller Uwe Klausner, dessen Roman "Hans der Pfeifer" 2005 erschien, hat eigens ein Theaterstück verfasst, das in der evangelischen Kirche uraufgeführt wurde. Der Geschichts- und Kulturverein "Der Pfeifer", der auch das Pfeifer-Museum betreibt, hält damit die Erinnerung an einen Mann wach, dessen Botschaft selbst nach Jahrhunderten nichts von ihrer Sprengkraft verloren hat.

Eine Frau bewahrt das Gedächtnis des Pfeifers

Eine der wichtigsten Hüterinnen dieser Erinnerung ist Marlise Düx. Die Vorsitzende des Geschichts- und Kulturvereins ist in Niklashausen aufgewachsen und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem "Pfeifer". "Früher wurde das eher verdeckt gehalten", erzählt sie in der evangelischen Kirche des Dorfes. "Als ich jung war, war das nicht toll. Heute ist man wieder stolz auf den Pfeifer."

Die Geschichte Hans Böhms begleitet sie seit ihrer Kindheit. Inzwischen führt sie Besuchergruppen durch Kirche und Museum, organisiert Veranstaltungen und sammelt Bücher, Dokumente und historische Darstellungen. Das ehemalige Rathaus des Dorfes wurde durch jahrelange ehrenamtliche Arbeit zum Pfeifer-Museum umgebaut. "Wir haben alles gesammelt, was wir bekommen konnten", sagt sie lachend. "Atlanten, einzelne alte Buchseiten, Veröffentlichungen aus der DDR – mittlerweile kaufen wir sogar Sachen über Ebay."

Gerade in den vergangenen Jahren sei das Interesse stark gewachsen. Viele Besucher kämen aus dem Raum Würzburg, aus Thüringen oder Sachsen. "In der DDR war der Pfeifer weitaus bekannter als bei uns", erzählt Düx. Dort habe man ihn als frühen Revolutionär verstanden. "Nach der Wende kamen ständig Leute aus den neuen Bundesländern hierher und wussten oft mehr über den Pfeifer als wir."

Besonders rund um das Bauernkriegs-Gedenken habe das Interesse noch einmal zugenommen. Schulklassen kämen inzwischen ebenso nach Niklashausen wie Geschichtsvereine oder Wandergruppen.

Ein Dorf wird zum Mittelpunkt Europas

Niklashausen ist heute ein ruhiger Ortsteil der Gemeinde Werbach im Main-Tauber-Kreis. Wer auf dem Taubertalradweg unterwegs ist, begegnet dort einer spätgotischen Kirche, die zu den 16 evangelischen Radwegekirchen des Taubertals gehört. Im Sommer stehen dort sogar Fahrradpumpen für Reisende bereit. Doch hinter der stillen Dorfkirche verbirgt sich eine außergewöhnliche Geschichte.

Bereits im 14. Jahrhundert stand hier die berühmte Wallfahrtskirche "Santa Maria". 1354 erhielt die Kapelle einen päpstlichen Ablassbrief. Die Wallfahrt zog Menschen aus weiten Teilen Süddeutschlands an. Genau hier begann Hans Beheim im Frühjahr 1476 seine Predigten.

Der junge Mann stammte aus Helmstadt bei Würzburg. Wahrscheinlich arbeitete er als Viehhirte und Dorfmusikant in Niklashausen. Der Beiname "Pfeifer" rührt von seiner Sackpfeife her, die er öffentlich verbrannte – als Zeichen der Abkehr von weltlichem Leben.

Am 25. März 1476, dem Fest Mariä Verkündigung, trat er erstmals öffentlich auf. Er berichtete, die Jungfrau Maria sei ihm erschienen und habe ihn beauftragt zu predigen. "Mittelalterlich waren Marienerscheinungen nichts Ungewöhnliches", sagt Marlise Düx. "Vielleicht stand er oben am Berg, ein Sonnenstrahl fiel durchs Gebüsch – und er glaubte, Maria gesehen zu haben."

Die Niklashäuser Kirche
Die Niklashäuser Kirche.

Bis zuletzt blieb Maria für Hans Beheim zentral. Selbst auf dem Scheiterhaufen soll er noch Marienlieder gesungen haben.

Die geheimnisvolle Beghardenhöhle

Bis heute ranken sich um Hans Beheim zahlreiche Legenden. Besonders geheimnisvoll wirkt die sogenannte Beghardenhöhle oberhalb von Niklashausen. Die kleine Felshöhle liegt versteckt am Hang über dem Taubertal und ist heute Teil des Pfeifer-Rundwanderwegs.

Der Überlieferung nach lebte dort im 15. Jahrhundert ein Einsiedler – ein sogenannter Begharde. Die Begharden waren religiöse Laiengemeinschaften des Spätmittelalters, die ein einfaches, oft kirchenkritisches Leben führten. "Da ist immer wieder die Rede von einem Einsiedlermönch, der oben in der Höhle gehaust haben soll", erzählt Marlise Düx. "Und bei dem hat der Pfeifer angeblich Rat gesucht."

Historisch eindeutig belegen lässt sich das nicht. Doch viele Heimatforscher halten einen Kontakt für wahrscheinlich. Die Höhle liegt nur wenige Minuten oberhalb der damaligen Wallfahrtsstätte. Dort könnte Hans Beheim erste geistige Impulse erhalten haben. "Aber er wurde dann zum Selbstläufer", sagt Düx. "Man muss sich fragen: Wie kommt ein blutjunger, ungebildeter Mann auf solche Gedanken? Und wie konnte er das so formulieren?"

Tatsächlich erinnern viele seiner Aussagen an die religiösen Armutsbewegungen des Mittelalters: Kritik am Reichtum der Kirche, die Forderung nach Gleichheit aller Menschen vor Gott und die Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit.

Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit

Die Zeit war geprägt von Krisen. Hungersnöte, Pest, steigende Abgaben und die Willkür von Adel und Klerus lasteten schwer auf der Bevölkerung. Die alte Ordnung des Mittelalters begann zu bröckeln.

In diese Situation hinein predigte Hans Beheim vom "Recht des gemeinen Mannes". Er sprach von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, von der Gottlosigkeit des Kaisers und den Sünden der Priester. "Die Fische im Wasser und das Wild auf dem Feld sollten jedermann gehören", zitiert Marlise Düx aus alten Quellen.

Der junge Prediger wetterte gegen Luxus, gegen Unterdrückung und gegen eine Kirche, die ihre eigene Botschaft verraten habe. Besitz und Reichtum seien nicht Gottes Wille. Seine Anhänger verbrannten Schmuck und modische Kleidung in großen Feuern. Für die Obrigkeit war das brandgefährlich.

Doch für das Volk wurde Hans Beheim zum Hoffnungsträger. Zeitgenossen nannten ihn bald den "Heiligen Jüngling". Aus Franken, dem Taubertal und vom Main strömten Menschen nach Niklashausen. Schätzungen sprechen von bis zu 70.000 Anhängern. "Er muss unglaublich charismatisch gewesen sein", sagt Marlise Düx. "Es gibt Kundschafterberichte der Obrigkeit. Die schreiben, wie sehr er die Menschen in seinen Bann gezogen hat."

Der Bischof schlägt zurück

Die Bischöfe von Mainz und Würzburg beobachteten die Entwicklung zunächst mit Skepsis, dann mit wachsender Angst. Besonders Rudolf II. von Scherenberg, Fürstbischof von Würzburg, erkannte schnell die Gefahr. Am 12. Juli 1476 ließ er Hans Beheim festnehmen. "34 bewaffnete Reiter schickte Rudolf von Scherenberg nach Niklashausen", erzählt Marlise Düx. Der Prediger wurde auf die Festung Marienberg gebracht. Viele Anhänger zogen daraufhin nach Würzburg und forderten seine Freilassung. Der Aufstand wurde niedergeschlagen.

Am 19. Juli 1476 verbrannte man Hans Beheim auf dem Schottenanger nahe der heutigen Deutschhauskirche. Selbst aus den Flammen heraus soll er noch Marienlieder gesungen haben. Danach streute man seine Asche in den Main – aus Angst, sein Grab könne zur Pilgerstätte werden. Auch die Wallfahrtskirche "Santa Maria" wurde später mit einem Bann belegt. Die Kapelle verfiel oder wurde abgetragen. "Man hatte Angst, dass die Wallfahrt weitergeht", sagt Marlise Düx.

Relikte der alten Wallfahrtskirche

Und doch blieb manches erhalten. Wer heute die evangelische Kirche betritt, entdeckt noch Spuren der alten "Santa Maria". Marlise Düx zeigt auf einen hölzernen Fensterladen im Kirchenraum. Darauf ist deutlich die Jahreszahl 1476 zu erkennen. "Der soll aus der alten Kapelle stammen", sagt sie. "Die offene Acht, die Schreibweise – das passt genau in diese Zeit."

Die heutige Kirche wurde ab 1517 errichtet – zunächst allerdings nur als Langhaus. Denn inzwischen hatte Graf Georg von Wertheim die Reformation eingeführt. Bereits 1529 konnte hier der erste evangelische Gottesdienst gefeiert werden. "Wir waren sehr früh evangelisch", erzählt Düx. "Und plötzlich gab es keine Gelder mehr aus der katholischen Kirche. Deshalb blieb der Bau jahrhundertelang unvollendet."

Erst zwischen 1854 und 1858 erhielt die Kirche ihre heutige Gestalt. Noch immer erzählen Steinmetzzeichen an den Mauern von den vielen wandernden Handwerkern, die hier arbeiteten. 42 verschiedene Zeichen wurden bislang entdeckt. Besonders stolz ist Marlise Düx auf die Atmosphäre der Kirche. "Wir haben eine wunderschöne Akustik", sagt sie. "Viele Besucher fangen hier spontan an zu singen."

Ein Vorläufer Luthers?

Tatsächlich verbindet Historiker manches mit Martin Luther. Beide beriefen sich auf das Evangelium als Maßstab. Beide kritisierten Missstände in der Kirche. Beide rückten die Frage nach christlicher Freiheit in den Mittelpunkt. Doch Hans Beheim sprach unmittelbarer die soziale Not der einfachen Menschen an. Seine Botschaft war radikaler und gefährlicher.

"Das Ganze war 40 Jahre vor der Reformation", betont Marlise Düx. "Und viele seiner Forderungen tauchten später im Bauernkrieg wieder auf." Deshalb gilt Hans Beheim heute vielen Historikern als früher Vorläufer jener Umbrüche, die das 16. Jahrhundert prägen sollten.

Erinnerung zwischen Verehrung und Vereinnahmung

Lange Zeit tat man sich schwer mit seinem Andenken. Erst später entstanden Denkmäler in Helmstadt und Würzburg.

1970 griff Kultregisseur Rainer Werner Fassbinder die Geschichte in seinem Film "Niklashauser Fart" auf – ein sperriges, experimentelles Werk über Macht und Rebellion. "Anstrengend zu schauen", findet Marlise Düx schmunzelnd. "Aber natürlich gehört auch das zur Geschichte."

Heute erinnert in Niklashausen vieles an den "Pfeiferhannes": das Museum im alten Rathaus, Gedenktafeln, der Pfeifer-Rundwanderweg und regelmäßige Veranstaltungen. Vielleicht, weil seine Fragen bis heute aktuell geblieben sind: Wem gehört Macht? Wie gerecht ist eine Gesellschaft? Und wer erhebt seine Stimme für die Menschen am Rand? Die Flammen von Würzburg konnten diese Fragen nicht zum Schweigen bringen.

Mitten in der Natür: die Höhle, wo ein Mönch und Freund des Pfeifers gelebt haben soll.
Mitten in der Natür: die Höhle, wo ein Mönch und Freund des Pfeifers gelebt haben soll.