Leon Weintraub war gerade erst dem Menschenhass der Nationalsozialisten entkommen, als er sich im November 1946 für ein Medizinstudium in Göttingen einschrieb. Statt sich ebenfalls von Hass und Vergeltungsgedanken leiten zu lassen, wollte er sich der Menschenliebe widmen und Arzt werden. Das nötige Abitur musste er nebenbei nachholen, denn in den Jahren davor war sein Leben von Verfolgung und KZ-Haft geprägt.
Jetzt will der 100-jährige Holocaust-Überlebende noch einmal an seinen Studienort zurückkehren. Dort wird er gleich zweifach geehrt. Am 2. März verleiht die Universitätsmedizin der Georg-August-Universität ihm die Ehrendoktorwürde. Am 7. März erhält er den mit 10.000 Euro dotierten Göttinger Friedenspreis, gemeinsam mit der Initiative "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage".
"Beiden Preisträgern geht es vor allem darum, jungen Menschen die Gefahren von Rassismus und Antisemitismus vor Augen zu führen", so begründet die Jury ihre Auswahl. Mit Weintraub ehren die Uni und die Stiftung Dr. Roland Röhl, die den Friedenspreis vergibt, einen Mann, für den Hass und Rache Fremdwörter sind. Stattdessen setzt er auf menschlichen Austausch, Erinnerung und den gemeinsamen Weg nach vorn, so hat Weintraub es selbst in seinen im Göttinger Wallstein Verlag erschienenen Memoiren "Die Versöhnung mit dem Bösen" beschrieben.
Wir haben es am eigenen Leibe erfahren
Die Erinnerungen an das Leid im Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz, an Auschwitz und weitere Lager haben den heute in Schweden lebenden Arzt nie losgelassen. Bei einer Buchvorstellung warnte er noch Mitte Januar mit Blick auf die rechten Parteien in Deutschland und Europa vor Verharmlosung:
"Die meinen, was sie sagen. Wir haben am eigenen Leib erlebt, wozu das führt."
Leon Weintraub wurde als Sohn einer jüdischen Familie 1926 im polnischen Lodz geboren. Im August 1944 wurde er mit seiner Mutter und drei Schwestern ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Seine Mutter sah er auf der berüchtigten "Selektions-Rampe" zum letzten Mal. Nach einigen Wochen gelang es ihm, aus dem Lager zu entfliehen, indem er sich unbeobachtet vom Wachpersonal einem Transport zu einem Außenlager des KZ Groß-Rosen anschloss.
Er wog noch 35 Kilogramm
Im Februar 1945 trieben die Nazis ihn und andere auf einen Todesmarsch in das KZ Flossenbürg. Dort angekommen, "wurden wir für die Quarantäne auf einer Pritsche zu viert untergebracht, ab und zu einmal aufgewacht, morgens mit einem kalten Fuß an der Wange", schilderte er später: "Ein Leidensgenosse war für immer eingeschlafen."
80 Jahre nach der Befreiung von Flossenbürg hat im April letzten Jahres Weintraubs Tochter Emilia Rotstein noch einmal ins Gedächtnis gerufen, was ihr Vater erlebte, als er im Februar 1945 als Gefangener mit der Flossenbürger Häftlingsnummer 82707 in das Lager kam. Wie sich ein Haufen von Menschenkörpern in Häftlingsanzügen über den Appellplatz bewegte. Um die Eiseskälte auszuhalten, klammerten sich diese bibbernden und zitternden Gefangenen aneinander - wie an einen menschlichen Ofen, so schilderte sie es eindringlich. Der Vater, der im Publikum saß, und die Tochter kämpften beide mit den Tränen.
Weintraub hat immer wieder über diese für ihn ikonische Szene berichtet, weil sie etwas mit ihm gemacht habe: "Ich betrete den Appellplatz und sofort kommen leichte Störungen und Vibrationen vom Boden über die Füße an meinen Körper. Es sind die Erinnerungen an diesen Haufen von Menschenkörpern in der Gefangenenzeit", sagte er vor gut zwei Jahren im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Telefon.
"Der Tod war etwas Gegebenes"
Bis heute gebe es diese Bilder von Flossenbürg in seinem Kopf, "obwohl ich zu dieser Zeit mehr tot als lebendig war", berichtete er. Das Übernachten unter engsten Bedingungen, die Kälte und der Hunger: "Das habe ich nicht einmal in Auschwitz so erlebt oder in den Außenlagern von Groß-Rosen wie in diesem furchtbaren Flossenbürg."
In dem Oberpfälzer Konzentrationslager vegetierten die Gefangenen dahin, apathisch, ausgemergelt von den Arbeiten im Steinbruch und dem permanenten Hunger: "Der Tod war etwas Gegebenes", beschrieb es Weintraub. "Es war keine Überraschung, dass man sterben sollte."
Bei der Evakuierung von Flossenbürg wurde er über verschiedene Stationen weiter in das Außenlager Offenburg des KZ Natzweiler-Struthof deportiert. Die französische Armee befreite ihn schließlich bei Donaueschingen. Weintraub wog nur noch 35 Kilogramm und musste wegen einer Typhusdiagnose mehrere Wochen im Krankenhaus behandelt werden.
In Stockholm beginnt sein drittes Leben
Er kämpfte sich zurück ins Leben. Aus seiner Lagererfahrung heraus habe er die Entscheidung gefällt, Arzt zu werden und in der Geburtshilfe tätig zu sein, sagte er einmal. Weintraub praktizierte nach dem Studium zunächst als Arzt in Warschau. Doch 1969 emigrierte er nach einer antisemitischen Welle in Polen nach Stockholm und begann dort quasi sein "drittes" Leben.
Nach Flossenbürg kehrte er 2008 zum ersten Mal zurück und empfand eine Art von souveräner "Genugtuung", wie er es ausdrückt. Für das Sprechen über seine Zeit in den nationalsozialistischen Lagern habe es Zeit gebraucht. Doch dann reiste er mit der kompletten Familie an, mit den drei Söhnen, seiner Tochter, den Enkeln und seiner Frau.
Er sehe sich als ein lebendiges Lehrmittel im Geschichtsunterricht, so beschreibt er in dem Buch "Nach der Nacht. Holocaustüberlebende über die Zukunft der Demokratie" sein Engagement in Schulen, in denen er viele Male aus seinem Leben berichtet hat: "Denn diese Geschehnisse in Vergessenheit geraten zu lassen, hieße, die unschuldigen Millionen Opfer noch einmal zu töten."