Jugendarbeit hat sich in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. In knapp zwei Wochen beginnen die Sommerferien. Mit einem Schwimmbadbesuch oder einem Ausflug in den Wildpark lockt man heute kaum noch einen Jugendlichen hinter dem Smartphone hervor. Stefan Greißinger, Geschäftsführer des Stadtjugendrings Bayreuth, erklärt, warum klassische Jugendarbeit an ihre Grenzen stößt – und warum er sie trotzdem für unersetzlich hält.

Sommerferien sind auch gleichzeitig Hochphase der Jugendarbeit: Ferienprogramme, offene Treffs, Freizeiten. Der Stadtjugendring Bayreuth, Dachverband zahlreicher Jugendverbände in der Stadt, koordiniert einen Großteil dieser Angebote. Der Stadtjugendring ist dabei nicht nur Beobachter des Wandels, sondern selbst Partei: Als Dachverband hängt seine eigene Finanzierung an genau den Debatten, die Greißinger beschreibt. Wie hat sich die Arbeit mit jungen Menschen in den vergangenen zehn Jahren verändert – und was bedeutet das für die Angebote, die jetzt wieder anlaufen?

Ein fester Termin, jede Woche zur gleichen Zeit, ein Raum mit Kicker und Billardtisch und ein paar Plakate in der Stadt: Über viele Jahre hinweg funktionierte Jugendarbeit nach einem vergleichsweise verlässlichen Muster. Wer Interesse hatte, kam zur Gruppenstunde, zum offenen Treff oder zum Wochenendseminar. Heute ist die Lage komplizierter. Nicht, weil Jugendliche grundsätzlich keine Lust mehr auf Gemeinschaft hätten, sondern weil ihre Lebenswelt schneller, unübersichtlicher und fordernder geworden ist.

"Die größte Veränderung ist aus meiner Sicht die Geschwindigkeit, mit der sich die Lebenswelt junger Menschen verändert", sagt Greißinger. Vor zehn Jahren sei Jugendarbeit vor allem Freizeitgestaltung innerhalb fester Terminstrukturen gewesen. Heute gehe es um deutlich mehr: um Orientierung, soziale Kompetenzen, Verlässlichkeit und um Räume, in denen junge Menschen ohne Erwartungen und Leistungsdruck einfach sie selbst sein könnten.

Gleichzeitig seien die Aufgaben gewachsen, während die finanziellen Spielräume immer kleiner würden. Jugendarbeit solle Familien unterstützen, gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, Krisen auffangen und Jugendlichen Halt geben – und das in einer Zeit, in der junge Menschen permanent erreichbar seien, sich mit einer kaum endenden digitalen Reizflut auseinandersetzen müssten und unter enormem Leistungsdruck stünden.

Nicht die Jugendlichen haben sich verändert

Dass Jugendliche heute grundsätzlich anders seien als frühere Generationen, glaubt Greißinger nicht. Auch heute wollten junge Menschen Freundschaften schließen, etwas erleben, sich ausprobieren und ernst genommen werden. Verändert habe sich vielmehr die Welt, in der sie aufwachsen.

Kriege, Klimawandel, wirtschaftliche Unsicherheit und gesellschaftliche Polarisierung seien für viele Jugendliche keine abstrakten Themen aus den Nachrichten, sondern Teil ihrer täglichen Lebensrealität. Hinzu kämen soziale Medien, ständige Vergleiche und die Erwartung, sich immer wieder an neue Entwicklungen anzupassen.

"Jugendlichen wird heute eine enorme Anpassungsleistung abverlangt, während verlässliche Freiräume im realen Leben knapper geworden sind", sagt Greißinger. Gerade deshalb müsse Jugendarbeit mehr sein als ein gut gefüllter Veranstaltungskalender. Sie müsse Räume eröffnen, in denen nicht ständig bewertet werde und nicht jede Minute einen messbaren Nutzen haben müsse.

Die digitale Welt ist dabei nicht nur Konkurrenz, sondern Kommunikationsmittel, Treffpunkt und selbstverständlicher Teil des Alltags. Trotzdem konkurrieren Ferienprogramme, Freizeiten und Veranstaltungen heute mit Gaming, Streaming, Social Media und einer nahezu unbegrenzten Auswahl an digitalen Angeboten. Das bedeute allerdings nicht, dass Jugendliche kein Interesse mehr an realen Veranstaltungen hätten. Wenn ein Angebot attraktiv sei und echte Erlebnisse ermögliche, kämen junge Menschen weiterhin gerne. "Gerade Ferienfreizeiten oder Aktionen, bei denen Gemeinschaft erlebt wird, schaffen Erinnerungen, die kein Bildschirm ersetzen kann."

Verbindlichkeit als Auslaufmodell

Verändert habe sich weniger das grundsätzliche Interesse als vielmehr die Verbindlichkeit. Jugendliche legten sich häufig später fest als früher, hielten sich verschiedene Möglichkeiten offen und entschieden spontan. Bei offenen Veranstaltungen wisse man teilweise erst nach Beginn, ob fünf oder fünfzig Menschen kämen, beschreibt Greißinger die Situation.

Auch die Werbung habe sich grundlegend verändert. Ein Flyer oder ein Plakat allein reiche meist nicht mehr. Jugendliche müssten über Social Media, das Internet und persönliche Empfehlungen erreicht werden. Noch wichtiger als die Werbung sei jedoch die Beteiligung. Jugendliche wollten nicht nur ein fertiges Angebot präsentiert bekommen, sondern mitentscheiden, mitgestalten und eigene Ideen einbringen.

"Wer nur ein Programm für Jugendliche anbietet, wird sie oft nicht erreichen", sagt Greißinger. Der Name einer Veranstaltung allein genüge heute nicht mehr. Es müsse deutlich werden, warum sich das Mitmachen lohne.

Kicker und Billardtisch reichen nicht mehr

Offene, unverplante Räume zum Verweilen bleiben dabei ein großer Wunsch vieler Jugendlicher – ein wettersicherer Ort, an dem sie ohne "Bespaßungsprogramm" einfach sein können. Doch das ist aus Sicht des Stadtjugendrings die eine Seite. Bei organisierten Angeboten, wie der Jugendring sie macht, reiche ein Raum allein nicht mehr aus – da werde mehr Inhalt erwartet als nur ein Kicker oder ein Billardtisch. Junge Menschen suchten Ansprechpartner, Beteiligung und echte Aufmerksamkeit – Menschen, die sich Zeit nähmen und Interesse an ihren Gedanken und Ideen zeigten. Auch klassische, theorielastige Wochenendseminare ohne Erlebnischarakter hätten es inzwischen schwer.

Dass junge Menschen durchaus politisch interessiert seien, erlebe der Stadtjugendring etwa bei den U18-Wahlen oder bei Planspielen – vor allem dann, wenn die Themen einen konkreten Bezug zum eigenen Alltag haben, etwa Schule, öffentliche Räume oder Freizeitmöglichkeiten, statt parteipolitischer Grundsatzdebatten. Auch Familienfeste sowie Bastel- und Kreativangebote kommen gut an. Entscheidend ist dabei immer dieselbe Mischung: Jugendliche müssen selbst aktiv werden können, Gemeinschaft erleben und dabei Spaß haben.

Digital verbunden und trotzdem einsam

Je größer der Anteil digitaler Kommunikation werde, desto wichtiger seien persönliche Begegnungen – für Greißinger kein Widerspruch. Digitale Angebote könnten Kontakte erleichtern, Freundschaft und Vertrauen entstünden jedoch vor allem durch gemeinsam verbrachte Zeit. "Ich würde sogar sagen: Persönliche Begegnungen sind wichtiger geworden", betont er. Gerade nach den Erfahrungen der Corona-Pandemie – mit weggebrochenen sozialen Kontakten und belastetem psychischem Wohlbefinden bei vielen jungen Menschen – sei deutlicher geworden, welchen Wert gemeinsames Lachen oder einfach das Zusammensitzen haben.

Jugendarbeit könne geschützte Räume schaffen, in denen Begegnung ohne Leistungsdruck möglich sei. Hinzu kämen finanzielle Sorgen in vielen Familien: Angebote müssten deshalb bezahlbar, möglichst kostenfrei und leicht zugänglich sein. "Kein Kind und kein Jugendlicher in Bayreuth darf abgehängt werden, nur weil das Geld in der Familie gerade knapp ist", sagt Greißinger. "Jugendarbeit ist der soziale Stoßdämpfer unserer Gesellschaft." Ob das reicht, um Förderkürzungen und schrumpfende kommunale Budgets zu kompensieren, sagt Greißinger nicht.

Brücken zwischen unterschiedlichen Lebenswelten

Gleichzeitig werde es anspruchsvoller, Jugendliche aus unterschiedlichen sozialen, kulturellen und religiösen Hintergründen zusammenzubringen, deren Lebenswelten sich im Alltag kaum noch berühren. Jugendverbände, Vereine und offene Angebote könnten solche Begegnungen ermöglichen – im Idealfall unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Religion. Über Sport, Kultur oder niederschwellige Veranstaltungen im öffentlichen Raum, in Zusammenarbeit mit Schulen und Sportvereinen, könnten Jugendliche erreicht werden, die sonst kaum miteinander in Kontakt kämen.

Beteiligung darf keine Worthülse bleiben

Auch in den kommenden zehn Jahren werde sich Jugendarbeit weiter verändern. Digitale Angebote würden selbstverständlich dazugehören, Künstliche Intelligenz werde neue Möglichkeiten eröffnen. Trotzdem müsse der Mensch im Mittelpunkt bleiben. "Das Herzstück muss der Mensch bleiben", sagt Greißinger. Jugendliche bräuchten Orte, an denen sie ernst genommen würden und erlebten, dass ihre Meinung tatsächlich etwas bewirke.

Dafür brauche professionelle Jugendarbeit eine verlässliche finanzielle und strukturelle Grundlage. "Wir müssen den Mut haben, Jugendlichen echte Macht und echte Budgets zu übertragen, damit Partizipation keine Worthülse bleibt." Dann könne Jugendarbeit auch künftig das leisten, was kein Bildschirm ersetzen wird: Menschen zusammenbringen, Vertrauen schaffen und jungen Menschen zeigen, dass sie mit ihren Ideen tatsächlich etwas verändern können.