Erlangen (epd). Als kritische Reaktion auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum assistierten Suizid von 2020 hat der Erlanger Gesprächskreis zu medizinethischen Grundsatzfragen ein Positionspapier vorgestellt. Unter der Frage "Sterben auf Rezept?" plädieren die Mitglieder für eine "kritische Grundlagenreflexion zum Umgang mit Wünschen nach Suizidassistenz" und warnen vor einer "gesellschaftlichen Normalisierung", hieß es am Mittwochabend bei einer digitalen Diskussionsrunde. Zwar habe das Urteil beispielsweise für Sterbehilfevereine Klarheit geschaffen, "gleichwohl bleiben wichtige ethische, politische und rechtliche Fragen offen".
So beanstandet Heiner Bielefeldt vom Lehrstuhl für Menschenrechte der Universität Erlangen-Nürnberg, dass der Begriff der Autonomie - der im Urteil sehr häufig verwendet wird - "substanzlos bleibt". Die zwischenmenschliche Dimension eines Suizids gerate in den Hintergrund. Außerdem würde durch das Urteil "der Akt der gewollten Selbsttötung als jenseits von Gut und Böse" dargestellt und "jeder normativen Rückfrage entzogen". Pfarrerin Regina Korn-Clicqué, evangelische Klinikseelsorgerin am Universitätsklinikum Erlangen, fügte die Befürchtung hinzu, "dass wir Leid nicht mehr als zugehörig zum menschlichen Leben empfinden".
Die Medizinhistorikerin Renate Wittern-Sterzel wies zudem auf den Konflikt für medizinisches Personal hin. Das Selbstverständnis etwa von Ärztinnen und Ärzten stehe der neu geschaffenen Erwartung, den Zugang zu tödlichen Medikamenten zu ermöglichen, diametral entgegen.
Der Erlanger Gesprächskreis zu medizinethischen Grundsatzfragen setzt sich aus Expertinnen und Experten aus verschiedenen Praxisfeldern im Umfeld der Uni und des Uniklinikums zusammen. In Zukunft solle es weitere Möglichkeiten geben, über das Positionspapier zu diskutieren.