Es gibt Meinungen, die muss eine offene Gesellschaft aushalten. Und es gibt Aussagen, denen man widersprechen muss. Der Leserbrief des ehemaligen Fuldaer Pfarrers Winfried Abel, der am vergangenen Freitag in der "Fuldaer Zeitung" veröffentlicht wurde, gehört für mich zur zweiten Kategorie.
Abel verurteilt den Anschlag auf den Berliner CSD zwar ausdrücklich als "brutal und menschenverachtend". Gleichzeitig fordert er Christen auf, die Tat als "Signal des Himmels" und als "Aufruf zur Besinnung und zur Umkehr" zu verstehen. Den CSD bezeichnet er als "Parade der Schamlosigkeit" und spricht von einer "Verherrlichung der Perversion".
Genau hier liegt die Grenze. Denn ein Mensch hat einen anderen Menschen getötet, weitere verletzt und Angst verbreitet. Das ist keine Botschaft Gottes. Das ist die Tat eines Menschen – und die Verantwortung dafür liegt beim Täter.
Wenn aus Opfern plötzlich die Schuldigen werden
Wer daraus ein "Signal des Himmels" macht, verschiebt den Blick weg vom Täter. Plötzlich sollen ausgerechnet diejenigen, die angegriffen wurden, über ihre angebliche "Umkehr" nachdenken.
Umkehr wovon eigentlich? Davon, dass sie sichtbar sind? Dass sie für gleiche Rechte demonstrieren? Dass sie lieben, wen sie lieben?
Nein. Der CSD steht für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und das Recht queerer Menschen, frei und ohne Angst zu leben. Wer diese Sichtbarkeit als "Schamlosigkeit" und queere Lebensweisen als "Perversion" bezeichnet, wertet Menschen ab. Und wer dann auch noch einen tödlichen Anschlag auf genau diese Menschen als göttliches "Signal" deutet, macht aus den Angegriffenen plötzlich diejenigen, die sich ändern sollen. Das ist keine Aufforderung zur Besinnung, sondern eine Umkehrung von Täter und Opfer.
Denn wohin würde diese Logik führen? Ist ein Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt dann ein Zeichen Gottes, dass Christ:innen kein Weihnachten mehr feiern sollten? Natürlich nicht. Wir würden sagen: Ein Mensch hat Gewalt ausgeübt. Und genau das sollten wir auch beim CSD sagen.
Der CSD ist keine "Parade der Schamlosigkeit"
Der CSD ist außerdem weit mehr als eine Parade. Er ist Protest, Demonstration und politische Kundgebung. Es geht um Sichtbarkeit, Sicherheit und gleiche Rechte. Und ja, er darf auch fröhlich sein. Queere Menschen müssen sich nicht dafür schämen, sichtbar zu sein und und das einfach als "Nacktheit" abzuwerten ist nicht nur eine sehr rückwärtsgewandte Einstellung, sondern auch inhaltlich falsch. Das Fuldaer Motto "Jetzt erst recht" ist deshalb die richtige Antwort auf den Anschlag: nicht leiser werden, nicht zurückweichen, nicht unsichtbar werden.
Besonders bitter ist, dass diese Worte von einem ehemaligen Pfarrer stammen. Das Bistum Fulda hat sich deshalb klar distanziert und daran erinnert, dass jeder Mensch als Ebenbild Gottes eine unveräußerliche Würde besitzt. Daraus erwachse der Auftrag, allen Menschen mit "Achtung, Respekt und Nächstenliebe" zu begegnen – unabhängig von sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität.
Gut so. Denn genau daran muss sich Kirche messen lassen. Auch wenn es zu einfach wäre, aus diesem Leserbrief eine Geschichte über "die katholische Kirche" zu machen: Es gibt zahlreiche katholische Menschen, Gemeinden und Verbände, die sich für queere Menschen einsetzen.
Warum das Bistum Fulda klar widersprechen musste
Gleichzeitig bleibt die katholische Kirche bei der Gleichstellung homosexueller Menschen weit hinter dem zurück, was viele andere Gläubige längst leben. Die katholische Kirche bewertet homosexuelle Beziehungen in ihrer Lehre weiterhin anders als heterosexuelle. Gleichgeschlechtliche Paare können nicht kirchlich heiraten. Queere Katholik:innen erleben diese Haltung als Diskriminierung oder Ausgrenzung.
Umso wichtiger wäre es, dass Kirche nicht den Eindruck vermittelt, queere Menschen müssten sich für ihre Existenz oder ihre Liebe rechtfertigen. Es liegt auch kein Wandel weg von der Fronleichnamsprozession hin zu CSD vor, wie der Ex- Pfarrer in seinem Brief schreibt. Dass immer weniger Menschen katholische Feste und Traditionen zelebrieren, ist wenn dann schon die Schuld der katholischen Kirche nicht queerer Menschen, das redet er sich wohl schön. Oder ist es doch ein Zeichen Gottes, dass die Fronleichnamprozessionen immer schlechter besucht werden?
Natürlich muss eine demokratische Gesellschaft unterschiedliche Meinungen aushalten. Dafür braucht es öffentlichen Diskurs. Aber Diskurs bedeutet nicht, dass Betroffene jede Form der Abwertung hinnehmen müssen.
Queere Menschen müssen nicht akzeptieren, wenn ihre Beziehungen, ihre Sexualität oder ihre Identität abgewertet werden. Und auch eine kirchliche Position ist nicht automatisch vor Widerspruch geschützt, nur weil sie religiös begründet wird.
Diskurs endet dort, wo Menschen abgewertet werden
Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen einem offenen Diskurs und Menschenfeindlichkeit zu unterscheiden. Eine Gesellschaft lebt davon, dass wir unterschiedliche Ansichten diskutieren können. Sie lebt aber ebenso davon, dass wir widersprechen, wenn Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität abgewertet und ausgeschlossen werden. Und vielleicht wäre "Umkehr" tatsächlich ein gutes Wort. Nur eben nicht für queere Menschen am CSD und eine Gesellschaft, die diese akzeptiert.
Auch die Fuldaer Zeitung muss sich fragen lassen, ob sie einen solchen Leserbrief veröffentlichen musste.
Die Zeitung hat sich inzwischen auch deutlich positioniert. Ihr Chefredakteur Tobias Farnung schreibt, dass die Deutung des Anschlags als "Signal des Himmels" eine Grenze überschreite, weil den Opfern damit nachträglich ihre Würde genommen werde.
Warum der CSD nach Berlin wichtiger ist denn je
Das ist entscheidend. Denn vielleicht ist es sogar wichtig, dass solche Ansichten sichtbar werden. Damit wir wissen, dass sie existieren. Damit wir ihnen widersprechen können und menschenfeindliche Personen benannt werden. Und damit deutlich wird, warum der Kampf um Akzeptanz und Gleichberechtigung noch nicht vorbei ist und damit CSDs genau deshalb wichtig sind.
Die eigentliche "Parade der Schamlosigkeit" ist jedenfalls nicht der CSD. Schamlos ist es, Menschen nach einem Terroranschlag zu erklären, die Gewalt gegen sie sei ein göttlicher Wink.
Der Anschlag von Berlin war kein Signal des Himmels. Er war ein Angriff auf Menschen, die für Freiheit und Gleichberechtigung einstehen. Genau deshalb braucht es den CSD.