Am Anfang stand der Zufall. Bestatter Luis Bauer entdeckte mit seinem Vater auf einer Fachmesse einen Pilzsarg. Die beiden waren sofort begeistert. "Das war mal etwas ganz anderes", erinnert sich Luis, Familienspross in sechster Generation im Fürther Familienbetrieb Bestattungen Burger. Das Produkt eines niederländischen Jungunternehmens für Erd- und Feuerbestattungen gilt als 100 Prozent umweltfreundlich. Er wächst aus einem Pilz-Hanfgranulat in einer vorgefertigten Form und kommt in der Herstellung ohne Wärme, Strom oder Licht aus.

Die Idee dahinter: Der Pilzsarg zersetzt sich in seine natürlichen Bestandteile. Selbst die Tragegriffe sind nicht aus Metall, sondern aus unbehandeltem Leinen. Nach einer Beisetzung fangen die Pilze in der feuchten Erde wieder an, zu wachsen. "Der Verstorbene liegt nur auf Moos, der natürliche Kreislauf der irdischen Dinge beginnt", erklärt Bauer. Der Pilz beschleunige die Zersetzung des Toten.

Keine Gefahr von Pilzplantagen auf dem Friedhof

Selbst wenn sich dieser Sarg in der Breite durchsetzen würde, bestehe keine Gefahr, dass sich Friedhöfe in Pilzplantagen verwandeln. Die Pilze unterstützen die Mikroorganismen im Boden, aber sie gelangen nicht an die Oberfläche. "Ich kann die Vorstellung nachvollziehen, aber die Realität schaut anders aus", so Bauer.

"Dieser Cocoon ist eine sehr innovative und zeitgemäße Idee", findet der junge Thanatopraktiker, sozusagen ein Einbalsamierer. "Nachhaltigkeit ist ein weltweites Thema." Ein konventioneller Sarg benötige allein an Holz mindestens einen halben Baum. Hinzu kommen Metallschrauben, Lacke, Auspolsterung sowie Material und Energie für die Fertigung.

Noch die Ausnahme bei der Sargwahl

Angehörige blieben im Ausstellungsraum des Bestatters auf jeden Fall bei dem neuen Produkt hängen. "Er fühlt sich etwas styroporartig an und etwas wie ein Camembert", beschreibt es der 20-jährige Luis Bauer. Das Interesse sei groß, am Ende falle die Entscheidung aber meistens doch für eine herkömmliche Lösung. Bei denjenigen, die sich für das neuartige Material entschieden haben, sei der Verstorbene etwa ein passionierter Pilzsammler und viel im Wald unterwegs gewesen. "Es waren Menschen, die sich auch zu Lebzeiten gut mit dem Pilzsarg hätten identifizieren können", schätzt Bauer. Für andere Familien gab schlicht die nachhaltige Idee den Ausschlag.

Ganz billig ist die Idee des niederländischen Architekten, der eigentlich zu lebenden Baustoffen geforscht hatte, nicht. Mit rund 2.500 Euro liege man im höherpreisigen Produktbereich. Generell kosten etwa günstige Sperrholzvarianten zum Einäschern nur ein paar hundert Euro. Für gehobene Ausführungen bis hin zu Designersärgen können aber auch mehrere tausend Euro fällig werden. Immerhin pflanzt Bestattungen Burger für jeden Pilzsarg noch einen Baum: "So unterstreichen wir den Nachhaltigkeitsgedanken."

Nicht auf allen Friedhöfen möglich

Völlig unproblematisch ist eine Bestattung im Pilzsarg nicht. Das hänge oftmals von der einzelnen Friedhofsverwaltung ab. "Die Reaktionen sind gemischt, manche Friedhöfe finden es eine Superidee, bei manchen ist es nicht möglich", erzählt der Bestatter. Das eigentliche Problem sieht Bauer in der Größe: Der Sarg ist mit 2,16 Metern deutlich länger als ein herkömmlicher Sarg. Das könne beim Aushub eines Grabes Probleme bereiten, weil man möglicherweise durch das fehlende Standardmaß auf Felsfundamente stößt.

Friedhöfe haben außerdem einen genauen Blick auf die Bestattungsformen. Grundsätzlich soll sich ein Leichnam innerhalb der festgelegten Ruhefrist zersetzen. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) aus Erlangen verweist deshalb auf Anfrage auf den "Hygieneleitfaden Friedhöfe". Demnach soll ein Sarg aus Materialien bestehen, die bei Erdbestattungen eine schadstofffreie Zersetzung ermöglichen. Dabei sei es insbesondere angesichts feuchter und lehmiger Böden, die in Bayern oftmals anzutreffen sind, notwendig, Störungen bei der Zersetzung des Leichnams vorzubeugen.

Hierbei erfülle ein klassischer Holzsarg mit seinem Hohlraum eine wichtige Funktion für die Zersetzung eines Leichnams. Mit Blick auf den Pilzsarg, der sich innerhalb von Wochen komplett auflöst, stellt das LGL fest: "Ob dies für einen guten Zersetzungsprozess ausreicht oder nicht, hängt von der jeweiligen Bodenbeschaffenheit des Friedhofes ab." Entsprechend liege es an den einzelnen Gemeinden, mit einem individuellen Blick einen Pilzsarg zu genehmigen oder auch abzulehnen.

Bestatter wirbt auf Social Media für den Sarg

Bauer sieht sich in einer Art Vorreiterrolle, um die neue Sarg-Idee voranzubringen. Deshalb hat er diesen auch auf seinen 1,7 Millionen Follower starken Social-Media-Kanälen vorgestellt, auf denen er zusammen mit seinem Vater Johannes Bauer seit 2020 Einblicke hinter die Kulissen des Familienbetriebs gibt. Inzwischen hat dieser auch eine Pilzurne im Angebot.