Sie sind an allen Seiten des Raumes präsent, als großformatige Fotos an der Stirnseite, als Zeichnungen an die Fensterfront Richtung Moosacher Bahnhof gelehnt, als Siebdrucke an der Wand gegenüber: Armela, Can, Selcuk, Sabina, Roberto, Hüseyin, Giuliano, Dijamant, Sevda. 

Neun Gesichter von neun Menschen, die am 22. Juli 2016 am Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) von einem rechtsextremen 18-Jährigen erschossen wurden. Zehn Jahre ist das jetzt her. Doch für ihre Angehörigen, die sich hier im Erinnerungsraum der Initiative "München OEZ erinnern!" treffen, ist der Schmerz so stark wie am ersten Tag.

"Wir waren sehr glücklich", sagt Süleyman Daitzik, Hüseyins Vater, mit sanftem Blick. "Er fehlt mir jeden Tag", sagt Yasemin Kilic beim Gedanken an ihren Sohn Selcuk mit abgrundtiefer Wehmut in der Stimme. Der 15-Jährige saß mit vier Freunden in der McDonalds-Filiale gegenüber dem OEZ, als der Täter um kurz vor 18 Uhr mit einer Pistole und 500 Patronen im Rucksack aus der Restauranttoilette kam und alle fünf erschoss. 

Der 17-jährige Hüseyin starb kurz darauf beim Eingang zu einer Tiefgarage, als der Attentäter gezielt um sich schießend Richtung Einkaufszentrum zog. Binnen Minuten brach Panik aus, die auf die ganze Stadt übergriff. Fehl- und Falschmeldungen hielten die Polizei die ganze Nacht in Atem. Der Täter selbst versteckte sich und erschoss sich, als Polizisten ihn entdeckten.

Stundenlange Suche, widersprüchliche Informationen

In diesem Chaos scheint für die Angehörigen wenig Platz gewesen zu sein. Süleyman Daitzik weiß aufgrund widersprüchlicher Angaben bis heute nicht sicher, ob sein Sohn sofort tot war oder erst zwei Stunden später im Krankenhaus starb. "Mussten die neun wirklich sterben? Warum konnten die Rettungskräfte nicht wenigstens ein Leben retten?", solche Gedanken quälen ihn und seine Frau Nayde bis heute. 

Yasemin Kilic und ihr Mann Engin erinnern sich mit Bitterkeit an ihre stundenlange Suche nach Selcuk: "Wir haben in allen Krankenhäusern nach ihm gefragt." Seinen Ausweis habe ihr Sohn immer bei sich getragen. Doch erst in den frühen Morgenstunden habe man sie ins Einsatzzelt nahe des OEZ bestellt. "Jemand hat gesagt: 'Ihr Sohn ist gestorben.' Danach mussten wir das Zelt verlassen, niemand hat sich um uns gekümmert", klagt sie an.

Es sind diese Erfahrungen, diese offenen Fragen, die die Angehörigen auch nach zehn Jahren noch umtreiben. Zufriedenstellende Antworten zu bekommen, ist nicht leicht, deshalb hat die Münchner Initiative das bundesweite "Solidaritätsnetzwerk" mitgegründet, dem knapp 25 Gruppen angehören, aus Lichtenhagen, Hanau, Halle und anderen Orten. Sie alle eint die Erfahrung, als Angehörige von Opfern rechtsextremer, rassistischer, antisemitischer oder antiziganistischer Gewalt nicht gehört zu werden.

Eine Frau und ein Mann halten das Bild eines Jungen
Süleyman und Nayde Dayıcık haben beim OEZ-Attentat am 22. Juli 2016 ihren damals 17-jährigen Sohn Hüseyin verloren.

"Bei rechtsextremer Gewalt passieren häufiger Ermittlungsfehler"

Anna Warda leitet das aus Mitteln der Bundesbeauftragten für Antirassismus geförderte Projekt "Selbstbestimmt vernetzen, erinnern und bilden" der Amadeu-Antonio-Stiftung mit Sitz in Berlin, das 13 der Initiativen - darunter auch München - bei ihrer Arbeit unterstützt. "Bei rechtsextremistischen Gewalttaten passieren häufiger Ermittlungsfehler, und vor Gericht werden rassistische Motive oft nicht anerkannt", fasst sie zusammen.

Oft würden die Angehörigen wie Verdächtige behandelt und dadurch ein zweites Mal traumatisiert, sagt Warda. Das hat auch Engin Kilic erlebt: "Ich musste viermal zur Polizei, weil im Haus des Täters angeblich auch eine Familie Kilic wohnte und sie mir nicht geglaubt haben, dass wir nichts miteinander zu tun haben", sagt er bitter.

Das Netzwerk der Betroffenen versuche zusammen mit der Amadeu-Antonio-Stiftung, solche rassistischen Muster bei Fachtagen mit Behörden und Polizei zu lösen, erklärt Anna Warda. Ihr geht es auch um mehr Transparenz: Angehörige müssten über Ermittlungsergebnisse besser informiert werden. Nur weil Initiativen wie "München OEZ erinnern!" so hartnäckig seien, kämen Details rechtsextremistischer Taten überhaupt ans Licht. "Das ist Demokratiearbeit, die für die ganze Gesellschaft wichtig ist", betont Warda.

"Diese Taten kommen aus der Mitte der Gesellschaft"

Ähnlich sieht es die Fachstelle für Demokratie der Landeshauptstadt München. "Rechtsextreme Ideologien fallen nicht vom Himmel, diese Taten kommen aus unserer Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, dass sich nicht nur die Behörden, sondern die Gesamtgesellschaft damit auseinandersetzt", sagt ein Sprecher der Fachstelle. 

Die Hintergründe und Umstände des OEZ-Attentats lückenlos aufzuklären sei wichtig, "damit die Angehörigen zumindest in dieser Hinsicht einen Abschluss mit den Geschehnissen finden können und damit Politik, Behörden und Gesellschaft die richtigen Schlüsse daraus ziehen". Seit letztem Donnerstag ist eine an den Bayerischen Landtag gerichtete Petition der Initiative "München OEZ erinnern!" online, die die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses fordert.

Bei der zentralen Gedenkfeier am zehnten Jahrestag des OEZ-Anschlags wird am Mittwoch (22. Juli) Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Rede halten, auch Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) spricht und Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne). 

Angehörige wie die Eltern von Hüseyin Daitzik und Selcuk Kilic werden da sein, doch die Polit-Prominenz bedeutet ihnen nicht viel. "Wenn jemand aus der Gesellschaft meinen Schmerz teilt, bekomme ich mehr Frieden", sagt Süleyman Daitzik. Gut für die öffentliche Aufmerksamkeit sei es. Doch schon nächstes Jahr, zum elften Jahrestag, werde keiner mehr kommen, ist Yasemin Kilic sicher. "Aber für uns ist jeden Tag der 22. Juli."